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MEDIA RESEARCH BLOG

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​Verbinden oder spalten? Was Medien leisten (sollten)

​Verbinden oder spalten? Was Medien leisten (sollten)

26.04.2024

Ob Information oder Unterhaltung – Medien bieten uns einen Blick über den eigenen Tellerrand. Neben den klassischen Massenmedien ermöglicht die Etablierung digitaler Medien eine breite Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs, lässt aber auch Befürchtungen über eine Fragmentierung und Polarisierung der Gesellschaft aufkommen. Denn Medien konfrontieren uns zwar mit unterschiedlichen Sichtweisen, regen aber auch gesellschaftliche Debatten an, in denen die Meinungen weit auseinander gehen können. Gelingt es Medien auf der anderen Seite jedoch auch, den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland zu fördern? Zu dieser Frage wurden 1.001 Erwachsene in Deutschland befragt – der Blogbeitrag fasst zentrale Ergebnisse zusammen.
von Dr. Irene Broer.

Der Beitrag erschien zuerst auf dem Blog des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ).


Für eine funktionierende Demokratie sind Medien unerlässlich: Im Idealfall informieren sie die Bürger:innen über aktuelle Geschehnisse und repräsentieren vielfältige Meinungen sowie unterschiedliche soziale oder kulturelle Lebensumstände. Sie sollen Bürger:innen in die Lage versetzen, unterschiedliche Perspektiven zu verstehen, sich eine eigene Meinung zu bilden und informierte Entscheidungen zu treffen. Entlang dieses Bildes lassen sich einige sogenannte Medienleistungen definieren, die die idealtypischen demokratiefördernden und zusammenhaltsrelevanten Funktionen von Medien in der Gesellschaft zum Ausdruck bringen. Dazu gehören die Verbreitung von Informationen zu wichtigen aktuellen Themen, die Darstellung der Vielfalt von Standpunkten und Lebensrealitäten in der Gesellschaft, die Sicherstellung, dass sich alle Menschen in Deutschland in den Medien repräsentiert sehen, sowie die Förderung der gesellschaftlichen Integration.

In Deutschland kommt dafür insbesondere dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine zentrale Rolle zu. Das ZDF, die ARD-Sender und das Deutschlandradio werden über den Rundfunkbeitrag finanziert, der in der Regel von allen Haushalten in Deutschland gezahlt wird. Damit sind die öffentlich-rechtlichen Medien ein Stück weit vor den Tücken des Marktes, der staatlichen Haushaltslage oder politischen Erwägungen geschützt. Im Gegenzug sind sie in ihrer Programmgestaltung nicht völlig frei, sondern an einen Auftrag gebunden: Laut Medienstaatsvertrag, einem wesentlichen Regulierungstext der bundesdeutschen Medienordnung, sollen sie einen umfassenden Überblick über das internationale, europäische, nationale und regionale Geschehen geben und die individuelle und öffentliche Meinungsbildung fördern. Damit ist es aber noch nicht getan: Sie müssen auch zu internationaler Verständigung und europäischer Integration beitragen und den gesamtgesellschaftlichen Diskurs sowie – und das wird explizit erwähnt – den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland fördern.
Vielfältige Mediennutzung in Deutschland
Doch Medien sind vielfältig: Neben öffentlich-rechtlichen Angeboten gibt es zahlreiche private Radio- und Fernsehsender sowie ein breites Spektrum an lokalen und überregionalen Tages- und Wochenzeitungen. Zudem gewinnen digitale Angebote in sozialen Medien, Nachrichtenportalen und Unterhaltungsplattformen immer mehr an Bedeutung. Das morgendliche Ritual der Zeitungslektüre wird mehr und mehr zum Scrollen durch algorithmisch personalisierte Headlines oder Reels; Plattformen erleichtern die direkte Beteiligung an öffentlichen Debatten, öffnen aber gleichzeitig Desinformation und Hassrede Tür und Tor. Diese Veränderungen in der Medienlandschaft haben Auswirkungen darauf, wie die Medien ihre demokratische Funktion in der Praxis erfüllen. Und es bedeutet, dass unser Medienrepertoire aus einer Vielzahl von Angeboten bestehen kann – ob Print, Digital oder Rundfunk –, die wir für unterschiedliche Zwecke nutzen können. Doch wie nutzen die Menschen in Deutschland dieses vielfältige Medienangebot?

In einer repräsentativen Umfrage des FGZ-Standorts Hamburg wurden 1.001 Erwachsene in Deutschland dazu befragt, welche Medienangebote sie nutzen, um sich über aktuelle Ereignisse zu informieren. Die Befunde bestätigen das Bild, das wir auch aus anderen Studien kennen: Eine große Mehrheit der Bevölkerung, in unserer Studie 83,5 Prozent der Befragten, nutzt das öffentlich-rechtliche Fernsehen; 58,5 Prozent der Befragten schalten es sogar täglich oder mehrmals täglich ein, um auf dem Laufenden zu bleiben. Dicht gefolgt wird das öffentlich-rechtliche Fernsehen vom öffentlich-rechtlichen Hörfunk. Auch das Privatfernsehen wird von 62,5 Prozent der Befragten zur Information genutzt – allerdings eher gelegentlich als täglich. Für die tägliche Information sind neben den öffentlich-rechtlichen Medien auch soziale Medien wie Facebook, Twitter, Instagram und TikTok sehr beliebt: Die Hälfte der Befragten gibt an, diese zu nutzen, 35,2 Prozent sogar täglich. YouTube wird ebenfalls von der Hälfte der Befragten genutzt, aber eher wöchentlich oder noch seltener.

Und Zeitungen und Nachrichtenmagazine, werden die in Deutschland überhaupt noch gelesen? Allerdings: Knapp die Hälfte der Befragten liest Regionalzeitungen, 25,7 Prozent sogar täglich; die Hälfte liest Nachrichtenmagazine wie Der Spiegel, und knapp ein Drittel der Befragten liest überregionale Zeitungen wie die FAZ oder die Süddeutsche Zeitung, wenn auch nicht als tägliches Ritual, sondern eher selten. Dafür muss man sich wohl bei Kaffee und Frühstücksei die Zeit nehmen können. Boulevardzeitungen wie BILD sind als Nachrichtenquellen am wenigsten beliebt: Nur 18,6 Prozent der Befragten geben an, sie zu nutzen, um sich zu informieren.

Soweit der Durchschnitt, denn eine Gruppe sticht heraus: die jungen Erwachsenen zwischen 18 und 29 Jahren. Ihre beliebtesten Informationsquellen für aktuelle Ereignisse sind YouTube (von 87,2 Prozent zumindest gelegentlich genutzt) und soziale Medien (von 84,2 Prozent genutzt), gefolgt von öffentlich-rechtlichem Fernsehen (von 70,6 Prozent genutzt) und Online-Streamingdiensten wie Netflix (von 70,1 Prozent genutzt). Ihr tägliches Informationsverhalten ist dabei vor allem durch die genannten digitalen und algorithmisch-personalisierten Medien geprägt. Dabei steht das allabendliche Einschalten der Tagesschau für die meisten Jüngeren nicht auf dem Programm: Nur ein Viertel der jungen Befragten nutzt das öffentlich-rechtliche Fernsehen täglich.

Auf Grundlage dieser repräsentativen Befragung lässt sich vermuten, dass die Menschen in Deutschland sich auf vielfältigen Wegen informieren: Eine deutliche Mehrheit (65,3 Prozent) der Befragten nutzt mindestens fünf Quellen, um sich über das aktuelle Geschehen auf dem Laufenden zu halten. Für die meisten sind lineare, redaktionelle Medienangebote wie Zeitungen, Fernsehen und Radio, vor allem der öffentlich-rechtlichen Sender, nach wie vor die beliebtesten Informationsquellen. Allerdings macht sich eine Generationenkluft bemerkbar: Bei den jüngeren Generationen etablieren sich vor allem digitale und algorithmisch personalisierte Medien als wichtige Quellen. Von allen Altersgruppen nutzt sie das öffentliche Fernsehen und Radio am wenigsten, ein Drittel sogar selten oder nie.
Wie Medien zum Zusammenhalt beitragen
Die Befragten wurden auch um eine Einschätzung der zusammenhaltsrelevanten Leistungen der von ihnen genutzten Medienangebote gebeten. Wie gut gelingt es diesen Angeboten, aktuelle und relevante Themen abzubilden? Zeigen sie ausreichend die Vielfalt der Meinungen und Lebensrealitäten in der Gesellschaft? Sehen sich die Nutzer:innen mit ihrer persönlichen Lebensweise in den Medien repräsentiert? Und generell: Wie beurteilen die Menschen den Beitrag der von ihnen genutzten Medien zum gesellschaftlichen Zusammenhalt?

Die Nutzer:innen zeigen sich hier weitgehend positiv: Keines der genutzten Medienangebote, ob Tageszeitung, Internetportal oder Fernsehsender, wird von ihnen mit Blick auf die oben genannten Fragen als ausgesprochen schlecht bewertet. Wenn es um die Abbildung von Aktualität geht, zeigen sich besonders die Nutzer:innen der öffentlich-rechtlichen Medien sowie die Leser:innen der überregionalen Tageszeitungen sehr zufrieden und benoten diese Medienangebote mit »eher gut« bis »sehr gut«. Die Nutzer:innen von Internetportalen, Online-Streaming-Diensten und Boulevardzeitungen bewerten dieselbe Leistung durch diese Medien als »eher nicht gut«.

Auch bei der Darstellung von Vielfalt, einer wichtigen medialen Leistung, die auch im Medienstaatsvertrag verankert ist, sind die Nutzer:innen von überregionalen Zeitungen und öffentlich-rechtlichen Medien, insbesondere dem Radio, sehr zufrieden – ob das etwas mit der Musikauswahl zu tun haben könnte? Am negativsten äußern sich auch hier die Nutzer:innen von Boulevardzeitungen, aber auch die von privaten TV-Sendern und Online-Streaming-Angeboten: diese bewerten die Vielfaltsleistung dieser Medien als »eher nicht gut«.

Fragt man, wie gut die Menschen ihre eigene persönliche Lebenswirklichkeit in den Medien wiederfinden, fallen die Bewertungen etwas schlechter aus. Insbesondere die Nutzer:innen von Boulevardzeitungen, privaten Fernsehsendern und Internetportalen sind eher skeptisch, in diesen Angeboten ihre persönliche Lebenswirklichkeit wiederzufinden. Die Befragten nutzen diese Medien also, auch wenn sie ihre eigenen Lebensumstände dort nicht repräsentiert sehen. Möglicherweise befriedigen sie damit ein anderes Bedürfnis, etwa nach Unterhaltung oder eben nach Einblicken in andere Lebensweisen und Sichtweisen.

Und wie empfinden die deutschen Mediennutzer:innen den Beitrag der Medien zum gesellschaftlichen Zusammenhalt? Auch hier werden die öffentlich-rechtlichen Medien und die regionalen Tageszeitungen von ihren Nutzer:innen am positivsten bewertet. Vor allem die Nutzer:innen von Boulevardzeitungen sowie die Nutzer:innen von sozialen Medien bewerten diese Angebote in dieser Hinsicht eher negativ, mit einer deutlichen Tendenz zu »eher nicht gut«. Allerdings wird auch hier eine Generationenkluft erkennbar: Die jungen Erwachsenen zwischen 18 und 29 Jahren positionieren sich hinsichtlich all dieser Punkte besonders positiv zu öffentlich-rechtlichen und sozialen Medien, während die Senior:innen zwischen 60 und 69 Jahren soziale Medien am negativsten bewerten.
Die Tücken zusammenhaltsrelevanter Medienleistungen
Über alle Angebote hinweg zeigen sich die Befragten hinsichtlich der Medienleistungen zur Darstellung von Information und Aktualität sowie von Vielfalt positiver als zu den Medienleistungen zur Darstellung der persönlichen Lebenswirklichkeit und zum Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus den hier skizzierten Ergebnissen ziehen? Den genauen Zusammenhang oder gar eine Kausalität zwischen Medienangeboten, ihrer Nutzung und einer Stärkung oder Schwächung des gesellschaftlichen Zusammenhalts nachzuweisen, ist schwierig. Denn was der eine als zusammenhaltsfördernd empfindet, kann die andere als zusammenhaltsgefährdend wahrnehmen: Sollen im Sinne einer möglichst großen Vielfalt wirklich alle politischen Meinungen mediale Aufmerksamkeit erhalten, auch wenn sie antidemokratische Werte vertreten oder bestimmte Bevölkerungsgruppen stigmatisierend ausgrenzen? Und würde etwa ein mehrsprachiges Angebot, das Nicht-Muttersprachler:innen die Teilnahme am gesellschaftlichen Diskurs ermöglicht, den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland eher fördern oder ihm eher schaden? Trägt ein breites Medienangebot mit einer Vielzahl von öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern und Printangeboten, mit sozialen Medien und algorithmisierten Streaming-Plattformen zum Zusammenhalt bei oder eher nicht? Für Medienorganisationen ist dies eine ständige Gratwanderung.

Unsere Befunde deuten darauf hin, dass zumindest den öffentlich-rechtlichen Medien diese Gratwanderung bislang zu gelingen scheint: Über alle abgefragten Medienleistungen und über alle Altersgruppen hinweg wird das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen im Vergleich zu den anderen Medienangebote positiv bewertet, wobei auch die (über)regionalen Zeitungen hier positiv hervorstechen. Nachdenklich stimmen die Ergebnisse zu den jüngeren Generationen: Diese nutzen mit einer Nutzerquote von knapp 70 Prozent das öffentlich-rechtliche Angebot im Vergleich am wenigsten, schätzen es aber als zusammenhaltsfördernd ein. Die Jüngeren sehen vor allem in den sozialen Medien ein zusammenhaltsförderndes Potenzial, wohingegen die älteren Generationen darin eher eine Gefahr für den Zusammenhalt sehen.
Zusammenhalten auch mit digitalen Medien?
Fakt ist: Vor allem mit Blick auf die hier dargestellten Befunde zur Mediennutzung junger Menschen werden digitale Medienangebote immer wichtiger. Wie können Medien den gesellschaftlichen Zusammenhalt in einer divergierenden und digitalisierten  Medienlandschaft fördern? In der Fachliteratur wird seit einiger Zeit diskutiert, wie man die Stärken des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit denen der sozialen Medienplattformen verbinden könnte. Ein Vorschlag, die Integration einer digitalisierten Öffentlichkeit zu stärken, ist die Idee, eine deutschlandweite oder gar europaweite Plattform mit dem demokratischen Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aufzubauen.

So eine Plattform könnte – wie es die Mediatheken von ARD und ZDF bereits tun – dem Beispiel von Streaming-Anbietern à la Netflix folgen und Inhalte unterschiedlicher öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten nicht nur aus Deutschland, sondern aus ganz Europa etwa durch mehrsprachige Untertitelung oder Synchronisation für ein größeres Publikum zugänglich machen. Spannend ist auch die Möglichkeit, eine solche Plattform mit Funktionen nach dem Vorbild von YouTube oder TikTok zu gestalten, um den Nutzenden die Gelegenheit zu bieten, eigene Inhalte hochzuladen und zu diskutieren. Eine öffentlich finanzierte Plattform könnte durch die Darstellung umfassender Informationen der Meinungsbildung dienen, der Gesellschaft mehr Möglichkeiten zur Teilhabe an der öffentlichen Debatte bieten und damit auch die mediale Repräsentation vielfältiger Meinungen und Lebensrealitäten erhöhen. Klar ist allerdings, dass auch hier die gleichen Fragen und Konflikte ausgehandelt werden müssten, wie sie oben beschrieben wurden: Eine solche Plattform bräuchte also eine starke – und vor allem zusammenhaltssensible – Moderation.

Bild: Jas Min / unsplash
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Die Autorin dankt Anna Meinke, Jasmina Moradi und Louisa Pröschel für ihre Hilfe bei der Auswertung der hier vorgestellten Bevölkerungsbefragung.

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