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Mediennutzung auf der Flucht

Mediennutzung auf der Flucht

19.02.2020

In Flüchtlingsunterkünften herrschen spezielle Informationsbedürfnisse. Philipp Seuferling erforscht Mediennutzungspraktiken von historischen Geflüchteten in Deutschland von 1945-2000. Seine Erkenntnisse sind auch für die Gestaltung aktueller Medien- und Migrationspolitik relevant.

Das Smartphone ist der Star, um den sich ein Großteil der Forschung zum Thema Flucht und Mediennutzung derzeit dreht. Zu Recht! Denn während der aktuellen weltweiten Fluchtbewegungen wird es für viele Menschen zu einem überlebensnotwendigen Werkzeug. Fluchtrouten suchen und finden, wichtige Informationen austauschen, in Kontakt mit den Liebsten bleiben – alles lässt sich über den kleinen Taschencomputer machen.[1][2]

Auch im vordigitalen Zeitalter hatten Menschen auf der Flucht spezielle Informationsbedürfnisse. Ein Blick in die Geschichte hilft, zu verstehen, wo Mediennutzungspraktiken unter Geflüchteten ihre Wurzeln haben und wie sie sich im Laufe der Jahre geändert haben.

Lager, Heime, Unterbringung

Um die historische Komponente von Mediennutzung von Geflüchteten zu erforschen, ist es hilfreich, einen Blick in die „Lager“ zu werfen – temporäre Unterbringungen, die für Menschen auf der Flucht zu einem vorübergehenden Zuhause werden. Sie sind die Konstanten im Management von Fluchtbewegungen und daher ein guter Anknüpfungspunkt für die Forschung.[3] Die Interna dieser Einrichtungen sind in diversen Archiven dokumentiert und für Forscherinnen und Forscher gut zugänglich.

Auch wenn sich die Begrifflichkeiten im Laufe der Zeit geändert haben, handelt es sich um eine wiederkehrende Form von institutionalisierter Unterbringung. In der Nachkriegszeit sprach man von Lagern, später von Asylbewerberheimen, heute ist der Begriff Gemeinschaftsunterkunft in der bürokratischen Sprache gängig.

Lagerzeitungen und Lagerkinos

In der unmittelbaren Nachkriegszeit kam es zu enormen Fluchtbewegungen in ganz Mitteleuropa. Millionen Menschen wurden ihrem Heimatort entrissen und kamen in provisorischen, temporären „Lagern“ unter.  Angefangen von den deutschen Flüchtlingen und Vertriebenen, die aus den ehemaligen Ostgebieten Richtung Westen geflohen waren, oder Displaced Persons, also verschleppte Personen oder heimatlose Ausländer, die aus den Konzentrationslagern befreit wurden, fanden sich an Orten fern der Heimat wieder. Oft lebten sie in Lagern, bevor sie ein neues Zuhause fanden. Später kamen unter anderem Asylbewerber und Flüchtlinge aus Ungarn (nach dem Aufstand 1956) sowie konstant aus der DDR.

Wenn viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen, entwickeln sich zwangsläufig auch eigene Formen und Wege der Kommunikation. Man könnte sagen, so etwas wie eine Medienlandschaft auf Mikroebene entsteht. In den Lagern der Nachkriegszeit lässt sich dies am Beispiel von Lagerzeitungen verdeutlichen. Sie wurden von den Bewohnerinnen und Bewohnern herausgegeben und informierten über für sie relevante Themen. Diese Schriftstücke waren manchmal nicht mehr als ein paar zusammengeheftete Blätter, aufgrund der Papierknappheit oft bis zum Rand vollgeschrieben. Andere waren in professionellen Druckereien gedruckt.

Sie informierten über Nachrichten direkt aus dem Lager, Neuigkeiten aus der politischen Großwetterlage, oder kulturelle Events und Feiertage, die für die Geflüchteten-Community von Bedeutung waren. Ein wichtiger Teil in einer Lagerzeitung waren die Seiten, auf denen Informationen zu vermissten Personen gedruckt wurden. Der Inhalt, sowie die materielle Bereitstellung der Zeitungen waren aber auch von der von den Alliierten gestellten Lagerleitung abhängig. Ein Brief von Bewohnern eines DP-Lagers, den ich während meiner Recherchen im UN-Archiv in New York fand, bezeugte dies sehr eindrücklich: Die Schreibenden baten darin die amerikanische Lagerleitung um die Umsetzung einer Lagerzeitung, mit dem Versprechen, nichts Negatives über die USA zu schreiben.

Um Lagerkoller vorzubeugen, entwickelten sich in vielen Lagern der Nachkriegszeit auch Lagerkinos. Diese zeigten neben klassischen Hollywood-Blockbustern auch politische Nachrichten und wurden von den Alliierten aber auch als Möglichkeit der demokratischen Umerziehung wahrgenommen. Mobile Wanderkinos bespielten die „Theaterbarracken“ oft fast täglich.

Medien als Form des Protests

In den 1980er und 1990er Jahren kam es in Deutschland zu mehreren Verschärfungen des Asylgesetzes. Neue Asylbewerbergruppen aus Asien und Afrika kamen nach Deutschland. Konflikte und Armut in Vietnam, Kambodscha, Iran, Irak, Libanon, Ghana, Ruanda, Jugoslawien etc. trieben Menschen in die Zwangsmigration. Die Unterbringungen waren überbelegt und schlecht ausgestattet. Der UNHCR schrieb in einem Bericht von katastrophalen Zuständen in den Flüchtlingsunterbringungen in Westdeutschland.[4] 

In dieser Zeit solidarisierten sich oft zivilgesellschaftliche Akteure mit den Bewohnerinnen und Bewohnern der Unterkünfte. Medien wurden hier vom Mittel der Information und der Unterhaltung, das sie in den Lagern der Nachkriegszeit vorrangig waren, zu einem Mittel des Protests. Mit Flugblättern und Plakaten machten die Bewohnerinnen und Bewohner und Unterstützerinnen und Unterstützer auf die Bedingungen aufmerksam.

Medien wurden also nicht nur verwendet, um sich innerhalb der Unterkunft bzw. innerhalb der Community zu informieren, sondern auch, um nach außen zu senden. Zuletzt wurde mit solchen Aktionen auch auf den Mangel an Medientechnologien in den Unterkünften aufmerksam gemacht: fehlende oder unzugängliche Telefone, Fernseher oder Zeitungen wurden hier thematisiert, oder wie ein Geflüchteter auf einem Flugblatt schrieb: „Wir fordern bessere Kommunikationsmöglichkeiten – nach innen und nach außen“.

Warum sind die Mediennutzungspraktiken Geflüchteter relevant?

Welche Medien Geflüchtete nutzen, war und ist immer auch von politischem Interesse. In der Zeit des Kalten Krieges war Westdeutschland beispielsweise sehr daran interessiert, welche Westmedien man im Ostblock kannte und nutzte. Unter Geflüchteten hat damals sogar gezielt Befragungen durchgeführt und das Programm entsprechend angepasst.

Im politischen Diskurs wird die Mediennutzung von Geflüchteten häufig als Gradmesser für „Integration“ gesehen. Nach dem Motto: Wenn deutsche Medien genutzt werden, ist die Integration gelungen. Dies ist allerdings eine sehr vereinfachende und verzerrende Sichtweise auf die Bedeutung von Mediennutzung in Einwanderungs- und Flüchtlingsgruppen. Viel mehr kann Forschung über Mediennutzung von Geflüchteten Einblicke aus Sicht der Betroffenen gewähren und deren Kommunikationsbedürfnisse darlegen. Sie kann dadurch helfen, Medien- und Migrationspolitik entsprechend zu gestalten.

 
[1] Gillespie, M., Osseiran, S., & Cheesman, M. (2018). Syrian Refugees and the Digital Passage to Europe: Smartphone Infrastructures and Affordances. Social Media and Society4(1).
[2] Emmer, M., Richter, C., & Kunst, M. (2016). Flucht 2.0 Mediennutzung durch Flüchtlinge vor, während und nach der Flucht. Berlin.
[3] Beer, M. (2014). Die deutsche Nachkriegszeit als Lagergeschichte - Zur Funktion von Flüchtlingslagern im Prozess der Eingliederung. In H. Bispinck & K. Hochmuth (Eds.), Flüchtlingslager im Nachkriegsdeutschland. Migration, Politik, Erinnerung (pp. 47–71).
[4] Refugee Survey Quarterly. (2008). Selection of documents from UNHCR archives. Refugee Survey Quarterly, 27 (1), 121–184.

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