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MEDIA RESEARCH BLOG

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Digitale Plattformen – Fluch oder Segen für die Europäisierung?

Digitale Plattformen – Fluch oder Segen für die Europäisierung?

21.06.2024

Drei Jahre lang hat ein internationales Forscherteam untersucht, inwiefern digitale Plattformen einen Beitrag zu europäischer Öffentlichkeit und Kultur leisten. Haben Facebook, Twitter und Co. die europäische Kultur europäischer gemacht? Haben sie zu einem gesamteuropäischen Diskurs unter den Bürger*innen beigetragen? Eher nicht, zeigen die Ergebnisse.
Von Barbara Thomaß
 

Schon 1976 im sogenannten Tindemans-Report wurde festgestellt: „Niemand will ein technokratisches Europa. Die Europäische Union muss vom Bürger in seinem täglichen Leben erlebt werden. Sie muss sich in Bildung und Kultur, in Nachrichten und Kommunikation bemerkbar machen, sie muss sich in der Jugend unserer Länder manifestieren [...] (Tindemans 1976, 12).

Doch dieses Ziel wurde nicht erreicht. Im Rahmen des Projektes "European Media Platforms: Assessing Positive and Negative Externalities for European Culture (EUMEPLAT)" untersuchten wir mit einem Team aus über 50 Forscher*innen von zwölf verschiedenen Universitäten aus zehn Ländern unter der Koordination der IULM Universität in Mailand das Informations-Ökosystem in den Partnerländern anhand der genannten Plattformen und analysierten die positiven und negativen Externalitäten, dazu Formen des Bürgerjournalismus, um einen Katalog der besten Praktiken zu erstellen, und betrachteten der Darstellungen der beiden Themen Migration und Geschlecht auf den Plattformen.
 
Die Ergebnisse des EUMEPLAT-Projektes weisen darauf hin, wie gering das Interesse an EU-bezogenen Themen in den nationalen Medienkulturen ist und wie spärlich der Bezug zu Europa in den Online-Debatten ist. Es ist nicht nur so, dass nicht viel über Europa und europäische Themen debattiert wurde, sondern mehr noch, dass es bei den Verweisen auf Europa nicht um europäische Themen selbst ging, sondern eher darum, europäische Themen als Hebel für interne nationale politische und soziale Konflikte einzusetzen.
 
Zudem ist die marginale Rolle, die einfache Nutzer*innen im Diskurs über Europa spielen, bemerkenswert. Dies wird besonders in bei der Analyse der Postings und Tweets deutlich, da die einflussreichsten Beiträge in der Regel von institutionellen Akteuren – meist politischen Vertreter*innen – auf Facebook stammen, bzw. von professionellen Medien auf Twitter und YouTube.
 
Wir stellen insgesamt das Fehlen einer Europäisierung von unten fest. Dass der Plattformisierungsprozess in der Mediennutzung ein wesentliches Mehr an Teilhabe und Handlungsfähigkeit der Bürger*innen bringen könnte, war also eine vergebliche Hoffnung.
Europäische Werte und Themen
Wir konnten aber auch zeigen, dass die Plattformisierung Möglichkeit bietet, Praktiken zur Bekämpfung von Stereotypen und Diskriminierung in sozialen Medien und in Online-Umgebungen im Allgemeinen zu kommunizieren, zu verbreiten und zu fördern. Bei aller Heterogenität in den zehn untersuchten europäischen Ländern fanden wir einige Gemeinsamkeiten: Die sozialen Medien ermöglichen es, durch das Teilen persönlicher Geschichten die Rechte von Frauen und LBGTQ+ zu unterstützen sowie Empathie und Bildung in Bezug auf Geschlechterfragen zu fördern. Dieser geschlechtsspezifische Aktivismus erweist sich als die wichtigste positive Auswirkung der europäischen Plattformisierung: Die Gleichstellung der Geschlechter wird als typisch europäischer Wert verteidigt. Und wir fanden auch eine europäische Dimension und eine gemeinsame Sensibilität für die Themen wie Migration, Klimawandel und Gesundheit – dies war vor allem der gemeinsamen Erfahrung der Corona-Pandemie geschuldet. Auch wenn die Medienlandschaft sehr fragmentiert ist, sind dies gemeinsam bewegende Themen in einer komplexen Arena.
US-Produktionen nach wie vor führend
 
Durch den Aufstieg globaler Plattformen kontrollieren US-Unternehmen nicht nur die Informationen, sondern auch die fiktionale Produktion. Denn auch in kultureller Hinsicht – gemessen an den meistgeklickten Filmen und Serien auf den Streamingplattformen – ist europäische Kultur kein Inhalt, der vorwiegend interessiert: In jedem der untersuchten Länder werden entweder nationale oder US-amerikanische Inhalte konsumiert, so dass kein Raum für eine gesamteuropäische Kultur bzw. für nicht-nationale europäische Werke bleibt.
 
Neben diesen aktuellen Untersuchungen der Plattformen untersuchten wir mit Blick auf die letzten drei Jahrzehnte die Muster in der Produktion von Nachrichtenmedien, der Filmproduktion, des Medienkonsums und der Medienregulierung. Die Fülle der Daten, die aus diesen Erhebungen resultiert, ist in ein Dashboard eingegangen, das interaktive grafische Darstellungen über Medienkonsum und -produktion in europäischen Ländern zeigt.
 
Auf der Grundlage der Ergebnisse der Teilprojekte versuchten wir Zukunftsszenarien zu entwickeln: Welches sind die wichtigsten Themen, die die europäische Medienlandschaft, Medienkultur und -gesetzgebung in den kommenden Jahren beeinflussen werden? Dazu wurden in Delphi+-Workshops Zukunftsprognosen diskutiert zu den Themen „Überwachung und Widerstand“, „Auswahlmöglichkeiten und Algorithmen“,  „Toxische Debatten und pluralistische Werte“, „Krieg, Konflikt und Kommunikationsplattformen“ sowie „Geschlechtsspezifisches Othering in sozialen Medien“.
 
Und nicht zuletzt ist ein wichtiges Outcome der Arbeit, dass wir medienpolitische Empfehlungen zusammentrugen, die hoffentlich in Brüssel Gehör finden werden.
 
Unser Fazit nach gut drei Jahren intensiver Arbeit: Europäische Kultur und europäische Öffentlichkeit ist zutiefst widersprüchlich, hochgradig divers, doch ihre Vielfalt könnte auch eine Stärke sein. Trotz aller ernüchternder Ergebnisse: Wir Forscher*innen sind uns einig, dass es eine sehr bereichernde Erfahrung war, angesichts der kulturellen Differenzen mit so vielen internationalen Partner*innen zusammenzuarbeiten. Es ist ein eigener Wert eines solchen Projektes über diese Zusammenarbeit zum Wissenstransfer beizutragen und mehr über die Wissenschaftskulturen der anderen Länder zu erfahren.
 
Bild: Oliver Cole auf unspalsh.com

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