In der aktuellen Ausgabe des Journals “New Media & Society” ist ein Aufsatz von Sonia Livingstone erschienen1, der auf der Grundlage von 16 qualitativen Interviews mit englischen Teenagern (13 - 16 Jahre) interessante Einblicke in die Nutzungsweisen von Kontaktplattformen wie Myspace, Facebook oder bebo.com2 gewährt:
Livingstone, Sonia (2008): Taking risky opportunities in youthful content creation: teenagers’ use of social network sites for intimacy, privacy and self-expression. In: New Media & Society, Vol. 10, Nr. 3, S. 393-411.
Livingstone kontrastiert die Nutzungserfahrungen der Jugendlichen mit öffentlichen Diskursen, die oft die entstehenden Praktiken auf Kontaktplattformen kritisch bzw. negativ thematisieren, beispielsweise wenn von “Online-Exhibitionismus” oder den Gefahren des “Cyber-Stalking” gesprochen wird. Demgegenüber stellt sie heraus, dass sich Jugendliche diese Online-Umgebungen als eigene Räume aneignen, in denen sie vor allem den Kontakt mit der eigenen peer group halten und den “Überwachungsversuchen” der Erwachsenen entziehen. Dadurch können sie eine wichtige entwicklungspsychologische Aufgabe der Jugendzeit angehen: “to construct, experiment with and present a reflexive project of the self in a social context” (S. 396).
Auch wenn Livingstone die Begriffe nicht explizit verwendet, berührt sie in ihrer Analyse doch diejenigen Dimensionen und Konzepte, die wir in unserem Projekt für die Analyse der Nutzungspraktiken von Jugendlichen anwenden: Identitäts- und Beziehungsmanagement als wichtige Handlungskomponenten, sowie Verwendungsregeln (Konventionen und Erwartungen), Relationen (soziale Netzwerke) und Code (Funktionen und Architektur der Software) als rahmende strukturelle Dimensionen. Dadurch sind ihre Befunde sehr aufschlussreich und anschlussfähig für unserere Fallstudien.
Interessant finde ich vor allem folgende Beobachtungen:
Profile auf Kontaktplattformen können ihren Interviews zufolge nicht vorbehaltlos als “eins zu eins”-Repräsentation des jeweiligen Inhabers gedeutet werden. Dafür ist zum einen verantwortlich, dass zumindest für einige der interviewten Teenager weniger die die persönlichen Informationen eines Profils Aussagekraft besitzen, sondern vor allem die Position, die die betrachtete Person im sozialen Netzwerk der peer group einnimmt: Wer gehört zu den Freunden, wer kommentiert was, etc. Das Profil ist dadurch eher eine soziale Markierung (”place-marker”) denn ein Selbstportrait. Zum anderen hat sie beobachten können, dass ein Profil von mehreren Personen (Geschwister, Freunde) gepflegt wird, die sich das Passwort teilen. In diesen Fällen dient das Profil nicht der Repräsentation einer einzelnen Person, sondern als Ort des kreativen, oft spielerischen Austauschs innerhalb einer Gruppe.
Das Voranschreiten in der Entwicklung der Jugendlichen geht auch mit einer veränderten Nutzung der Kontaktplattformen einher; entscheidend sind hier vor allem Momente, wenn eine bestimmte Anwendung von jüngeren Nutzern “übernommen” wird, oder auch wenn vorherrschende Ästhetiken der Selbstpräsentation als nicht mehr angemessen wahrgenommen wird. Letzteres kann beispielsweise einen Wechsel von mySpace
(mit oft sehr unübersichtlichen “messy” Profilseiten) zu Facebook (das eine vergleichsweise “saubere” Anmutung hat) bedingen. Sollten die eigenen Bezugspersonen auf einer Plattform verbleiben und dadurch die Hürden eines Wechsels hoch sein, kann als alternative Strategie das grundlegende “Umkrempeln” oder “Entrümpeln” des eigenen Profils angezeigt sein. Diese Befunde zeigen meines Erachtens, dass das Identitätsmanagement gerade in der Jugendphase ein Prozess des beständigen Ausprobierens und Experimentierens sein kann, der stark von den jeweiligen Netzwerken und den Nutzungsoptionen (hier: Designmöglichkeiten) einer Anwendung beeinflusst wird.
Schließlich beschreibt Livingstone den Umgang der Nutzer mit den persönlichen Öffentlichkeiten, die auf Kontaktplattformen entstehen. Für die befragten Jugendlichen entsteht hier ein gewisses Dilemma: Sie möchten und müssen persönliche Informationen preisgeben, um soziale Beziehungen in den onlinebasierten Räumen pflegen zu können, gleichzeitig aber die Kontrolle darüber behalten, wie genau dieses Offenlegen ausfällt. Hier existieren zwei Probleme des “privacy management”, die auf die Gestaltung des Code zurückzuführen sind, genauer gesagt: Auf dessen gleichzeitige Unter- und Überkomplexität:
Unterkomplex ist der Software-Code insofern, als die binäre Konzeption von “Freund-kein Freund” den Nuancen widerspricht, die soziale Beziehungen tatsächlich aufweisen. Dadurch wird es schwierig, komplexe persönliche Öffentlichkeiten bzw. „zones of privacy” aufzubauen, die zum Beispiel der Unterscheidung zwischen “besten Freunden” und “Bekannten” gerecht werden - beide werden auf den Plattformen als “Freund” geführt. Hinzu kommt, dass das Problem aus Sicht der Jugendlichen weniger die Sichtbarkeit persönlicher Informationen für Fremde ist, sondern vielmehr die Sichtbarkeit für Bekannte, an die aber die jeweiligen Inhalte nicht gerichtet sind (Livingstone nennt diese Gruppe „known but inappropriate others”, also zum Beispiels Eltern oder Lehrer). Das Zitat eines Jugendlichen bringt diesen Gedanken auf den Punkt: „You don’t mind [other] people reading it, but it’s your parents, you don’t really want your parents seeing it, because I don’t really like my parents sort of looking through my room and stuff, because that’s, like, my private space” (S. 405).
Überkomplex ist der Software-Code dagegen insofern, als die Kompetenzen im Umgang mit den technischen Optionen nicht so ausgeprägt sind, wie gemeinhin vermutet wird (und wie z.B. Charakterisierungen als “digital natives” nahelegen). So sind vielen der befragten Jugendlichen Funktionieren und Details der Privacy-Einstellungen oft unbekannt; auch weitere Funktionen (z.B. Blog-Funktion bei myspace) werden nicht wahrgenommen. Dieser Umstand ist nicht zuletzt deswegen bedeutsam, weil Regelungen des differenzierten Zugangs zu persönlichen Informationen oft auf Verfeinerungen des Codes beruhen - werden die Privatsphäre-Einstellungen zu komplex, könnte dies sogar mehr Probleme aufwerfen als lösen.
- Der Online-Zugang zu dem Journal ist nur Abonnenten möglich, allerdings gibt es noch bis Ende Mai die Möglichkeit eines “free trial” für alle Journale des Sage-Verlags [↩]
- Eine in Großbritannien sehr populäre Social Network Site. [↩]
2 Nutzer kommentierte(n) " Nutzungspraktiken von Teenagern auf Kontaktplattformen "
Die Kommentare als RSS Feed - einen Trackback hinterlassen[...] Ein Aufsatz von Sonia Livingstone zu den Nutzungspraktiken Jugendlicher auf Social Network Sites; im Projektblog “Jugendliche und Web 2.0″ habe ich ihn ausführlich zusammengefasst. [...]
[...] Auch wenn An- und Abreise von Hamburg nach Lingen eher langwierig und anstrengend waren - die Strapazen haben sich gelohnt, denn die Diskussion im Anschluss an meinen Vortrag war sehr lebhaft und aufschlussreich. Das Publikum, etwa 100 Personen, setzte sich überwiegend aus Schüler/innen so zwischen 16 und 18 Jahren zusammen, dazu kamen einige Lehrer und Mitarbeiter/innen des Hauses. Es wurde recht schnell deutlich, dass dass irgendwo zwischen 16-18 Jahren und 35 Jahren eine Kluft verläuft, die es Älteren schwer macht, den Reiz und die Alltagsrelevanz von Netzwerkplattformen wie schülerVZ etc. nachzuvollziehen. Ein häufig geäußerter Satz der Älteren war: “Ich verstehe nicht, warum man sich auf solchen Seiten präsentieren sollte” - von Seiten der Jugendlichen kamen dagegen sehr viele interessante und reflektierte Äußerungen zur Privatsphäre, zum Verständnis von “Freundschaft” und zur Frage, wieviel andere Personen über einen wissen (sollten). Interessant war, dass Jugendliche wiederholt auch auf Medienberichte Bezug nahmen, in denen die Gefahren des vorgeblichen “Cyber-Exhibitionismus” thematisiert werden; man konnte förmlich spüren, wie sie versuchen, diese öffentlichen Diskurse mit ihren eigenen alltäglichen Erfahrungen in Einklang zu bringen (siehe dazu auch die Studie von Sonia Livingstone). [...]
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