„Hallo, Hallo, hier Radio!“ Vor 85 Jahren startete der Rundfunk in Hamburg
„Guten Tag, hier ist die Norag!“ – mit solch einfachen und höflichen Worten stellte Hans Bodenstedt das neue Medium in der Hansestadt vor. Der künstlerische Leiter des Hamburger Senders eröffnete am 2. Mai 1924, also vor 85 Jahren, den Programmbetrieb. Das Zentrum des Rundfunks, das Studio, lag in der Binderstrasse im Hamburger Stadtteil Rotherbaum. Noch war die Anzahl der Hörer klein und überschaubar – aber das Radiofieber sollte auch in der Hansestadt nach und nach um sich greifen. Doch bevor das neue Medium seinen Siegeszug antreten konnte, waren in Hamburg rechtliche und finanzielle Fragen zu klären und personelle Entscheidungen zu treffen. Ein Rückblick auf die turbulenten Ereignisse.
Ohne die Post keine Rundfunkgesellschaften
Im Herbst 1923 gab das Reichspostministerium den Startschuss zur Gründung regionaler Rundfunksendegesellschaften in Deutschland. Treibende Kraft war eine Persönlichkeit, die die frühen Rundfunkjahre entscheidend prägen sollte – Hans Bredow, der im Postministerium als Staatssekretär für den Rundfunk zuständig war. Die Post, Inhaberin der Funkhoheit des Staates, hatte sich im Streit um die „staatliche Vormundschaft“ gegenüber dem Reichsinnenministerium durchgesetzt. Sie bestimmte die weitere Entwicklung, die das neue Medium in der Weimarer Republik nehmen sollte. Nachdem am 29. Oktober 1923 ein erster Programmbetrieb in Berlin gestartet war, wählten leitende Beamte des Postministeriums acht weitere Städte aus, die als Senderstandorte und damit als Sitz der Sendegesellschaften fungieren sollten – München, Leipzig, Frankfurt am Main, Stuttgart, Breslau, Königsberg und Münster – sowie Hamburg.
Rundfunk war damit von Beginn an eine regionale Angelegenheit. Als Organisationsform wählte man die Sendegesellschaft. Das heißt mit Kapitalgebern aus der Gesellschaft wurden in den genannten Städten in privatrechtlicher Form Aktiengesellschaften gegründet. Für das Reichspostministerium war damit jedoch keineswegs der Verzicht auf seine Einflussmöglichkeiten verbunden. Vielmehr glaubte man, als Hoheitsbehörde die Entwicklung voll und ganz steuern zu können, ohne selbst finanziell in den organisatorischen Aufbau und die technische Infrastruktur investieren zu müssen. Diese Zuversicht war juristisch wie praktisch gut fundiert, da die Gesellschaften zur Aufnahme des Sendebetriebs einer Konzession durch die Post benötigten. Zur Ausstrahlung ihrer Programme waren sie darüber hinaus auf Sendeanlagen angewiesen, die von der Post errichtet und betrieben wurden. Die Rundfunkgesellschaften hingen schließlich auch in einem weiterem, überaus gewichtigen Aspekt von der Post ab: Sie brauchten sichere Einnahmen, was nach damaliger Lage nur heißen konnte, Anteile an den von der Post erhobenen Teilnehmergebühren zu erhalten.
Wer soll den Rundfunk finanzieren – und zu welchen Konditionen?
Die Geldgeber bzw. Investoren, die man zur Gründung der Aktiengesellschaften einlud, sollten „parteipolitisch unabhängig“ sowie „zuverlässig deutsch und bereit sein, ihre persönliche Mitarbeit für die Einführung des Rundfunks zur Verfügung zu stellen“. So Hans Bredow in seinen „Rundfunkerinnerungen“, die er 1950 aufzeichnete. Zu den Bedingungen der Post zählten die Übernahme praktisch aller Kosten, die für die Programmbeschaffung, -produktion und -ausstrahlung entstanden, sowie die Ausstattung dieser Sendegesellschaften mit einem Mindestkapital von 60.000 Gold- bzw. Reichsmark und das Angebot eines täglich mindestens zweistündigen Programms. Die Gründer sollten sich bereit finden, 51 Prozent der Aktien für die Post oder für die von ihr zu benennenden Treuhänder zu reservieren. Schließlich sollten sie eine Beschränkung der jährlichen Dividende akzeptieren.
Diesen Bedingungen standen lediglich drei Zusagen gegenüber: Zur Finanzierung des Programmbetriebs versprach die Post den Regionalgesellschaften zunächst 60 Prozent des Gebührenaufkommens aus dem jeweiligen Sende- und Gebühreneinzugsbezirk. Außerdem erhielten die Gesellschaften ein Veranstaltungs- und Sendemonopol für den jeweiligen Bezirk. Zum dritten wurde ihnen die Möglichkeit eingeräumt, über parallel zu „ihrer“ Sendegesellschaft gegründete, aber tunlichst nur personell mit dieser verbundenen „Nebengesellschaften“ weitere Geschäfte zu machen – beispielsweise mit dem Verkauf von Rundfunkempfängern. Da die Zusagen dadurch eingeschränkt waren, dass die Post jederzeit die Gebührenverteilung und Abgrenzung der Sendegebiete verändern konnte und dadurch direkten Einfluss auf die Einnahmen der Gesellschaften hatte, stellte der Rundfunk für potentielle private Investoren nicht gerade ein sonderlich attraktives Angebot dar.
Die Hamburger Gründung
Warum aber fanden sich Kaufleute und Bankiers bereit, in die neue Medientechnik zu investieren? Bredow führte in seinen rückblickenden Aussagen in den Nachkriegsjahren aus, man habe damals nach „angesehen Geldgebern“, nach „Personen von Format“ gesucht, „die nicht in erster Linie an einer Kapitalanlage interessiert waren, sondern sich aus ideellen Gründen an der Einführung des Rundfunks beteiligen wollten“. Das trifft die Motivation der Hamburger Rundfunk-Gründungsväter nur in Teilen. Am 19. Januar 1924 traten Hamburger Kaufleute vor dem in der Hansestadt ansässigen Notar von Sydow, um die „Nordische Rundfunk Aktiengesellschaft“ in das Handelsregister eintragen zu lassen. Diese Gründungsurkunde hat sich erhalten. Sie wird im Staatsarchiv Hamburg im Bestand des Amtsgerichts Hamburg – Handels- und Genossenschaftsregister – unter der Signatur B 1964-44 Band 1 verwahrt. Das fünfseitige Dokument wird hier mit freundlicher Genehmigung des Staatsarchivs Hamburg veröffentlicht.
Die Unterzeichnenden waren zwar Persönlichkeiten, wie Bredow sie sich vorstellte. Das Geld zur Gründung der NORAG stammte von finanziell und gesellschaftlich gut situierten Hanseaten aus dem Getreide-, Futtermittel- und Landmaschinenhandel. Doch was Bredow in der Retrospektive ein wenig pathetisch verklärt, entsprach in Wirklichkeit doch mehr einem wirtschaftlichen Kalkül. Der eigentliche Initiator der NORAG-Gründung, der Hamburger Kaufmann Friedrich Blonck, und seine Geschäftspartner Peter Kruse, die Brüder Alexander und Eugen Großmann, Ernst Richers, Alfred Liskat, Carl Oehme und Alban Hermann Hugo Patzschger waren nämlich als „Branchenfremde“ sicherlich mehr am wirtschaftlichen Gewinn interessiert, den der Vertrieb von Rundfunkzeitschriften und Rundfunkgeräten versprach, als an der Einführung eines neuen Mediums. Darüber hinaus waren es persönlichen Beziehungen, die ebenfalls einen Ausschlag gaben. So im Fall des federführenden Finanziers Blonck beruhte auf persönlichen Beziehungen. Postrat Hermann Thurn, ein Unterhändler Bredows, war an Blonck herangetreten, da dessen jüngerer Bruder ein Schulfreund Hans Bredows war.
Lokaltermin
Die „Kinderstube“ des Hamburger Rundfunks befand sich schon fast folgerichtig im Postamt in der Binderstrasse (Abb. 6). Dort hatte die Oberpostdirektion zwischen Januar und Mai 1924 die technischen Voraussetzungen für die Aufnahme des Sendebetriebs geschaffen. In ehemaligen Gepäckräumen des Postamts hatte sie zudem den ersten Hamburger Rundfunksender installiert. Dieser reichte aus, um Hörer in einem Umkreis von 150 Kilometern mit Programm zu versorgen. Erst im Jahr 1931 bezog die Sendegesellschaft das eigens für den Funkbetrieb entworfene und mit modernster Technik ausgestattete NORAG-Haus in der Hamburger Rothenbaumchaussee. Dieser Umzug verdeutlicht die erfolgreiche Entwicklung des neuen Mediums. Denn aus den bescheidenen Anfängen hatte sich sehr schnell ein respektables Unternehmen entwickelt – in wirtschaftlicher wie in publizistischer Hinsicht. Radio, ins Leben gerufen zurzeit der größten wirtschaftlichen Krise der Weimarer Republik, setzte in den 30er Jahren an, ein äußerst populäres Medium zu werden.
Wencke Stegemann und Hans-Ulrich Wagner, 27. April 2009
Der vorliegende Beitrag basiert auf Recherchen, die derzeit an der „Forschungsstelle Geschichte des Rundfunks in Norddeutschland“ zur Geschichte der NORAG unternommen werden. Als Forschungsvorhaben ist es Teil des groß angelegten Vermittlungsprojekts „’Himmel auf Zeit’. Kultur in Hamburg der 20er Jahre“, das seine Ergebnisse vom 1.4. bis 31.5.2010 in einem Katalogband und in öffentlichen Veranstaltungen präsentieren wird.
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