Europas Kinder leben in eigener Medienwelt

Europäische Studie zum Umgang von Kindern und Jugendlichen mit den neuen Medien erschienen

Hamburg, 26.06.2001

Kinder und Jugendliche im Alter von 9 bis 17 Jahren in Europa leben zunehmend in einer eigenständigen Medienkultur. Für Fernsehen/Video und Radio werden täglich im Schnitt deutlich mehr als vier Stunden aufgewendet. Mit dem Lesen von Büchern, Zeitung und Zeitschriften verbringen Kinder dagegen weniger als eine Stunde ihrer Freizeit. Für Computer und Spielgeräte wie Playstation und Gameboy oder Internet beträgt der tägliche Zeitaufwand etwa 50 Minuten pro Tag, wobei nicht alle Kinder und Jugendlichen Zugang dazu haben. Innerhalb dieser pauschalen Werte unterscheiden sich die Nutzungszeiten in den einzelnen Nationen allerdings erheblich. Dies sind Ergebnisse einer vergleichenden Studie, die in elf europäischen Ländern sowie in Israel durchgeführt wurde und am 27. Juni 2001 unter www.fathom.com präsentiert wird.

An der Studie beteiligt waren Forscherteams aus Großbritannien, Israel, Deutschland, Dänemark, Finnland, Schweden, Italien, Spanien, Frankreich, der Schweiz, den Niederlanden und aus Flandern. Insgesamt wurden mehr als 15.000 Kinder in allen Ländern im Zeitraum 1997/1998 interviewt. Es handelt sich um die erste vergleichende Studie dieser Art, die nach wissenschaftlichen Kriterien und Fragestellungen durchgeführt wurde. Die deutschen Untersuchungen im Rahmen dieses Projekts wurden von Friedrich Krotz und Uwe Hasebrink vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung durchgeführt und von der Hamburgischen Anstalt für neue Medien, der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen in Berlin sowie dem Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Nordrhein-Westfalen finanziert.

Der Abschlussbericht des Projekts wird am 27. Juni 2001 zugleich in den USA und in Großbritannien unter dem Titel "Children and their Changing Media Environments" der Öffentlichkeit vorgestellt. Er erscheint im renommierten US-amerikanischen Lawrence Erlbaum Associates Verlag und wird von den Projektkoordinatoren Professor Sonia Livingstone und Moira Bovill von der London School of Economics herausgegeben. Einen ersten Eindruck über die Ergebnisse kann man sich im Internet unter www.fathom.com verschaffen. Dabei handelt es sich um eine Internet-Site, die von der London School of Economics, der New Yorker Columbia University und einer Reihe weiterer Forschungs- und Bildungseinrichtungen geschaffen und betreut werden. Sie dient dazu, universitäre Forschungsergebnisse, Kurse und Vorlesungen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und funktioniert kostenlos.

Weitere Ergebnisse der Studie

Fernsehkonsum: Britische und israelische Kinder sind die Spitzenreiter im Fernsehgucken: Täglich sitzen sie 160 Minuten vor dem Bildschirm. Deutsche Kinder und Jugendliche verbringen hingegen nur 133 Minuten vor diesem Medium. Auch sonst liegen deutsche Kinder eher im Mittelfeld, was den Zeitaufwand für Mediennutzung angeht - für alle Medien, das Lesen wie auch die Computermedien.

Digitale Medien: Die digitalen Medien, wie Computer und Internet, spielen vor allem in den skandinavischen Ländern bereits eine wichtige Rolle. Auch in Belgien und den Niederlanden haben vier Fünftel der Kinder zu Hause Zugang zu einem PC, zunehmend auch mit Internetanschluss. Die großen Flächenstaaten wie Deutschland oder Frankreich und Großbritannien hinken hier noch weit hinterher.

Neue Medien ersetzten die alten nicht, sie werden eher ergänzend genutzt: Im Rahmen des europäischen Vergleichs wird deutlich, dass Bildschirm- und Printmedien einander keineswegs ausschließen. Britische Jugendliche sehen mehr fern als deutsche und stehen dem Lesen insgesamt ablehnender gegenüber. Aber auch finnische Jugendliche sehen deutlich mehr fern als deutsche und haben im europäischen Vergleich zudem eine großartige Ausstattung mit digitalen Medien in ihrem Kinderzimmer. Dennoch lesen sie im Schnitt täglich deutlich länger. Wenn weniger gelesen wird, so die Schlussfolgerung, so liegt dies eher an den allgemeinen Lebensbedingungen, vielleicht einem leseunfreundlichen Klima oder einem schlechten Vorbild, das Erwachsene abgeben, und nicht so sehr an den anderen Medien.

Entwicklung einer Kinderzimmer-Medienkultur: Insgesamt gilt im europäischen Vergleich, dass Kindheit und Jugend immer mehr Medienkindheit und Medienjugend werden und sich überall in Europa eine immer breitere Kinderzimmer-Medienkultur entwickelt. Sie ist für die Jugendlichen wichtig, damit sie sich in einer immer komplexeren Welt zurechtfinden. Sie nutzen die ihnen zugänglichen Medien häufig zusammen mit Anderen, sie tauschen Videos und Computerspiele ebenso wie Bücher und Comics, sie lassen sich auf mediales Erleben ein und sprechen mit ihren Freundinnen und Freunden darüber. Dabei entsteht auch der Eindruck, dass sie meist souverän mit medialen Inhalten umgehen. Es ist weitgehend eine peer-group-Kultur, die sich hier entwickelt, zu der Erwachsene kaum Zugang haben - und oft ja auch keinen wollen.

Einführungsszenarien für neue Medien: In den verschiedenen Ländern Europas werden die neuen Medien auf unterschiedlichen Entwicklungspfaden eingeführt - manchmal eher in Privatinitiative, manchmal mit Unterstützung von Staat, Schulen und öffentlichen Bibliotheken wie in den skandinavischen Ländern. Insgesamt aber ist die Rolle der Schulen dabei offen. Zwar gibt es überall Bestrebungen, die neuen Medien im Unterricht einzusetzen, aber wie dies genau geschehen soll, dafür gibt es unterschiedliche, manchmal auch gar keine inhaltlichen Konzepte.

Digital Divide: In allen Ländern lassen sich Prozesse sozialer Spaltung durch die neuen Medien beobachten - in diejenigen, die Zugang haben, und diejenigen, die keinen Zugang haben. Wessen Eltern ärmer oder schlechter gebildet sind und wer Mädchen ist, hat es da schwerer. In den skandinavischen Ländern versuchen Staat und Gesellschaft auf aktive Weise durch Angebote etwa in öffentlichen Bibliotheken oder Kurse, diese Spaltungen wieder zu schließen. Dies wirkt sich vermutlich langfristig als größere Innovationsbereitschaft aus. Vor allem aber wird die Entwicklung nur dann sozialverträglich sein, wenn Staat und Zivilgesellschaft die Gestaltung der zukünftigen Gesellschaft nicht nur der Industrie überlassen.

Förderung von Medienkompetenz: Insgesamt ist die Medienkultur eher eine peer-group-Kultur. Wenn die Erwachsenen sich darum nicht kümmern, überlassen sie ihre Kinder in einem wichtigen Feld sich selbst und damit auch einem zunehmenden Werbedruck. Daraus ist allerdings nicht abzuleiten, dass Erwachsene die Medienaktivitäten ihrer Kinder schärfer kontrollieren sollten. Sie sollten vielmehr an dieser Welt mit partizipieren und mit ihren Kindern über Inhalte und Inszenierungsformen sprechen. Und im Übrigen dafür sorgen, dass das Medienangebot auch das liefert, was Kinder und Jugendliche brauchen. Für eine breite Medienausbildung von Kindern und Jugendlichen müssen auch die Schulen mehr Ressourcen haben, dazu müssen verstärkt auch öffentliche Bibliotheken eingesetzt und ausgerüstet werden.

Studie:
Sonia Livingstone, Moira Bovill (Hrsg.): Children and their changing media envi-ronment. A European comparative study. New York: Erlbaum 2001.