Abstracts für M&K 1/2007
Unter Berücksichtigung der Bedingungen für Integration und der Merkmale fiktionaler Fernsehinhalte fragt der Beitrag nach Möglichkeiten von Serien und Filmen, positiv auf den Integrationsprozess zu wirken. Vor diesem Hintergrund wird mit Hilfe eines Überblicks über sämtliche Tatort-Folgen zum Thema Migration sowie durch qualitative Inhaltsanalysen ausgewählter Episoden die Thematisierung von Migration in der Krimireihe Tatort beleuchtet. Dabei lässt sich feststellen, dass der Einwanderung insbesondere seit Ende der 80er Jahre erhebliche Bedeutung zukommt. Eine wesentliche Rolle spielen dabei die Sendeanstalten WDR, NDR und BR. Die fünf analysierten Tatort-Filme beleuchten das Thema Migration vielseitig, distanzieren sich deutlich von Ausländerfeindlichkeit und zeigen Beispiele für konfliktfreies Zusammenleben auf. Vereinzelt werden auch Kriterien für gesellschaftliche Zugehörigkeit hinterfragt. Obwohl Migrantenfiguren durchweg eher positive Eigenschaften aufweisen, werden stereotype Vorstellungen zum Teil bestärkt; darüber hinaus dominieren die deutschen Figuren maßgeblich die Erzählperspektive.
Schlüsselwörter: Migration, Einwanderung, Ausländer, Integration, Ausländerfeindlichkeit, Vorurteile, Tatort, Fernsehinhalte, Unterhaltung, qualitative Inhaltsanalyse
Beatrice Dernbach/Judith Roth: Literalität des Alltags: Von Scannern, Gehern und Direkteinsteigern. Eine Typologie von Verhaltensmustern beim Zeitunglesen
Lesen
lernt sich nicht von selbst. Damit das Medium Tageszeitung seine
Informationsfunktion erfüllen kann, sind besondere Kompetenzen
beim Leser unabdingbar. Im folgenden Beitrag wird auf der Basis
einer empirischen Studie (Titel "Literalität des Alltags")
dargestellt, dass Zeitunglesen etwas anderes ist als Bücherlesen:
Es bedarf der Kenntnisse über die Struktur der Zeitung ebenso
wie der Fähigkeit, Inhalte in der Zeitung zu finden und in
die alltägliche Lebenswelt einzubauen. Aus der Untersuchung
heraus wurde eine Leseverhaltenstypologie entwickelt, die zeigt,
dass Zeitunglesen in ganz unterschiedlicher Art und Weise stattfindet.
Schlüsselwörter:
Lesen,
Leseverhalten, Lesekompetenz, Literalität, Zeitungsnutzung,
Tageszeitung
Irene
Neverla / Hanns-Christian Kamp / Mascha Brichta / Dieter K. Lüdecke:
Zum Informationshandeln von Patienten und zur Rolle des Internets
im Krankheitsfall. Empirische Befunde aus einer Befragung von Akromegalie-Patienten
Diese Studie auf dem Feld der Medizin- und Gesundheitskommunikation
(Health Communication) befasst sich mit dem Informations- und Kommunikationshandeln
von Menschen, die an einer schweren Krankheit leiden, sowie insbesondere
mit der Rolle, die dabei das Internet spielt. Den theoretischen
Rahmen bildet ein Modell des situativen Informationshandelns. Die
empirische Studie wurde in Zusammenarbeit zwischen Kommunikationswissenschaftlern
und Medizinern an der Universität Hamburg durchgeführt.
Befragt wurden 38 Patienten, die wegen einer seltenen, schwerwiegenden
Erkrankung (Akromegalie) behandelt worden waren. Die Befunde zeigen,
dass eine deutliche Mehrheit der befragten Patienten (68 Prozent),
nachdem ihre Krankheit diagnostiziert wurde, ihr Informationsverhalten
intensivieren. Diesem Muster folgen jedoch nicht die älteren
bzw. weniger gebildeten Patienten. Die meisten der ‚Informations-aktiven'
Patienten nutzen neben herkömmlichen Medien das Internet. Zentrale
Informationsinstanz bleiben die Ärzte. Deren Diagnosen und
Therapievorschläge werden jedoch von den meisten Patienten
durch eigenständige Informationssuche ergänzt, bei der
sie oft unterstützt oder sogar angeleitet werden von Angehörigen
und Freunden. So erfolgen Orientierungen und notwendige Entscheidungen
im Verlauf dieser schweren Erkrankung in einem komplexen und mehrstufigen
Netzwerk interpersonaler Kommunikation zwischen Patienten, ihren
Familien, ihren Freunden und den Ärzten.
Schlüsselwörter:
Health Communication, Gesundheitskommunikation, Medizinkommunikation,
Informationshandeln, Internetnutzung, Krankheit, Akromegalie, Befragung
Christian
Pentzold / Sebastian Seidenglanz / Claudia Fraas / Peter Ohler:
Wikis - Bestandsaufnahme eines Forschungsfeldes und Skizzierung
eines integrativen Analyserahmens
Wikis als social software und Form netzbasierten kollaborativen
Arbeitens markieren einen entscheidenden Schritt in der jüngeren
Geschichte des Webs. In Funktionsumfang und Popularität lassen
sie bereits jetzt ältere Generationen von Webangeboten hinter
sich und ebnen den Weg für neue Formen virtueller Interaktion.
Der vorliegende Beitrag erschließt dieses für die Kommunikations-
und Medienwissenschaften fruchtbringende Forschungsfeld, indem er
einen Überblick über die bisherige Wiki-Forschung, insbesondere
im Blick auf die Online-Enzyklopädie Wikipedia, gibt. Darüber
hinaus skizziert er die Ansätze eines integrativen Analyserahmens,
der die Online-Enzyklopädie Wikipedia aus einer medienlinguistischen
und mediensoziologischen Sicht als soziales System konzeptualisiert.
Dabei werden zum Stand der Forschung strukturierungstheoretische
und genreklassifikatorische, handlungs- und konsensorientierte sowie
informationstechnische Ansätze ebenso dargestellt wie Arbeiten
zur Informationsqualität, zu Nutzerklassifikationen und Motivlagen.
Schlüsselwörter:
Wiki, Wikipedia, Social Software, Computervermittelte Kommunikation,
Online-Kollaboration, Online-Vergesellschaftung, Wissensgenerierung
Thymian Bussemer: Paul Felix Lazarsfeld und die Etablierung der Kommunikationsforschung als empirische Sozialwissenschaft
31
Jahre nach dem Tod des österreichisch-amerikanischen Soziologen
und Kommunikationsforschers Paul F. Lazarsfeld versucht der vorliegende
Aufsatz, das Lebenswerk Lazarsfelds, seine Verdienste um die universitäre
Institutionalisierung der empirischen Sozialforschung und vor allem
seine Rolle als einer der Mitbegründer der modernen Kommunikationsforschung
zu beleuchten und kritisch zu würdigen. Im Rahmen einer biografischen
Skizze wird der wechselvolle, vor allem durch das 1933 erzwungene
Exil geprägte Lebensweg Lazarsfelds nachgezeichnet, der aus
dem sozialistischen österreichischen Intellektuellen einen
der einflussreichsten amerikanischen Wissenschaftsmanager machte.
Aufgezeigt wird die Kontinuitätslinie, welche Lazarsfelds frühe
Studien, wie jene für die RAVAG oder den sozialwissenschaftlichen
Klassiker "Die Arbeitslosen von Marienthal", mit späteren
Arbeiten wie "The People's Choice" oder "Personal
Influence" verbindet. Durch eine Einbettung von Lazarsfelds
Wirken in den breiteren Bezugsrahmen der gesellschafts- und wissenschaftspolitischen
Entwicklung zwischen 1930 und 1960 macht der Aufsatz deutlich, dass
die Öffnung der Kommunikationsforschung hin zur Empirie eine
historisch notwendige Entwicklung war, dass aber die spezifische
Ausprägung, die diese genommen hat, in dem Sinne zufällig
ist, dass sie maßgeblich durch Lazarsfeld und damit durch
seine individuellen Erfahrungen, Erkenntnisinteressen und Möglichkeiten
geprägt wurde.
Schlüsselwörter:
Medientheorie, Geschichte der Kommunikationswissenschaft, Empirische
Kommunikationsforschung