Abstracts für RuF 4/1997

Jutta Röser: Probleme der Mediengewalt-Forschung: Medienaneignung und gesellschaftlicher Kontext, oder: Wie die Geschlechterperspektive die Gewaltforschung theoretisch inspirieren könnte
Der Aufsatz analysiert Defizite der Mediengewalt-Forschung und insbesondere ihres Schwerpunkts, der Wirkungsforschung, in drei Problembereichen: (1) implizite Verengung der Mediengewaltproblematik, indem Gewalt mit Aggression gleichgesetzt wird; (2) Ausblendung des Aneigungsprozesses von Mediengewalt durch die Rezipierenden und seiner gesellschaftlichen Bezüge, und (3) Nicht-Berücksichtigung der Medieninhalte in ihrem Einfluß auf den Aneignungsprozess im Spannungsfeld von Text und Kontext. Indem die üblichen Theorieansätze und Forschungsstrategien mit Befunden zum Zusammenhang von Mediengewalt und Geschlecht konfrontiert werden, werden deren implizite Beschränkungen verdeutlicht und die gesellschaftliche Kontextuierung der Mediengewalt-Aneignung herausgearbeitet. Abschließend wird ein Forschungsansatz vorgeschlagen, der die Verschränkungen von gesellschaftlichen und medialen Gewaltstrukturen im Rezeptionsprozess in den Blick nimmt und im Rahmen der Kommunikationstheorie der Cultural Studies weiterzuentwickeln wäre.

Elisabeth Klaus: Konstruktionen der Zuschauerschaft: Vom Publikum in der Einzahl zu den Publika in der Mehrzahl
Auch wenn im Verlauf der Medienentwicklung die Handlungsmöglichkeiten der ZuschauerInnen immer geringer werden, so ermöglichen Theater und Kino doch eine Definition und Abgrenzung des Publikums als durch Raum und Zeit konstituierte soziale Gruppe. Mit der Einführung des Fernsehens wird "Publikum" zu einem sinnentleerten Begriff, der es zugleich erfordert und ermöglicht, daSS unterschiedliche Institutionen ihn diskursiv mit Bedeutung anreichern. Während das Mediensystem das Publikum vor allem als einheitlichen Markt konstruiert, erscheint es in den Kommunikationswissenschaften lange Zeit vor allem als homogene Masse oder alternativ als zusammenhanglose Ansammlung von mehr oder weniger sozial eingebundenen MediennutzerInnen. Indem fernsehen und zuschauen radikal kontextualisiert werden, lösen die Cultural Studies das Fernsehpublikum als einheitliche soziale Kategorie auf. Die nun fokussierten Publika können als durch Medientexte konstituierte Interpretationsgemeinschaften theoretisch und empirisch beschrieben werden. Publika könnten so das fehlende Bindeglied liefern zwischen dem normativ gefasstem universellen "Publikum" der Gesellschafts- und Kulturtheorien und der beobachteten unendlichen Vielfalt alltäglicher individueller Mediennutzung.

Miriam Meckel: Die neue Übersichtlichkeit. Zur Entwicklung des Format-Fernsehens in Deutschland
Die Dualisierung und Ausdifferenzierung des deutschen Fernsehmarktes hat auch Veränderungen für die Programmstrukturen der öffentlich-rechtlichen und privat-kommerziellen Fernsehanbieter mit sich gebracht. Über verschiedene Stufen der Programmkonkurrenz hat sich zunehmend ein Trend zur vertikalen und horizontalen Strukturierung von Fernsehprogrammen herausgebildet, der seit Mitte der 90er Jahre in eine neue Qualitätsstufe eingetreten ist: das Format-Fernsehen. Unterhaltungs- ebenso wie Informationsprogramme werden nach klaren Formatvorgaben produziert. Dies führt nicht nur in Deutschland, sondern auch im internationalen Fernsehmarkt zur einer fomalen Konvergenz zwischen vergleichbaren Angeboten der einzelnen Programmgenres und -gattungen. Auch in qualitativer Hinsicht bringt das Format-Fernsehen - vor allem für die Formatierung einzelner Sendungen im Informationssektor - eine Reduktion von Programmvielfalt mit sich. Gemessen an seiner Zielsetzung der Zuschauerorientierung und -bindung hat sich das Format-Fernsehen als (ökonomischer) Erfolg erwiesen.

Gregor Daschmann / Hans-Bernd Brosius: Ist das Stilmittel die Botschaft? Fallbeispiele in deutschen Fernsehmagazinen
Fallbeispiele gehören zum journalistischen Standardrepertoire. Gleichgültig ob es sich um politische, wirtschaftliche, soziale oder "bunte" Themen handelt - Journalisten sind stets bemüht, die von Ihnen behandelten Themen greifbar und lebhaft darzustellen, indem sie in Wort und Bild konkrete Beispielfälle für das dargestellte Problem anführen. Diese Fallbeispiele sind jedoch weit mehr als nur ein illustrierendes Stilmittel: Experimentelle Untersuchungen belegen, daß Fallbeispiele - im Vergleich zu anderen Informationsarten - einen hohen Einfluß auf die Urteile und Meinungen von Rezipienten haben. Die starken Effekte werfen die Frage auf, wie Fallbeispiele tatsächlich in der Berichterstattung eingesetzt werden. Dies haben wir mittels einer Inhaltsanalyse von deutschen Fernsehmagazinen untersucht. Die Ergebnisse zeigen, daß Fallbeispiele tatsächlich ein weit verbreitetes Stilmittel im deutschen Fernsehjournalismus sind und nahezu ausschließlich eingesetzt werden, um die Problemdarstellung des Beitrags zu bestätigen, und nicht etwa um ihr widersprechen. Allerdings erfolgt die Problemdarstellung, vor allem bei Boulevardmagazinen, mithilfe von unbelegten quasi-statistischen Aussagen oder Verallgemeinerungen, so daß der Zuschauer wenig Möglichkeiten hat, Tragweite und Brisanz des Problems zu beurteilen. Daraus ergibt sich die Frage, ob mit Fallbeispielen ein Problem nicht etwa illustriert, sondern vielmehr erst konstituiert wird.