Schlechtwetter um bessere Aussichten? - Die Einführung der Wetterkarte vor 50 Jahren sorgte für Kontroversen
Nicht nur eitel Sonnenschein herrschte am 1. März 1960, als die neue animierte Wetterkarte der ARD zum ersten Mal über die bundesdeutschen Bildschirme ging. Die Karte ersetzte den ‚handgemachten’ Wetterbericht der Hamburger Meteorologen, die seit 1952 mit Kohlestift und großen Gesten dem deutschen Fernsehpublikum das Wetter erklärt hatten. Doch nicht nur der Verlust des ‚Human-Touch’ sorgte bei den Zuschauern in den 60er Jahren für Entrüstung. Auch in politischer Hinsicht brachte die neue Aufmachung des Wetters Zündstoff mit sich.
Vor genau 50 Jahren feierte eine völlig neue Art der Wettervorhersage im deutschen Fernsehen ihre Premiere. Auf einer animierten Wetterkarte übernahmen Regenwolken, Nebelfelder und Schneestürme zum ersten Mal die Hauptrolle. Sie ersetzten die inzwischen bekannt gewordenen Gesichter des Meteorologen-Teams aus Hamburg und das putzige Wetter-Puppenspiel von Pit Peters. Die neu entstandene Wetter-Redaktion des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main entwarf in damals noch stundenlanger Kleinarbeit graphisch komplexe Abbildungen, die die Zuschauer fortan durch das Dickicht meteorologischer Fachbegriffe führen sollten. Der Unterschied zwischen der alten und neuen Wettervorhersage hätte kaum größer sein können.
Vom Puppenspiel zum ‚automatischen Wetter’
Schon 1952, im Gründungsjahr des regelmäßigen Fernsehprogrammbetriebs in Westdeutschland, war die Wettervorhersage ein fester Bestandteil des Programms. Dabei setzten die Hamburger Fernsehmacher auf die Expertise des örtlichen Seewetteramtes. Ein Team von vier Meteorologen bildete bald das Herzstück des Fernsehwetters. Mit schulmeisterlichem Ernst, der einen oder anderen persönlichen Bemerkung und einer „besonderen Zuneigung“ für die Urlauber – wie die Programmzeitschrift „Gong“ nach der umstrittenen Umstellung zu berichten wusste – erklärten die menschlichen „Wetterfrösche“ an der Tafel die Wetterlage und machten ihre Prognosen (Foto: Rolf Immler an der Wetterkarte). Unterstützt wurden sie seit 1953 von „Pit Petersens Püppchen“: In einer amüsanten Szene präsentierten zwei kleine Puppen das Wetter in unmissverständlicher und einprägsamer Weise – ein besonderer Service für die „eiligen Fernseher“ (Foto: Pit Petersens Puppen entdecken die Sommersonne).
Dass so viel liebevoller, menschlicher Einsatz nun dem technischen Fortschritt weichen sollte, sorgte zwangsläufig für Aufregung im Zuschauerkreis. „Sind wir Zuschauer Fernseh-Romantiker?“, titelte zum Beispiel die Programmzeitschrift „Gong“ nur zwei Monate nach der Programmänderung und mahnte an: „Vom persönlichen Kontakt zur Automatisation“. Auch die „Funk-Uhr“ vermisste die Hamburger „Wetterfrösche“ „schmerzlich“ und warf dem Team des Hessischen Rundfunks Unübersichtlichkeit und „Unsicherheit“ der Wettervorhersage vor. Hinzu gesellte sich der Vorwurf der „Langeweile“, wie ihn unter anderem die Wochenillustrierte „Der Hausfreund“ kurz nach der Umstellung äußerte.
„Ein Wirrwarr von Linien“ und sieben Sorten Wolken
Die „Hamburger Morgenpost“ behauptete sogar, auf den neuen Wetterbericht sei kein Verlass mehr. Denn auch die lokale Tagespresse schaltete sich vielerorts in die Diskussion um die neue Fernseh-Wettervorhersage ein: Es bedürfe meteorologischer Fachkenntnisse um „aus der schnellen Aufeinanderfolge von aktuellem Wetterbild, von Druckkurven, Wetterfronten und Vorhersagekarten die Wetterentwicklung abzulesen“ (Flensburger Tageblatt). Doch was von den Zuschauern als ein „Wirrwarr von Linien, Kurven und sonstigen monoton wiederkehrenden Zeichen, gekrönt von elektronischer Musik“ (Braunschweiger Zeitung) wahrgenommen wurde, war das Ergebnis sorgfältig ausgearbeiteter Trickfilmtechnik. Sieben verschiedene Typen von Wolken, drei Arten von Regen, verschiedenen Sonnen, Schnee, Hagel und Blitze in vereinfachter Darstellung sollten für Übersichtlichkeit in der schnellen Abfolge sorgen.
Blitz und Donner in der Hauptrolle
Die Entwürfe für die Wettersymbole stammten von der junge Graphikerin Elfriede Zechner, einer Absolventin der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Im „Wetter-Team“ des HR wurde sie unterstützt von einem weiteren Graphiker sowie zwei Trick-Kameraleuten, die gemeinsam die durchschnittlich 4.000 Einzelbilder und rund 35 Meter Film der Vorhersage zu einer flüssigen Präsentation zusammensetzen (Foto: Das HR-Wetter-Team). Die Bildsequenzen richteten sich dabei strikt nach den Textvorgaben aus der Offenbacher Zentrale des Deutschen Wetterdienstes. Von einem Sprecher im HR-Studio eingesprochen, dienten die Texte als ‚Drehbuch’ für die Wetterfilme. Bei der Zusammenführung von Bild und Text war große Präzision von Nöten, schließlich mussten sie synchron erscheinen. Das ganze Verfahren nahm drei Stunden in Anspruch (Foto: Elfriede Zechner, die Graphikerin bei der Arbeit). Der Eindruck der Zuschauer, die neue Wetterkarte sei nicht mehr so zuverlässig in der Vorhersage, kam somit nicht von ungefähr. Schließlich ließ das aufwändige Trickfilmverfahren keine kurzfristigen Änderungen mehr zu. Die verwendeten Wetter-Daten stammten vom späten Nachmittag und nicht – wie bei der Hamburger Wettervorhersage noch üblich – aus den letzten Minuten vor der Sendung.
Wetter-Film als Teil des neuen Nachrichtenblocks
Die Idee, das Wetter anhand einer kurzen Trickfilm-Sequenz zu verdeutlichen, kam 1960 nicht aus heiterem Himmel. Der italienische Fernsehsender hatte mit ähnlichen Kurzfilmen Pionierarbeit geleistet. Außerdem hatte die Ständige Programmkonferenz der ARD schon seit längerem strukturelle Neuerungen im Programm diskutiert. Man verfolgte das Ziel, eine größere Regelmäßigkeit von Programmangeboten herzustellen. Dazu sollte der gesamte Nachrichten-Block des „Deutschen Fernsehprogramms“ auf täglich 20 Minuten begrenzt werden. Eine unerreichbare Vorgabe für die alten ‚Wetterfrösche’, die das Wetter nicht nur vorhersagten, sondern auch mit dem Zeichenstift graphisch erläuterten. Den Trickfilm-Experten des HR hingegen reichten 2 Minuten Sendezeit für einen Blick auf die europäische Gesamtwetterlage und die Vorhersage für Deutschland.
Im Osten stürmisch
Schon kurz nach der Umstellung am 1. März brauste den Machern der neuen Wetterkarte ein Sturm der Empörung entgegen. Denn nicht nur die Zuschauer waren von der neuen Aufmachung verunsichert und mussten sich erst langsam an die unterschiedlichen Symbole und ihre Bedeutungen gewöhnen, auch politisch sorgte die neue Wettervorhersage für Kontroversen. Der Kartenausschnitt, die Auswahl der Städte auf der Karte und die Einbeziehung der politischen Grenzen auf der neuen Wetterkarte sorgten für Streit. Besonders die vermeintliche Vernachlässigung der ehemaligen deutschen Gebiete im Osten war einigen Gruppen in Deutschland ein Dorn im Auge. Schon am 8. März 1960 – also kaum eine Woche nach der Einführung der neuen Karte – richtete sich Hans Krüger, der Präsident des Bund der Vertriebenen (BdV), an den Vorsitzenden der ARD und warf den ‚Wettermachern’ vor, sie würden in ihrer Sendung „nur ein verstümmeltes Deutschland“ darstellen. Während „die Wetterkarte genug Platz für die Darstellung von Holland und Belgien“ einräume, höre sie im Osten an der Oder-Neiße-Linie auf und unterschlage den Zuschauern somit einen Blick auf „die ostdeutschen Städte Königsberg und Breslau.“
Eine Veränderung des Kartenausschnitts konnten solche Briefe und Eingaben – auch von der Landsmannschaft Schlesien – jedoch kaum bewirken. Die ARD erklärte zuerst lediglich, dass „der Wettervorhersage keine politische Bedeutung zugemessen“ werden solle. Man verwies darauf, dass die vom BdV vermissten Gebiete in der Karte für die Gesamtwetterlage sehr wohl enthalten seien und „lediglich bei der Wetterprognose selbst“ ein geographisch kleinerer Ausschnitt von Deutschland gezeigt werde. Nach weiteren Kontroversen einigte man sich im Mai 1960 in der Fernseh-Programmkonferenz schließlich darauf, den „Vertriebenen-Organisationen“ ein wenig entgegen zu kommen. Im Übergang zwischen dem „Bild der Großwetterlage und der speziellen Wettervorhersage“ wurde nun für 5 Sekunden „eine Deutschlandkarte in den Grenzen von 1937“ eingeblendet. Es war ein Kompromiss, der sicherlich auch angesichts eines wachsenden Unbehagens von polnischer Seite als richtiger Schritt gewertet werden sollte. Schließlich hatten sich polnische Medien wie die Danziger Zeitung „Glos Wydrzeza“ noch im Februar 1960 über die Ansager der Hamburgischen Wettervorhersage erbost. Beunruhigt berichtete die polnische Presse, dass die Meteorologen „im gleichen Atemzug Schleswig-Holstein, Mecklenburg, Pommern und Ostpreußen“ nannten und bei der Temperaturangabe „sogar Breslau in der Reihe der deutschen Städten mit aufführten.“
Über das Wetter redet man immer
Auch wenn die herbe Kritik der Anfangszeit mit den Jahren langsam abflaute – über das Wetter im Fernsehen redete man immer wieder gerne. So sorgte in den 70er Jahren die Einführung der Satelliten-Bilder für die Großwetterlage wiederum für Zündstoff und noch in den 80ern diskutierte man über den fehlenden Unterhaltungsfaktor des deutschen Fernsehwetters. Heute, zu ihrem 50-jährigen Jubiläum, hat die ARD-Wetterkarte natürlich ein völlig anderes Gesicht und entsteht nicht mehr am Zeichenbrett sondern mithilfe moderner Computergraphik. Ihren festen Platz als effizientes, kompaktes Programmangebot mit übersichtlichen Informationen innerhalb des 15-minütigen Nachrichtenblocks der „tagesschau“ hat sie jedoch bis heute. Auch wenn auf anderen Programmplätzen und zu anderen Sendezeiten mit ‚Wetter-Entertainern’ wie Jörg Kachelmann längst eine ganz andere, neue Art der Wettervorhersage Einzug gehalten hat.
Anne Runkel, Februar 2010
Die Forschungsstelle Geschichte des Rundfunks in Norddeutschland dankt für vielfältige Unterstützung und Kooperationen bei den Recherchen – allen voran Ulrike Zander, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Ihr Artikel zur „Wetterkarte im deutschen Fernsehen vor 50 Jahren“ ist erschienen in: museumsmagazin, Nr. 1, 2010, S. 38f. – Weiterer Dank gilt: Sabine Jansen, Hessischer Rundfunk und Eva Holtmannspötter, Norddeutscher Rundfunk.
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