„Vergangenheitserhellung“ und „kniffelige“ Live-Hörspiele: Der Jugendfunkautor Heinrich von Tiedemann
Zum 85. Geburtstag von Heinrich von Tiedemann und zum 55. „Geburtstag“ des „Abends für junge Hörer“
„Ach, das interessiert mich eigentlich nicht,“ erwiderte Heinrich von Tiedemann (Kurzbiographie) zunächst offenherzig auf die Frage, ob er nicht beim Jugendfunk des Nordwestdeutschen Rundfunks mitarbeiten wolle. Jugendfunk – das klinge „wie eine Art Kinderfunk für größere Kinder“. Doch Wolfgang Jäger, der seit 1950 den Jugendfunk des NWDR leitete, ließ nicht locker und erläuterte dem umworbenen Kollegen seine Vision: Er wollte „Erwachsenenrundfunk für junge Leute“ machen; „und zwar alle Themen und Formen, die der Rundfunk zu bieten hat“, wie sich von Tiedemann erinnert.
Die Bandbreite des Jugendfunks war in der Tat enorm. Hatte Jägers Vorgänger Albin Stuebs 1948 noch eine Art „Verbandsrundfunk“ vorgefunden, in dem insbesondere über die Aktivitäten der verschiedenen Jugendorganisationen berichtet wurde, entwickelte sich dieses Programmsegment, das sich insbesondere an jugendliche Hörer im Alter zwischen 14 und 25 Jahren richtete, in den folgenden Jahren zu einem vielseitigen Angebot. So sah der NWDR/NDR regelmäßig Sendungen vor, die sich mit zeitgeschichtlichen und aktuellen politischen Fragen auseinandersetzten. Daneben wurden Beiträge und Diskussionen über Jugendverbandsarbeit, internationale Jugendbegegnung, Ausbildung/Studium/Arbeitsmarkt, Jugendkriminalität, „Halbstarke“ oder das „Generationenproblem“ ausgestrahlt. Auch das Thema Liebe, die in den Sendungen stets etwas platonisch und asexuell daherkam, sowie Freud und Leid in der Partnerschaft finden sich wieder. Ob Bericht, Kommentar, Reportage, Feature oder Hörspiel – die Macher des Jugendfunks achteten dabei peinlich darauf, dass die jungen Hörerinnen und Hörer die Beiträge nicht als anbiedernd oder gar „berufsjugendlich“ empfanden.
Vergangenheits„erhellung“
Ins Schwärmen gerät Heinrich von Tiedemann, wenn er vom damaligen Anspruch des Jugendfunks berichtet, zur „Erhellung“ – nicht etwa zu einer abstrakten „Bewältigung“ – der jüngsten deutschen Vergangenheit beizutragen: „Wir haben wirklich Geschichte geschrieben, wenn man so will. Wir haben wirklich die Geschichte betrachtet und aufgeblättert.“ Aufmerksamkeit erregte etwa die vom NDR-Jugendfunk seit 1957 im vierteljährlichen Abstand im 3. Programm ausgestrahlte Sendereihe „Probleme, die junge Menschen bewegen“, an der auch Heinrich von Tiedemann als Autor wiederholt mitwirkte. Die Reihe widmete sich in großer Ausführlichkeit – die Sendungen dauerten, nur durch kurze Sendepausen unterbrochen, fast drei Stunden – zeitgeschichtlichen und (tages-)politischen Problemen. Die Auftaktsendung im November 1957 befasste sich mit dem „Schicksal der jüdischen Mitbürger“ im „Dritten Reich“. Im Januar 1958 – 25 Jahre nach der „Machtübernahme“ – folgte eine eingehende Auseinandersetzung mit der Geschichte und Ideologie des Nationalsozialismus. Zudem wurden u.a. die deutsche Teilung (Mai 1958), der Kommunismus (Dezember 1958), der dialektische Materialismus (Februar 1959) oder die Bundeswehr (Mai 1960) behandelt.
„Abend für junge Hörer“
Ein Markenzeichen des Jugendfunks war unter anderem die erstmals im Mai 1954 ausgestrahlte Sendereihe „Abend für junge Hörer“. Die bis ins Frühjahr 1990 hinein vom NDR produzierte Reihe war von Anfang an ein großer Zuhörererfolg. „Die Sendung war so attraktiv, dass auch viele Erwachsene sie damals gehört haben“, erinnert sich von Tiedemann. Das innovative Konzept sah einen mehrstündigen Themenabend vor, der sich formell insbesondere an eine bestimmte Teilgruppe der Hörerschaft richtete und der das damals sonst übliche kleinteilige Programmschema durchstieß – eine kleine programmgeschichtliche Revolution. In bunter Abfolge nahmen sich Berichte, Interviews, Diskussionsrunden, Features und Hörspiele eines bestimmten, keineswegs ausschließlich jugendspezifischen Themas an; abgerundet wurde der Abend durch klassische, manchmal auch vorsichtig jazzige Musikbeiträge.
Mit dieser Reihe nahm insbesondere der Bedarf an Hörspielen zu. Einer der wichtigsten Hörspiel-Autoren des Jugendfunks war Heinrich von Tiedemann, der sich nach seinem anfänglichen Zögern rasch von Wolfgang Jäger hatte überzeugen lassen. Der Spross einer ostelbischen Adelsfamilie, der im Juli 1924 im oberbayerischen Bad Tölz geboren wurde, war 1945 nach kurzer Kriegsgefangenschaft nach Hamburg gekommen. 1946 hatte er dort ein Studium der Literatur- und Theaterwissenschaften aufgenommen und war von seinem Schwager, dem Schriftsteller und NWDR-Redakteur, Gregor von Rezzori, an den nicht weniger prominenten Hörspielregisseur Kurt Reiss vermittelt worden, der damals einen privaten Regie-Assistenten suchte – und in Heinrich von Tiedemann fand. In den folgenden Jahren lernte er das Rundfunkhandwerk „von der Pike auf.“ Als freier Autor schrieb er u.a. regelmäßig für die Sendereihe „Echo des Tages“ und war schriftstellerisch aktiv.
Radio zum Anfassen
Auf Bitten von Jäger verfasste von Tiedemann dann zwischen 1954 und 1963 insbesondere für den „Abend für junge Hörer“ zahlreiche Hörspiele. Meist mussten die Beiträge zielgenau auf ein bestimmtes Thema hin geschrieben werden, das im Zentrum eines solchen Themenabends stand. Weitere Herausforderung: Die Hörspiele für den „Abend für junge Hörer“ wurden von den Schauspielern live und vor einem jugendlichen Publikum gesprochen – Radio zum Anfassen also. Das ganze sei freilich „ein bisschen kniffelig “ gewesen, gibt Heinrich von Tiedemann zu: Denn eigentlich sei die Inszenierung tot, wenn es Pannen gebe. „Das ist etwas, was eigentlich nicht geht, und das muss dann gehen – und das ging auch immer gut.“
Wie ganz und gar ungewöhnlich ein solches Unterfangen war, wird aus den Worten von Wolfgang Jäger deutlich, mit denen er im zweiten „Abend für junge Hörer“, vom 4. Juni 1954, das von Heinrich von Tiedemann geschriebene Live-Hörspiel „Der Tramp und die Meilensteine. Die Geschichte der märchenhaften Fahrt eines modernen Taugenichts in den Vorsommer“ ankündigte. (siehe Hörbeispiel unten)
Der inszenatorische Aufwand grenzte mitunter ans Absurde: Da für dieses Hörspiel zeitweise ein Motorengeräusch benötigt wurde, rollte man – so erinnert sich von Tiedemann – extra eine Isetta ins Studio. Anstatt auf eine Bandaufnahme zurückzugreifen, verwendete man das sonore Live-Tuckern des Kleinwagens. Das Stück handelt von einem Jugendlichen, der – einer zeitgenössischen Mode entsprechend – per Anhalter quer durch Europa reist. Doch der junge Mann ist ruhelos, durchstreift den Kontinent ohne jemals irgendwo wirklich anzukommen oder an einer Stelle länger zu verweilen. Erst ein wundersamer Traum verhilft ihm dazu, fortan die Reise zu genießen und dabei „die Augen aufzusperren“.
Vom Regieassistenten zum „Zeitfunk“-Chef
In den folgenden Jahrzehnten machte der ehemalige Regieassistent und freiberufliche Rundfunkautor Heinrich von Tiedemann Karriere beim NDR: 1961 wurde er fester Redakteur der Hauptabteilung Politik des Hörfunks. Später berichtete er als Fernseh- und Hörfunk-Korrespondent aus Westafrika und Skandinavien. 1983 folgte er schließlich Hermann Rockmann nach und wurde zum Leiter der Hörfunk-Abteilung „Zeitfunk“ berufen; ein Posten, den er bis zu seiner Pensionierung im Mai 1986 inne hatte. Heinrich von Tiedemann lebt heute in Ostholstein.
Christoph Hilgert
Christoph Hilgert und Dr. Hans-Ulrich Wagner führten am 25. Oktober 2008 ein mehrstündiges Gespräch mit Heinrich von Tiedemann in dessen Wohnung in Ostholstein. Alle Zitate aus diesem Interview.
Christoph Hilgert untersucht den Jugendfunk des NDWR/NDR im Rahmen seiner Promotion über Jugend-Repräsentationen im westdeutschen und britischen Hörfunk der 1950er und frühen 1960er Jahre. Er war bis Ende 2007 Mitarbeiter an der Forschungsstelle Geschichte des Rundfunks in Norddeutschland und ist seither Stipendiat des DFG-Graduiertenkollegs „Transnationale Medienereignisse von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart“ an der Justus-Liebig-Universität Gießen.
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