„Eigentlich bin ich ein Hörspiel- und Kurzgeschichtenmann“ - Aus der Korrespondenz zwischen Hildesheimer und Schwitzke

 Die Zusammenarbeit von Wolfgang Hildesheimer mit der Hamburger Hörspielabteilung begann am 17. Juni 1952, als der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) dessen erstes Hörspiel „Das Ende kommt nie“ sendete. Heinz Schwitzke, seit November 1951 Leiter der Hauptabteilung Hörspiel und Produktion beim NWDR in der Hansestadt, erkannte die künstlerische Qualität dieses dramatischen Erstlings und verteidigte sie gegen die negativen Reaktion vieler Hörer. An Hildesheimer, der 1916 als Sohn eines jüdischen Chemikers in Hamburg geboren wurde und nach seinem Exil seit 1949 in Ambach am Starnberger See lebte, schrieb der Hörspielmacher: „Wegen der Zuschriften machen Sie sich nur keine Sorge. Die Urteile der Hörer stimmen nie genau“. Schwitzke vertraute in die weitere schriftstellerische Arbeit von Hildesheimer; der gerade seine literarische Karriere startende Autor konnte von nun an mit der Unterstützung des Rundfunks rechnen.

Die in der Hörspielabteilung des Norddeutschen Rundfunks bis heute erhaltenen Briefe geben einen eindrucksvollen Einblick in die schriftstellerische Werkstatt vieler Autoren und sie spiegeln die Bedeutung der Hörspieldramaturgen beim Entstehen von rundfunkliterarischen Werken. So zeigte sich Wolfgang Hildesheimer überraschend offen für die Rat- und Vorschläge des Dramaturgen. Gerade wenn dieser skeptische Antworten auf Exposés bzw. Rohfassungen schickte, reagierte Hildesheimer keineswegs irritiert und zeigte sich nicht verletzt. Oft bezeichnete er die Begründungen des Dramaturgen sogar als berechtigt. Gleichwohl folgte der Autor den Einwänden und Wünschen nicht immer. Etwa im Fall des Hörspiels „Prinzessin Turandot“, einem Projekt, das am 22. Juli 1953 mit „einigen Notizen“ Hildesheimers angefangen hatte und am 29. Januar 1954 urgesendet wurde. Kurz vor der Ausstrahlung äußerte sich Schwitzke darüber, dass er sich mehr Humor und Ironie gewünscht habe. Gleichwohl ermunterte Schwitzke im selben Brief den Autor ausdrücklich zur weiteren Arbeit: „Im Ganzen aber ist die ‚Turandot’ eine wichtige Station Ihrer Entwicklung und vor allem im Handwerklichen und Architektonischen (...) ein grosser Schritt voran.“

Zu einem solchen persönlichen Zuspruch gesellte sich die konkrete ökonomische Unterstützung. Denn der öffentlich-rechtliche Rundfunk in der Nachkriegszeit erfüllte eine große mäzenatische Funktion. Auch dies zeigt sich im Fall Hildesheimer sehr deutlich. Dessen Bitten um eine Vorschusszahlung folgte der Hamburger Hörspielchef mit einer großzügigen Handhabung seines Etatspielraums. Auch wenn Schwitzke Einwände gegen einen Hörspielvorschlag hatte, handelte er im Sinne des Autors: „Wenn Sie sich dieses Stück zutrauen, dann traue ich es Ihnen ganz einfach auch zu und lege damit die schwere Verantwortung auf Ihre Schultern. Unter der Bedingung, dass Sie uns im Falle des Misslingens nicht auf dem Stück sitzen lassen, sondern fleissig über ein anderes nachdenken“, so in einem Brief an Hildesheimer am 4. Mai 1953. Diese am „Hörspielpapst“ Heinz Schwitzke mehrfach zu beobachtende flexibel gehandhabte Honorarpraxis ermöglichte Wolfgang Hildesheimer wie vielen Autoren des bundesrepublikanischen Literaturbetriebs ein konzentriertes Schreiben. Hildesheimer brachte seine Zufriedenheit im Brief vom 16. Februar 1954 auf dem Punkt: „Ich muss sagen, dass die Zusammenarbeit mit Ihrer Abteilung wirklich das Erquicklichste ist, was es für einen Schriftsteller in Deutschland heute geben kann“.

Zwischen den beiden Arbeitspartnern entwickelte sich bald so etwas wie eine Freundschaft. Als Hildesheimer 1954 mit seiner Frau Silvia zur Tagung der Gruppe 47 auf Cap Circeo bei San Felice (in der Nähe von Rom) fuhr, lud er Schwitzke ein, ihn im Auto zur Tagung mitzunehmen. Sie fuhren nicht direkt, sondern besuchten einige Städte Oberitaliens, auch dazu luden sie den Hörspielchef ein. Wollte Hildesheimer diese freundschaftliche Partnerschaft pflegen, als er dem Dramaturgen häufig über seine Arbeiten und Pläne berichtete? Auch wenn solche Berichte oft Erklärungen liefern sollten, warum sich sein nächstes Hörspielprojekt verzögerte, teilte Hildesheimer sehr viel mehr als andere Autoren mit, wie es mit seinen Dramen- und Romanarbeiten stand. Hildesheimer schrieb über Termine seiner Lesungen sowie über Reisepläne, bei denen er einen Abstecher nach Hamburg unternehmen konnte, um Schwitzke anzubieten, direkt weitere Hörspielideen durchzusprechen.

Die Kehrseite dieser engen Zusammenarbeit war nicht selten das „schlechte Gewissen“, das Hildesheimer ab und zu eingestehen musste. Etwa als er Schwitzke schrieb, dass er auch von einer anderen Rundfunkanstalt Aufträge annehmen wolle. Durch den Mäzen in Hamburg unter die Fittiche genommen, fühlte sich Hildesheimer moralisch verpflichtet und sah sich als „Hamburger Hausautor“. Deswegen begründete er am 21. Juni 1954 sehr ausführlich, warum er wegen eines Hörspielprojekts für den Bayerischen Rundfunk die Arbeit an einem neuen Text für Schwitzke unterbrechen müsse: „Ich wollte zuerst ablehnen, aber da die Kostbarkeit nicht länger als 20 Minuten dauern sollte, sie 2. innerhalb weniger Tage fertig sein musste, 3. die Bezahlung gut ist, 4. Henze gerade hier ist, 5. wenn ich hart arbeite meine Dispositionen nicht durcheinanderbringt“. Der Schriftsteller argumentierte, dass Schwitzke wegen dieser Zwischenarbeit sicherlich keine große Verspätung bei der Abgabe des NWDR-Manuskriptes befürchten müsse. Hildesheimer fügte dabei scheinbar wie nebenbei hinzu, dass er keine Absicht habe, „Hausautor beim bayerischen Rundf. zu werden“. „Wenn auch ungern“, wie Schwitzke antwortete, war er mit dieser Abmachung Hildesheimers einverstanden.                                                    

Nicht jedoch in einem anderen Fall: Als der Autor beinahe eigenmächtig über eine Gemeinschaftsproduktion der Hamburger und Münchner Hörspielabteilung entscheiden wollte, zeigte sich Schwitzke regelrecht „verstimmt“ und schickte dem Autor einen längeren Brief. Betroffen von der Reaktion des Hörspielchefs wollte Hildesheimer seine vorläufige Zusage beim Bayerischen Rundfunk erst einmal zurückziehen. Doch erübrigte sich das, denn die beiden Hörspielleiter, Heinz Schwitzke und Friedrich-Carl Kobbe, hatten schon bald telefoniert. Die Hamburger Dramaturgie setzte sich durch: Das nächste Hildesheimer Hörspiel müsse auch im Fall einer Gemeinschaftsproduktion in Hamburg eingespielt werden, wobei Kobbe eventuell sogar eine neue Produktion, also eine Parallelinszenierung in München herstellen müsse. Auch der Sendetermin werde von Schwitzke bestimmt.

Gleichwohl warf dieser Zwischenfall keinen Schatten auf ihre weitere Zusammenarbeit. Wie sehr Hildesheimer dem mächtigen Dramaturgen in Hamburg Vertrauen in Sachen Hörspiel schenkte, wird schließlich auch dadurch bezeugt, dass er ihn sogar um das Gegenlesen seines Manuskripts für die Ansprache bei der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden 1955 bat. Ein Satz, in dem Hildesheimer die Besonderheit des Hörspiels vor allem in der Reichweite, dem zahlenmäßig großem Rundfunkpublikum sah und von ihr eine besondere Verantwortung des Autors ableitete, störte Schwitzke. Das Argument mit seinem quantitativen Aspekt wurde in die Rede am 22. März 1955 nicht aufgenommen.

Insgesamt ist man bei der Lektüre der Korrespondenz zwischen den Schriftstellern und den Dramaturgen überrascht, wie einfallsreich Wolfgang Hildesheimer war. Viele seiner Hörspielideen wurden aus verschiedenen Gründen nicht bis zur Produktion entwickelt. Doch das entmutigte ihn nicht. In den Jahren von 1952 bis 1980 entstanden allein für den Nordwestdeutschen bzw. Norddeutschen Rundfunk zwölf Hörspielarbeiten. Hildesheimer hatte eine Leidenschaft für die Radiogattung entwickelt. Bei der Einreichung der ersten Seiten seines neuen Hörspiels, ein Rohmanuskript, das er „im Bett noch geschrieben“ habe, schrieb Hildesheimer am 8. Oktober 1955 einmal beiläufig in Klammern: „Ich bin gerade dabei, wieder einmal festzustellen, wie gern ich eigentlich Hörspiele schreibe. Eigentlich bin ich ein Hörspiel- und Kurzgeschichtenmann.“ Eine Selbstcharakterisierung, die sicherlich erklärt, warum Wolfgang Hildesheimer sich über eine so lange Zeit dem Hörspiel zuwandte.

 

Wakiko Kobayashi, Oktober 2009

Die Verfasserin ist Lehrbeauftragte an der Keio Universität in Tokio; sie promovierte im Frühjahr 2008 im Department Sprache Literatur Medien I an der Universität Hamburg zum Thema „Unterhaltung mit Anspruch. Das Hörspielprogramm des NWDR-Hamburg und NDR in den 1950er Jahren“. ´

Diese Arbeit ist Anfang 2009 im Lit-Verlag erschienen.

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Brief von Wolfgang Hildesheimer an Heinz Schwitzke vom 12.1.1955
Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlages.
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Antwortbrief von Heinz Schwitzke an Wolfgang Hildesheimer vom 15.1.1955
Mit freundlicher Genehmigung von Katharina Sobisch.
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Wolfgang Hildesheimer© NDR, Mit freundlicher Genehmigung des NDR-Fotoarchivs.
Anhang
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