"Kein Ohrenschmaus im herkömmlichen Sinne" - Free Form Jazz und die Anfänge des NDR-Jazzworkshops

Die NDR-Jazzworkshops feiern in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag – ein willkommener Anlass, einen Blick zurückzuwerfen auf die Anfänge dieser außergewöhnlichen Konzert-Reihe und geschichtsträchtigen Programm-Marke, die schon in den fünfziger Jahren das norddeutsche Publikum mit den internationalen Größen des Modern Jazz bekannt machte.

Ein außergewöhnliches Konzept

Wie Hans Gertberg (s. Abb.), der Leiter der NDR-Jazzredaktion von 1952 bis 1970, oft betonte, hatte der damalige Musikchef in Hamburg die Idee zu den Jazzworkshops. Die Vorstellungen Rolf Liebermanns gingen dahin, der Studio-Jazzkonzert-Reihe, die die Jazzredaktion schon 1952 ins Leben gerufen hatte, eine neue, experimentelle Facette zu geben. Sie sollten mehr Abwechslung ins Programm bringen. Dankend griff Gertberg diese Anregung Liebermanns auf und hauchte der Idee Leben ein. Das Konzept sah vor, für jeden Workshop national und international bekannte Jazzmusiker zum NDR einzuladen. Jeweils zwischen zehn und zwanzig Musiker sollten einige Tage zusammen proben können und ihre Ergebnisse schließlich in einem Studio-Konzert live der norddeutschen Hörerschaft vorstellen. Hauptaugenmerk der Veranstalter lag auf der Möglichkeit, verschiedenen Musikern, die andernfalls niemals zusammen gespielt hätten, beim NDR Raum und Öffentlichkeit für Experimente zu bieten und sie für diesen Zeitraum aus dem alltäglichen kommerziellen Druck zu lösen.

Von kleinen Anfängen zu internationaler Verbreitung

Am 21. Februar 1958 verwandelte Hans Gertberg das elfte Studio-Jazzkonzert kurzerhand in den ersten NDR-Jazzworkshop (s. Abb.). Diesem sollten bis zum Tode Gertbergs im Jahr 1970 69 weitere Workshops folgen. Während im ersten Jahr nur drei Konzerte – im Februar, November und Dezember – stattfanden, organisierte die Jazz-Redaktion danach bis zu sieben Workshops pro Jahr. Diese fanden unregelmäßig in den Winter-, Frühjahr- und Herbstmonaten statt. Dementsprechend blieben die Übertragungen der Konzerte stets Highlights und erhielten als solche einen Platz im Zweiten Programm des NDR, während die meisten anderen Jazz-Sendungen im Dritten Programm des NDR ausgestrahlt wurden. Von einigen Direkt-Übertragungen abgesehen, wurden die Konzerte in der Regel aufgezeichnet und einige Wochen später im Abendprogramm um 21 Uhr gesendet. Auch für das Fernsehen waren die Jazzsessions attraktiv. Unter dem Titel „Notizen aus der Jazzwerkstatt“ wurde von Mitte 1961 an gelegentlich im Fernsehen über die experimentellen Zusammenkünfte im Studio 10 berichtet. Darüber hinaus zeigte auch das Ausland Interesse. Wie Anne Kröhling in ihrer Magisterarbeit aus dem Jahr 2003 über die NDR-Jazzworkshops feststellte, fanden zahlreiche internationale Kooperationen statt. So wurde zum Beispiel der Workshop vom 28. März 1969 auch vom finnischen Rundfunk übertragen und vier weitere Workshops entstanden in Kooperation mit dem tschechischen und polnischen Rundfunk.

„Leise grollend daheim am Lautsprecher“ – Mehr Fans als Sitzplätze

Aufgeführt wurden in den Workshops stets eigens für diesen Anlass komponierte Stücke bzw. Jazz-Standards, die jedoch in überraschenden Arrangements oder Besetzungen erschienen. Die geradezu traumhaften Arbeitsbedingungen führten nicht selten zu legendären Konzerten (s. Abb.). Die Zuhörer im Studio waren damals handverlesen. Die geladenen Gäste hatten zunächst freien Eintritt. Erst unter Gertbergs Nachfolger sollte ein kleines Eintrittsgeld erhoben werden. Die Konzerte erfreuten sich großer Beliebtheit. Kein Wunder also, dass Hans Gertberg sich angesichts dieser Nachfrage bald gezwungen sah, den gleichbleibend kleinen Rahmen der Jazzworkshops vor den Fans zu rechtfertigen. Wie sehr Gertberg dabei um das Verständnis der Zuhörer bemüht war, zeigte sich beim zehnten Jazzworkshop-Konzert am 22. Januar 1960, als der Moderator in sehr gewundenen Sätzen das Thema entfaltete – Gertbergs redaktionelle Erfahrung in der Hörspielproduktion ist unüberhörbar (Hörbeispiel 1).

Klangherausforderungen – Der Modern Jazz kommt in den Norden

Mit diesem sehr modern und international ausgerichteten Programmangebot ging der NDR in Opposition zu Dixieland- und New-Orleans-Jazz, die im Norden vom britischen Soldatensender BFN gespielt wurden, wie Gabriele Benedix, die Leiterin des Hamburger Jazzbüros, in ihrer Diplomarbeit „Die Geschichte der Hamburger Jazzszene“ feststellte. Im hohen Norden bedurfte es also besonderer „missionarischer“ Arbeit für diese moderne Art des Jazz. Um seinen Zuhörern die präsentierten Musikstücke näher zu bringen, nutzte Hans Gertberg alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel. So versendete er beispielsweise individuelle Einladungsschreiben, in denen er die Zuschauer auch einmal vor der bevorstehenden Klangherausforderung regelrecht warnte. In der Einladung zum 41. Jazzworkshop, an dem neben Musikern wie Steve Lacy, Attila Zoller und Hans Koller auch zwei der international bedeutendsten Free Jazz Musiker, Paul und Carla Bley, mitwirkten, betonte Gertberg vorsorglich:

„Bitte beachten Sie: FREE FORM JAZZ … Das wird kein Ohrenschmaus in herkömmlichen Sinne – Sie haben vielleicht dies und jenes darüber gelesen, so dürfen wir Sie bitten, diesmal besonders gründlich zu erwägen, ob Sie dabei sein möchten: Danke im voraus.“

An anderer Stelle stimmte Hans Gertberg die Zuhörer mit langen erläuternden Ansagen auf die Konzerte ein und führte auf Vermittlung bedachte Pausengespräche. Im Interview mit den Workshop-Musikern verband Gertberg fachmännische Diskussionen über stilistische Veränderungen im Jazz mit simplen Begriffserklärungen für die Jazzneulinge. Dies zeigt das Gespräch in der Pause auf dem zehnten Jazzworkshop mit dem deutschen Pianisten Klaus Doldinger und dem britischen Trompeter Stuart Hamer Hörbeispiel 2).

Gertbergs „kleiner Völkerbund im Zeichen des Jazz“

Zwar waren alle vorherrschenden Jazz-Stile in den Workshops vertreten, der Schwerpunkt lag für Gertberg – genauso wie für seine Nachfolger – jedoch vor allem auf dem Modern Jazz und hier besonders auf dem Bebop, Hardbop und Cool Jazz. Erst später kamen neuere Stilrichtungen wie Fusion, Jazz-Rock und Weltmusik hinzu. Gertberg lud viele deutsche Modern Jazz-Künstler ein, unter ihnen die damals jungen Musiker Wolfgang Schlüter, Michael Naura, Rolf Kühn und Albert Mangelsdorff. Neben ihnen und vielen Jazz-Größen aus den USA fanden auch – dem Zeitgeist entsprechend – zahlreiche (ost-)europäische Künstler durch die Workshops ihren Weg nach Hamburg. Ihnen widmeten sich besonders vier Workshops in den Jahren zwischen 1965 und 1970. Mit Titeln wie „Six Degrees East – Six Degrees West“ oder „Five Degrees East – Five Degrees West“ spielte man auf die Komposition „Two Degrees East, Three Degrees West” von John Lewis an. Gertbergs Engagement war es, das geteilte Europa musikalisch zu vereinen.

Nie einfach aber immer neu – 50 Jahre „Werkstatt-Arbeit“

Mit dieser speziellen Konzeption der Jazzworkshops schuf der NDR schon in den fünfziger Jahren ein Format, das sich mit Leichtigkeit über 50 Jahre hinweg gehalten und dabei immer neu erfunden hat. Dass solche internationalen musikalischen Zusammenkünfte nicht immer einfach sind, liegt auf der Hand. Doch es war eine ständige Herausforderung, die sich lohnte, wie Hans Gertberg – durchaus mit einer Prise Humor – schon in seiner Ansage zum zweiten Jazzworkshop-Konzert treffend zusammenfasste:

„Wenn so viele Temperamente zusammenkommen… Sie können es sich vorstellen – sieben ist ja schon sehr viel; sieben Musiker auf einem Haufen – das können Sie ruhig, auf uns einfache, schlichte Bürger angewandt, multiplizieren, etwa mit 20. Dann haben Sie es so etwa. – Wenn so viele Temperamente zusammenkommen, dann ist ein richtiger Workshop – nämlich eine Werkstatt – beieinander, wo gehobelt wird und wo auch die Späne fallen. (…) Ich glaube, heute Abend aber, werden wir ein sehr, sehr schönes – und ich muss jetzt beim Bild bleiben – ist vielleicht ein bisschen albern – Möbelstück hier erleben.“

Anne Runkel, November 2008

Lesen Sie andere Online-Artikel der Forschungsstelle.

 

Zum Vergrößern bitte auf die Dokumente klicken. 

Hans Gertberg, 1961, Hans Gertberg, 1961, © NDR / Annemarie Aldag. Mit freundlicher Genehmigung des NDR Fotoarchiv.
Bandkontroll-Karte des ersten NDR Jazzworkshop 1958, © NDR, Aktenbestand im Schallarchiv. Mit freundlicher Genehmigung des NDR.
Hörbeispiel 1: In eigener Sache, Ausschnitt aus dem 10. NDR Jazzworkshop-Konzert am 22.01.1960. © NDR, Schallarchiv. Mit freundlicher Genehmigung des NDR.
Eintrittskarte zum zweiten NDR Jazzworkshop 1958.
Hörbeispiel 2: Hardbob und Mainstream, Ausschnitt aus dem 10. NDR Jazzworkshop-Konzert am 22.01.1960. © NDR, Schallarchiv. Mit freundlicher Genehmigung des NDR.