Abstracts 3-4/2008

Otfried Jarren: Massenmedien als Intermediäre. Zur anhaltenden Relevanz der Massenmedien für die öffentliche Kommunikation

In der Debatte um Onlinemedien wird die These aufgestellt, dass diese Anbieter und Angebote die Massenmedien verdrängen. Im vorliegenden Beitrag wird auf Basis öffentlichkeits-, institutionen- und organisationstheoretischer Überlegungen dem widersprochen. Massenmedien realisieren und repräsentieren entscheidungsrelevante Themen für die Gesellschaft. Sie reduzieren und fokussieren die durch horizontale und vertikale Differenzierung auf allen Öffentlichkeitsebenen steigende Themenkomplexität im Kontext von kollektiven wie individuellen Entscheidungsnotwendigkeiten. Massenmedien als Institutionen ermöglichen in spezifischer Weise die Interaktionsprozesse zwischen Informationsanbieter und Rezipienten, sie regeln die Austauschprozesse gesellschaftsweit, für alle Gesellschaftsmitglieder sichtbar und verbindlich. Massenmedien fungieren als Intermediäre, sie sind damit als spezifischer Organisationstyp (als intersystemische Organisationen) institutionalisiert. Organisation wie Leistung bei Intermediären werden öffentlich mit kontrolliert. Nur als Intermediäre sich ausflaggende und von den Rezipienten anerkannte Organisationen können dauerhaft publizistische Leistungen von Relevanz erbringen und gesellschaftsweite Anerkennung erwarten. Die Mehrzahl der Onlineanbieter wie -angebote erfüllt die für Massenmedien genannten Voraussetzungen nicht.

Schlagwörter: Massenmedien, Online-Medien, Institutionen, Öffentlichkeit, Organisationstheorie, Intermediäre

Bertram Scheufele / Alexander Haas: Die Rolle der Unternehmensberichterstattung am Aktienmarkt. Eine Zeitreihenanalyse des Zusammenhangs zwischen der Print-, Online- und Fernsehberichterstattung sowie den Handelsvolumina und Kursen ausgewählter deutscher Aktien

Die Kommunikationswissenschaft hat die Rolle der Medien am Aktienmarkt bislang entweder ausschließlich theoretisch oder über Anlegerbefragungen untersucht. Dieser Beitrag greift neben kommunikationswissenschaftlichen auch finanzwissenschaftliche Überlegungen auf. Er fragt nicht nach Medieneffekten auf individuelle Anleger (Mikro), sondern nach medialer Breitenwirkung, die sich in messbaren Bewegungen im Aktienkurs oder Handelsvolumen niederschlägt (Makro). Dafür wurde eine Primäranalyse der Berichterstattung ausgewählter Zeitungen, TV-Börsensendungen und Online-Finanzportale mit einer Sekundäranalyse der Handelsvolumina und Aktienkurse von zehn deutschen börsennotierten Unternehmen in einem zeitreihenanalytischen Design kombiniert. Die Ergebnisse zeigen, dass Medienwirkungen, die bis zur Makro-Ebene der Kurse bzw. Handelsvolumina durchschlagen, eher selten sind. Denn dafür müssen viele begünstigende Faktoren zusammenkommen. Darüber hinaus stellt deren Messung eine methodische Herausforderung dar.

Schlagwörter: Medienwirkung, Aktie, Mikro-Makro, Mehr-Methoden-Design, Zeitreihen

Constanze Rossmann / Tanja Pfister: Zum Einfluss von Fallbeispielen und furchterregenden Bildern auf die Wirksamkeit von Gesundheitsflyern zum Thema Adipositas

Die Frage, wie Gesundheitsinformationen optimal aufbereitet werden, um die Bevölkerung zu erreichen, ist eines der zentralen Problemfelder der Gesundheitskommunikation. Eine häufig eingesetzte Strategie sind Furchtappelle, über deren gesundheitsförderliche Wirkung bis dato widersprüchliche Ergebnisse vorliegen. Auch Fallbeispiele können die Wahrnehmung gesundheitsspezifischer Risiken, Einstellungen und Verhaltensintentionen beeinflussen. Die Richtung der Einflüsse und ob furchterregende Bilder mit Fallbeispielen interagieren, ist bislang nicht eindeutig geklärt. Wir führten ein 2x3-Experiment mit zweimaliger Nachhermessung zu Informationsflyern über Adipositas durch (Faktor 1: Fallbeispiel vs. summarische Realitätsbeschreibung, Faktor 2: positives, leicht negatives, sehr negatives Bild). Die erste Nachhermessung (n=185) erhob intervenierende (Soziodemographie, Involvement, Flyerbewertung etc.) und abhängige Variablen (Wissen, Risikowahrnehmung, Einstellungen, Verhaltensintention), die zweite erfasste die abhängigen Variablen 14 Tage später erneut und zudem das Verhalten während der vergangenen zwei Wochen (n=176). Die Ergebnisse zeigen keine Unterschiede durch die Textversion. Die Bilder hingegen beeinflussten das Wissen in Form einer U-Funktion sowie Risikowahrnehmung, Einstellungen und Verhaltensintentionen – wenn auch nur teilweise signifikant – in Form einer umgekehrten U-Funktion. Beim Verhalten war die Wirkung des leicht negativen und des negativen Bildes am stärksten. Die Befunde waren größtenteils unabhängig von intervenierenden Merkmalen und der Einfluss des Flyers blieb über die zwei Wochen hinweg weitgehend stabil.

Schlagwörter: Gesundheitskommunikation, Informationsflyer, Adipositas, Fallbeispiele, Furchtappelle, furchterregende Bilder

Patrick Weber: Nachrichtengeographie: Beschreibungsmodell und Erklärungsansatz auf dem Prüfstand. Untersuchung am Beispiel der Osteuropaberichterstattung deutscher Tageszeitungen

Im Beitrag werden ein Modell der Nachrichtengeographie und der in der Nachrichtenwerttheorie fußende Erklärungsansatz für die Präsenz von Ländern in der Auslandsberichterstattung empirischen Tests unterzogen. Am Beispiel der Osteuropaberichterstattung der deutschen Tageszeitungen Süddeutsche Zeitung, Neues Deutschland, Münchner Merkur und Leipziger Volkszeitung wird gezeigt, dass sich das Modell clusteranalytisch validieren lässt und Länder anhand ihrer Präsenz in der Berichterstattung sowie der Themen- und Darstellungsvariabilität als Nachrichtenzentren, -nachbarn, thematische Nachrichtennachbarn oder Nachrichtenperipherie klassifiziert werden können. Darauf aufbauend wird mit der Etablierung von Themen ein bisher vernachlässigter Prädiktor der Länderpräsenz identifiziert und seine Erklärungskraft nachgewiesen.

Schlagwörter: Nachrichtengeographie, Nachrichtenfluss, Nachrichtenwerttheorie, Auslandsberichterstattung, Inhaltsanalyse

Stefan Jarolimek: „Ziel erreicht.“ Oder: „Bitte wenden.“ Ein normatives Modell zur Bewertung der Transformationsprozesse in Mittel- und Osteuropa

Die Zeit der großen Umbrüche, Revolutionen und gesellschaftlichen Eruptionen in Mittel- und Osteuropa ist vorbei. Die Anpassung gesellschaftlicher Institutionen an die postkommunistischen Realitäten in Form einer Re-Regulierung ist eher Anzeichen für das Transformationsende, der Konsolidierung und des Übergangs zu stetigem sozialen Wandel. Innerhalb der Transformationsforschung spielen die Entwicklung von Stufenmodellen und die Einordnung der Prozesse in eben solche eine wichtige Rolle bei der Erklärung und Bewertung der Transformation. Mit Blick auf die vorhandenen sozialwissenschaftlichen Konzepte wird ein Stufenmodell für die kommunikationswissenschaftliche Transformationsforschung zur Region Mittel- und Osteuropa vorgestellt, das Öffentlichkeit als Formalobjekt für sich reklamiert und in dem Konzept von Vielfalt die Zielstellung einer sich transformierenden Öffentlichkeit sieht. Dabei stellt die fünfte Stufe als Phase der Rekonvaleszenz eine Bereicherung hinsichtlich der Beobachtung des Transformationsendes ex post dar. Zur Evaluation der unterschiedlichen, nationalen Konsolidierungsprozesse werden Bewertungsbereiche sowie gesellschaftliche Interdependenzen innerhalb eines normativen Zielmodells erarbeitet.

Schlagwörter: Transformation, Mittel- und Osteuropa, Konsolidierung, Mediensystem, Modell, Öffentlichkeit, Vielfalt

Evelyn Bytzek: Ereignisse und ihre Wirkung auf die Themenagenda der Wählerschaft

Der Einfluss von Ereignissen wird für eine Vielzahl an politischen Größen konstatiert, beispielsweise Wahlergebnisse oder politische Reformen. Die Voraussetzung für einen solch bedeutenden Einfluss ist jedoch, dass Ereignisse die Themenagenda der Wählerschaft bestimmen und so Druck auf die Politik ausüben. Ob diese Voraussetzung erfüllt wird, ist bislang jedoch nicht über Fallstudien hinausgehend untersucht worden. Der vorliegende Beitrag widmet sich daher der Untersuchung des Einflusses von Ereignissen auf die Themenagenda der deutschen Wählerschaft für den Zeitraum von 1991 bis 2003. Es kann gezeigt werden, dass Ereignisse die Themenagenda beeinflussen und sogar Themen, über die die Bürger eigene Erfahrungen haben, in den Hintergrund drängen können. Dieser Effekt ist jedoch äußerst kurz.

Schlagwörter: Agenda Setting, Zeitreihen, Längsschnittanalyse, Medienagenda, politische Agenda, Ereignisauswahl