"Je nasser das Hemd, desto trockener der Humor" - der Karikaturist Mirko Szewczuk im NWDR-Fernsehen

"Sind Sie im Bilde?", fragte zu Beginn des Jahres 1952 der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) das noch handverlesene Fernsehpublikum. Techniker und Redakteure arbeiteten im Hochbunker auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg daran, ein Versuchsprogramm zu senden. Weihnachten 1952 sollte der Startschuss fallen. Doch die scheinbar so genuin auf das Fernsehen zugeschnittene Frage "Sind Sie im Bilde?" zielte nicht auf Bild- oder Empfangsqualität. Mit ihr stellte sich der Karikaturist Mirko Szewczuk vor und lud sein Publikum jeden zweiten Freitagabend ein, sich von ihm ins rechte Bild setzen zu lassen.

Mirko Szewczuk war ein Meister seines Metiers. Der 1919 in Wien geborene Karikaturist hatte nach dem Besuch des Realgymnasiums ab 1939 in der Wehrmacht gedient, wo er von 1941 an als Pressezeichner einer Propaganda-Kompanie tätig war. In den Nachkriegsjahren arbeitete er zunächst als politischer Zeichner für die in Hamburg gegründete Wochenzeitung Die Zeit. Von der ersten Ausgabe am 21. Februar 1946 an erschienen seine pointierten Karikaturen, die aktuelle politische Themen aufgriffen. Dazwischen veröffentlichte Szewczuk aber immer wieder auch Portraitkarikaturen. Nach seinem Ausscheiden bei der Zeit im Juni 1949 begann er als Exklusivzeichner für Die Welt zu arbeiten. Neben Zeichnungen zu politischen Ereignissen erschienen hier auch die humorvollen, heitere Alltagssituationen aufgreifenden Bildergeschichten mit dem Titel "Meine Tochter Ilona" (siehe Bildergeschichte).

So musste das Fernsehen auf den populären Karikaturisten aufmerksam werden. Zum ersten Mal vor der Fernsehkamera war Mirko Szewczuk am 7. Dezember 1951. Er war zu Gast in einer Sendung, in der das damalige Fernsehversuchsprogramm regelmäßig Karikaturisten vorstellte. Eine Woche später wurde die Sendung wiederholt. Als Ergänzung zeichnete Szewczuk dieses Mal vor laufender Kamera eine Karikatur und vermittelte dem Publikum dabei einen Einblick in seine Arbeitsweise. Die Idee, regelmäßig im Fernsehen zu improvisieren, entstand schließlich im Rahmen eines Auftritts Szewczuks auf der Kleinkunstbühne des Kabarettisten Werner Finck. In der "Mausefalle II" in Hamburg brachte Szewczuk am Silvesterabend 1951 dem Publikum mittels seiner Karikaturen und pointierten Kommentare wichtige politische und gesellschaftliche Ereignisse des vergangenen Jahres nahe.

"Ich hatte die Idee, dass doch eine Sache, die mit Zeichnen zu tun hat, auch etwas für das Fernsehen sein müßte. Da bin ich halt mal vorbeigegangen", äußerte sich Szewczuk gegenüber der Journalistin Ursula Wagenführ 1953 in der Fachzeitschrift "Fernsehen". Doch ganz so neu war die Idee nicht. Sendungen mit Karikaturisten hatte es bereits Anfang der 1930er Jahre für das Kino gegeben, undvon 1937 an erprobte der Fernsehsender Paul Nipkow in Berlin dieses Format. Diese Vorläufer kannten Fernsehverantwortliche wie Werner Pleister und Hanns Farenburg beim NWDR genau und sie stellten Überlegungen an, wie daran angeknüpft werden könnte. Am Freitag, 25. Januar 1952, um 21.52 Uhr begann Szewczuks erste Sendung, die in der "Ansage", dem Pressedienst des NWDR, noch unter dem Titel "Karikatur des Tages" angekündigt wurde. Vor einem Vorhang war eine Staffelei aufgestellt, das Zeichenpapier war bereit. Szewczuk stand links daneben. Die Kamera erfasste seinen Kopf, seine zeichnende Hand und die entstehende Karikatur. Später wurde das Studio ausgebaut. Szewczuk bekam einen Sessel, davor stand ein Tisch mit seiner Staffelei, dem Zeichenmaterial und einem Globus.

"Ich möchte Ihnen einen kurzen Rückblick auf die Ereignisse seit Jahresbeginn geben - und die bezeichnendsten politischen Stationen noch einmal kurz aufzeichnen". Mit diesen Worten leitete Szewczuk die Sendung laut dem erhaltenen Sendemanuskript ein. Seine erste Karikatur bezog sich auf Martin Niemöller. Dieser durch seine unbequemen Positionen bekannt gewordene Pastor war Anfang des Jahres 1952 auf Einladung eines russisch-orthodoxen Patriarchen nach Moskau gereist, um den Beitritt des russischen Patriarchats zum Ökumenischen Rat der Kirchen vorzubereiten. Niemöllers Reise löste in der Bundesrepublik einen Sturm der Entrüstung aus, denn dem Pastor wurde eine Aufwertung des kommunistischen Feindes vorgeworfen. Szewczuk kommentierte die Situation wie folgt: "Das erste Ereignis des Jahres, das die Wellen der Erregung hochgehen ließ - war - dass Pastor Niemöller - mir nix - dir nix nach Moskau fuhr - und es gab Leute, die sagten, er habe sich als alter U-Boot Kommandant in das falsche Kielwasser begeben. - Jedenfalls: - Die Gefahr war nicht von der Hand zu weisen - dass er (um im Marinejargon zu bleiben) als Torpedo benutzt werden sollte." Matthias Kretschmer, der 2001 eine umfangreiche "kommunikationshistorische Studie über Leben und Werk" des "Bildpublizisten" Mirko Szewczuk vorgelegt hat, dokumentiert dieses Manuskript. Die unterstrichenen Abschnitte in Szewczuks Manuskript geben an, wann er jeweils ein Bildelement auf das Papier zeichnete. Auf diese Weise entwickelte er parallel zu seinem Kommentar eine Karikatur. Die sehr bildreiche Sprache lässt hier anschaulich die gelungene Verbindung des Vortrags mit seiner entstehenden Zeichnung erkennen.

Bis Anfang des Jahres 1954 begann die Sendung nun alle zwei Wochen, von 1954 an noch im Vierwochen-Rhythmus in der optimalen Sendezeit am Freitagabend nach 20 Uhr. Szewczuks Auftritt vor der Kamera beschreiben die Fernseh-Informationen mit den Sätzen: "Einer der besten Plauderer des Hamburger Fernsehdienstes ist der bekannte Karikaturist der "Welt" Mirko Szewczuk (…). Beim Zeichnen vor der Fernsehkamera wirft er so ganz nebenbei seine Bemerkungen hin: charmant, witzig und treffend. Das sieht alles so selbstverständlich und souverän aus - und doch hat Szewczuk, wie er einem Kollegen gestand, Kamerafieber (…). Was den Journalisten zu der Bemerkung veranlasste: ‚Sie werden während der Sendung auch immer besser, offenbar nach dem Gesetz: je nasser das Hemd, desto trockener der Humor.'"

Im April 1952 wurde die Sendung noch um das sogenannte "Märchen" erweitert. Szewczuk begann nach den einleitenden Worten "Es war einmal…", eine Geschichte zu erzählen, in der er auf aktuelle Ereignisse Bezug nahm. Ab dem Frühjahr 1954 kam mit einem Bilderrätsel am Ende der Sendung eine weitere Neuerung hinzu. Die Zuschauer sollten die Lösung auf eine Postkarte schreiben und sie an den NWDR schicken. Als Preise winkten meist von Szewczuk illustrierte Bücher. Die junge Fernsehgemeinde wuchs und nahm die ihr gestellten Rätsel mit Interesse auf - nicht weniger als 2.342 Postkarten wurden nach der ersten Sendung eingesandt. Bis Mitte 1955 war das Rätsel im Programm.

Das Konzept der Sendung überzeugte auch andere Fernsehsender: Ab September 1955 strahlte der Bayerische Rundfunk die Sendung "Die politische Drehbühne" aus, die Ernst Maria Lang, der Hauszeichner der Süddeutschen Zeitung, moderierte. "Der Zeichner sitzt und spricht genau wie ich aus dem gleichen Kamera-Winkel gesehen (...), es ist genau die gleiche Art des Zeichnens, des Sprechens und der Musikeinblendung (...). Ja, man hat nicht einmal für die Tapete als Hintergrund einen eigenen Einfall, sondern meine gestreifte Tapete übernommen", klagte Szewczuk in einem Brief an Werner Pleister im November 1955 (Brief als pdf-Datei) Nachdem Szewczuk vom Münchner Sender vergeblich einen Stopp der Sendung gefordert und mit der Einstellung seiner eigenen Sendung gedroht hatte, beließ er es zunächst mit einer deutlichen Spitze vor laufender Kamera. In seiner Sendung am 25. November 1955 sagte er: " Einige von Ihnen haben mich gefragt, ob ich etwa am vergangenen Sonntag Sendung gehabt hätte. Nein - jene Sendung kam aus München. Außerdem kann man sie ganz deutlich von der meinen unterscheiden - die Streifen in der Tapete sind nämlich in München eine ganze Idee breiter als hier bei mir." Zwar konnte Szewczuk für seinen Vorwurf einige Fürsprecher gewinnen, er blieb jedoch ohne weitere Konsequenzen.

Neben der Moderation der Sendung übernahm Szewczuk ab Januar 1953 auch die Aufgabe eines Grafischen Beraters des NWDR. Werner Pleister hatte ihm dieses Angebot unterbreitet. In dieser Funktion koordinierte Szewczuk die Sendezeichen, die Titelbilder der Sendungen sowie die Pausenbilder, welche die grafischen Überleitungen zwischen den Programmbeiträgen darstellten. Die künstlerische Gestaltung der Fernsehgrafik lag somit in seinen Händen.

Die Sendung "Sind Sie im Bilde?" hatte bis zu Szewczuks überraschendem Tod im Jahr 1957 ihren festen Sendeplatz im Programm des Deutschen Fernsehens. Im Alter von nur 37 Jahren verstarb der Karikaturist an einem Herzschlag. Der Chefredakteur der Welt, Hans Zehrer, schrieb am 3. Juni 1957 in seinem Nachruf auf Mirko Szewczuk: "Er erfasste in Sekundenschnelle das Wesen eines Menschen oder eines Problems und setzte es um in Bilder (…). Er hatte diese Welt mit Gesichtern bevölkert, die man nach ihm nur so und nicht anders sehen kann. Adenauer, Ollenhauer, Eisenhower, Eden, es gab keinen von denen, die die Schlagzeilen der Zeitungen füllen, dem er nicht das Gesicht geprägt hatte (…)". Mit Zehrer trauerten die Bewunderer Szewczuks um einen aufmerksamen Beobachter der politischen Ereignisse in der jungen westdeutschen Demokratie.

Johanna Langmaack, März 2008

Photos und Dokumente mit freundlicher Genehmingung von Frau Ilona Szewczuk-Zimmer.

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Mirko Szewczuk "Meine Tochter Ilona". Mit freundlicher Genehmigung von Frau Ilona Szewczuk-Zimmer
Mirko Szewscuk in der Sendung "Sind Sie im Bilde". Mit freundlicher Genehmigung von Frau Ilona Szewczuk-Zimmer