"Die rechte Hand" - Wie Helga Boddin von der Regieassistentin zur stellvertretenden Hauptabteilungsleiterin Unterhaltung wurde
Ein stromlinienförmiger "Karrieremensch" sei sie nie gewesen - "obwohl ich immer weiterkommen wollte", gibt Helga Boddin zu. Und nach vorne gekommen ist sie. Nur wenige Frauen ihrer Generation können sich mit ähnlichen beruflichen Erfolgen brüsten: Helga Boddin, Jahrgang 1926, war am Ende ihres Berufsweges stellvertretende Hauptabteilungsleiterin Unterhaltung im NDR - und damit eine der wichtigsten Rundfunk-Frauen der Republik.
Es war eine Laufbahn, die die Radiopionierin 1946 beim Nordwestdeutsche Rundfunk startete. Gern erzählt die lebhafte Seniorin heute - bei dem einen oder anderen Gläschen ihres trockenen Lieblings-Sherrys - von den vielen kleinen, mitunter verschlungenen, aber doch auch geraden Wegen, die sie dorthin brachten. Ihre Kommentare sind spitzbübisch, sie plaudert mit verschmitztem Lächeln in den zuletzt schlechter und schlechter gewordenen Augen und bekennt: "Ich liebe es, Geschichten zu erzählen."
Dass sie einen Hang zum Kulturellen hat, zeichnete sich für die Hamburgerin früh ab. Die Eltern - sie hatten ein Geschäft für Meierei-Produkte - schätzten bildungsbürgerliche Aktivitäten, von Kindesbeinen an wuchs die mittlere von drei Schwestern auf mit Staatsoper- und Theater-Besuchen. Eine Erfahrung, die prägen sollte. Der Nationalsozialismus gab dem Teenager die Betätigung als Mitglied im Bund deutscher Mädel (BDM) vor, doch Helga suchte sich ihren Weg: Spielte den "Klabautermann" in einem Hans-Leip-Märchen für eine Westpreußen-Tour der Hamburger Gebiets-"Spielschar", führte Regie bei kleineren Stücken einer eigenen Gruppe, stieg auf zur Assistentin der Florettfechten-Gruppenleiterin. An diese Erfahrungen auf und hinter der Bühne galt es anzuknüpfen.
Als Helga Boddin nach Kriegsende aus ihrem Arbeitsdienst-Lager in Wismar, zu dem sie im Winter 1944 verpflichtet wurde, in die Hansestadt zurückkehrte, suchte sie den Kontakt zu ihren alten Weggefährten. Über ihre Florett-Meisterin bekam sie ein Engagement als Regie-Assistentin beim Städtebundtheater, mit dem eine bunt gemischte Truppe auf einem Lastwagen von Ort zu Ort durch Schleswig-Holstein ruckelte.
"Wo ich war, versuchte ich nach vorne zu kommen", beschreibt die Boddin ihre Motivation - und so kam es auch. Bei der zweiten Inszenierung ist Ludwig Cremer, zunächst Regisseur und ab Oktober 1945 Hörspielleiter beim Nordwestdeutschen Rundfunk, beim Städtebundtheater nebenberuflich als Regisseur tätig. Er fördert und fordert sie, paukt mit ihr am eigenen Küchentisch Latein, damit sie sich auf die Universität vorbereiten kann. Ihr Projekt "Studium der Theaterwissenschaft" scheitert jedoch bereits im Vorsemester, das ehemalige Schüler, kriegsbedingte Studienabbrecher und Soldaten in drei Fächern auf die Grundlagen eines Studiums vorbereiten sollte. Doch viel Zeit für Trübsal gab es nicht. Von ihrem Mentor Cremer erfuhr die gerade einmal 20-Jährige, dass die Schulfunkabteilung des NWDR eine Assistentin sucht. Am Abend vor ihrem Vorstellungsgespräch machte sich Helga Boddin zusammen mit ihrer Schwester auf zum Blutspenden nach Langenhorn, der erwartete letzte Bus fuhr nicht mehr - die Nacht verbrachten die beiden jungen Damen auf hölzern unbequemen Wartezimmer-Bänken. Ihre übernächtigte Erscheinung sollte ihr jedoch nicht die Zukunft verbauen: Helga Boddin bekam die Anstellung im Schulfunk - und damit das Entrebillet für eine steile Karriere im damals größten Rundfunksender Deutschlands.
Helga Boddin arbeitete sich hoch, Schritt um Schritt. Sie machte sich in der zweiten Reihe unentbehrlich. Vielen Weggefährten war sie die zuverlässige "rechte Hand", kommentiert sie salopp. Und das begann eben mit dem Schulfunk, der so etwas war wie eine frühe "Sendung mit der Maus", sagt Boddin. In punkto "Authentizität" setzte Regisseur Kurt Becker unbedingte Perfektion voraus. Da konnte es schon einmal vorkommen, dass die Boddin und ihre Kollegen bis nach Elmshorn fahren mussten, um das Motorengeräusch eines Oldtimers aufzunehmen. Und wenn eine Person im Rahmen einer Ton(!)-Aufnahme ins Wasser springen sollte, musste sich der Darsteller morgens eben auch tatsächlich die Badehose einpacken.
Helga
Boddin wollte voran kommen. Ihre Feierabende verbringt sie häufig
als "Hörgast" im Regieraum der großen Hörspiele,
sie schaut zu, saugt auf, was sie sieht - "meine Lehrzeit"
nennt sie diese Phase. Doch dann plötzlich gerät ihr Weg in
Gefahr: Ein britischer Offizier stellt fest, dass sie in ihrem Personalfragebogen
falsche Angaben bezüglich ihrer Mitgliedschaft in der NSDAP gemacht
haben soll. Boddin verteidigt sich: Nie habe sie "das Bonbon"
erhalten, es sei eine Art kollektiver "Überweisung" aller
BDM-Mädchen in die Partei gewesen. Dem Einsatz Ludwig Cremers ist
es zu verdanken, dass aus der ursprünglichen Entlassung nur ein
Jahr Suspendierung wurde. Helga Boddin überbrückte die Zeit
mit Arbeiten im Geschäft der Eltern, arbeitete bei einer Pressefotografin,
nahm Sprechunterricht - bis sie zurück in den Schulfunk kam. Eine
Bewerbung für die NWDR-Rundfunkschule wäre fast an der alten
Fragebogen-Suspendierung gescheitert - wäre da nicht Hugh Carleton
Greene gewesen. Seit ihrer Abwesenheit hatten sich die Aufnahmebedingungen
extrem verschärft, doch der britische Chief Controller sprach ein
Machtwort: Für Helga Boddin würden noch die Bedingungen ihrer
Anstellung vor der Suspendierung gelten, sie müsse ja nicht zweimal
bestraft werden - punktum. Und so nahm die 21-Jährige teil am dreimonatigen
Unterricht des dritten Jahrgangs der NWDR-Rundfunkschule.
Bei dem, was sie dort lernte, war sie in ihrem Element. "Die Lehrenden
wie auch ich sind von ihren Kenntnissen und ihrer Begabung überzeugt
und ich bin sicher, dass sie ihr Wissen und ihre praktischen Erfahrungen
während des Kurses so vervollkommnet hat, dass Sie sie ohne Bedenken
in einer selbständigen Position innerhalb des Schulfunks verwenden
können", bescheinigte ihr ein britischer Assistant Controller
der Rundfunkschule in einem Empfehlungsschreiben. Es folgten sieben
weitere Jahre beim Schulfunk und drei Jahre Frauenfunk. Hier wurde sie
Redaktionsassistentin, übernahm die Leitung der Aufnahmen, redigierte
Manuskripte. Die Fülle der Aufgaben war es dann auch, die Helga
Boddins Mutter ihrer Tochter den Spitzennamen "Treppenterrier"
zukommen ließ - "Wenn jemand ruft, musst Du hoch und runter
laufen".
Mitunter musste die Radio-Frau als Ansagerin einspringen - wie damals, als ein Manuskript aus Hannover kam. Es war ein Beitrag für ein Wochenendmagazin, der Text "einfach albern, es ging um Schmetterlinge und Haselnüsse", so Helga Boddin. Und dann kam folgender Satz: "Die Ernte ist meistens sehr reichlich", es sei "dieses oder jenes Pfündchen" vom Eichhörnchen gestohlen worden. Noch heute muss Helga Boddin schmunzeln, wenn sie sich an die gestelzte Wortwahl erinnert. "Ich las es mit gespitztem Mündchen", imitiert sie ihre Sprechart, "das passte zu mir wie der Knüppel auf den Kopf, kommentiert sie neckisch. Die Kollegen krümmten sich kichernd hinter der Studio-Scheibe. Ähnlich ging's zu mit einem Text aus dem Landwirtschaftsministerium für den "Bericht aus Bonn". Kirschernte war angesagt, doch das, was Helga Boddin zu schaffen machte, waren die abstrusen Sorten: "Hedelfinger", Büttners Knorpel", allesamt mit Eigenschaften wie "rundlich", "saftig", "fleischfarben" - so wie schließlich auch "Fromm's Herzkirschen", die wegen der sehr eindeutig zweideutigen Sortenbezeichnung Helga Boddins Sprechdisziplin ausgerechnet während einer Live-Sendung auf eine harte Probe stellten. Der Text entwickelte eine Eigendynamik, "jedes Wort wurde zu einer kleinen Schweinerei", meint Boddin - "und ich musste mir das Lachen sehr verkneifen".
Durch einen Zufall - eine aufmerksame Sekretärin empfahl ihrem Dienstherren Henri Régnier, die freie Stelle eines Programmgestalters mit Helga Boddin zu besetzen - kam sie Ende der 50er Jahre in die Unterhaltungsabteilung. Für die "Morgenmusik" stellte sie die Schallplattenprogramme zusammen, nach und nach übernahm sie bei einigen Produktionen die Rolle der Sprecherin. "Mein Interesse ging immer weiter als mein Berufsrahmen vorgab", sagt Helga Boddin. Je mehr ihre Aufgaben wuchsen, umso größer wurde ihre Selbständigkeit. Bei Krankheiten der Vorgesetzten sprang sie als Producer ein, sie wurde alsbald Redakteurin in der Unterhaltungsabteilung - und nahm stellvertretend für ihren verhinderten Kollegen an den Treffen der Hauptabteilungsleiter teil. Die Moderation des "Saturday Night Club" gehörte ebenso zu ihrem Schaffensrepertoire, hier bannte Helga Boddin mit sonorer, dunkel-reizvoller Stimme ihre Hörer.
Überhaupt
ist die Stimme ihr unverwechselbares Kennzeichen. Nie, sagt Helga Boddin
gänzlich uneitel, sei sie eine Marlene Dietrich gewesen. Aber die
Stimme konnte so manche Fantasien anregen. Die vielen Hörerbriefe
so mancher Verehrer können das beweisen…
Im Jahr 1963 übernahm Helga Boddin die Koordinierung des NDR-"Nordring"-Engagements:
Für alle Nordsee-Anrainer wurde auf internationaler Ebene gehobene
Unterhaltung geplant, Helga Boddin war die Vertreterin der ARD. Lange
Zeit war sie eine der jüngsten Rundfunk-Vertreter, die einzige
Frau ohnehin für viele Jahre.
Hinsichtlich ihres Status nahm sie sich da noch aus zwischen den hochrangigen Mitgliedern der anderen Anstalten, doch eisern stand Régnier, damals Leiter der NDR-Hauptabteilung Unterhaltung, hinter ihr: "Es ist auch für uns möglich, einen Goldtrassenträger zu schicken", pflegte er Kritik zu kontern, "aber die Person, die über alles Bescheid weiß, ist nun einmal Helga Boddin."
Nach einiger Zeit kam, was kommen musste: Nachdem sie sich jahrelang
bereits de facto in dieser Position bewährte, übernahm Helga
Boddin 1979 auch offiziell das Amt der stellvertretenden Abteilungsleiterin,
das sie bis zu ihrer frühen Pensionierung 1981 ausübte. 55
Jahre war sie damals alt, immerhin aber wurde "die Kerze an beiden
Enden angezündet", wie Henri Régnier Helga Boddin zur
Verabschiedung bescheinigte.
Wenn sie heute auf ihre 35 Jahre beim Nord(west)deutschen Rundfunk und
ihr Lebenswerk zurückblickt, dann hat Helga Boddin immer wieder
dieses Bild vor Augen: "Wenn ich eines Tages vor Petrus stehe,
dann möchte ich sagen können: "Ich habe keine Kinder
- aber ich habe auch etwas für andere getan und nicht nur für
mich". Doch Sentimentalität ist eigentlich nicht ihre Sache.
Helga Boddin nimmt das Leben, wie es kommt. Lamentiert nicht. Hadert
nicht. Aber macht mit verschmitztem Lächeln aus dem, was das Leben
ihr an Möglichkeiten bietet das beste. "Von der Regieassistentin
zur stellvertretenden Hauptabteilungsleiterin", kann es dann auch
lebhaft aus ihr herausbrechen, "Himmel, Arsch und Zwirn - das ist
doch auch `was."
Janina Fuge, Mai 2006
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