"Zukunftsmusik damals! Heute schon Geschichte" - Der Musikredakteur Herbert Hübner und sein Nachlass

"Zukunftsmusik" - das war Beruf und Berufung von Herbert Hübner. Über zwei Jahrzehnte hinweg, von 1947 bis 1969, gestaltete er als Musikredakteur im Hamburger Funkhaus des Nordwestdeutschen bzw. des Norddeutschen Rundfunks das Programm für Neue Musik. Bereits in einem seiner ersten Rundfunkvorträge für das neu entstandene musikalische Nachtprogramm legte Hübner sein Verständnis von Neuer Musik offen. In seinem Referat über Scönbergs Lieder op. 15 (Das Buch der hängenden Gärten, 1908/1909) würdigte er den Komponisten Arnold Schönberg als den "Vater der neuen Musik" und kommentierte schließlich jegliche vor der Zwölftonmusik entstandene Kompositionen mit den Worten: "Zukunftsmusik damals! Heute schon Geschichte". Damit kündigte er den steten Blick nach vorn in der Bewertung des musikalischen Gegenwartschaffens an, der seine Programmgestaltung in den nächsten 22 Jahren prägte. Aus heutiger Perspektive erscheint die von Hübner vorgestellte und geförderte Zukunftsmusik wiederum selbst als bemerkenswertes Kapitel in der deutschen Musik- und Rundfunkgeschichte der Nachkriegszeit.

Vielseitigkeit: Akademiker, Tonmeister, Redakteur

Herbert Hübner wurde am 11. Juni 1903 in Bockau im Erzgebirge geboren. 1923 begann er sein Studium am Staatlichen Bauhaus in Weimar und belegte dort Kurse bei Lehrern wie Walter Gropius, Paul Klee, Wassily Kandinsky und Laszlo Moholy-Nagy. Nach dem breit gefächerten Grundstudium entschied er sich für eine zweijährige Ausbildung als Kunsthandwerker in den Keramischen Werkstätten des Bauhauses in Dornburg. Sein vielschichtiges künstlerisches Interesse ließ Hübner den Schwerpunkt von der bildenden Kunst zur Musik verlagern. Es folgte zwischen 1925 und 1928 ein Studium an der Musikhochschule in Weimar in den Fächern Komposition, Orgel und Klavier. Dieses ergänzte er wiederum ab 1929 durch ein Studium der Musikwissenschaften an der Universität Jena und promovierte dort 1936 mit einer Arbeit über "Die Musik im Bismarck-Archipel". Um seine Studien zu finanzieren, unterrichtete Hübner als Musiklehrer an zwei Weimarer Internaten, arbeitete als Chorleiter und Korrepetitor und schrieb Musikkritiken für die Zeitung. (Die Dokumente zu Hübners Studienzeit sind kürzlich an das Hochschularchiv/Thüringisches Musikarchiv in Weimar gegeben worden.)

Um seine beruflichen Qualifikationen weiter auszubauen, begann Hübner 1936 eine Ausbildung zum Tonmeister und arbeitete in der damals von Hans Rosbaud geleiteten Musikabteilung des Frankfurter Senders. Es folgten sechs Jahre am Deutschlandsender in Berlin. Unmittelbar nach Kriegsende kam Herbert Hübner nach Hamburg. Der dortige Sender, unter Kontrolle der britischen Besatzung, suchte nach politisch unbelasteten Rundfunkmitarbeitern und so wurde Hübner schon im Sommer 1945 als Tonmeister bei Radio Hamburg angestellt. Bereits in dieser Zeit gestaltete er redaktionelle Beiträge für das musikalische Programm und wurde schließlich 1947 Musikredakteur des NWDR. Sein Engagement galt vor allem der Neuen Musik und schon bald sollte sich mit seinem Namen die Gestaltung des musikalischen Nachtprogramms für moderne Musik und vor allem die Gründung der Veranstaltungsreihe "das neue werk" zur Förderung begabter Künstler des musikalischen Gegenwartsschaffens verbinden. Nach fast dreißigjähriger Rundfunktätigkeit trat er im Juli 1969 in den Ruhestand und starb am 9. Oktober 1989 im Alter von 86 Jahren in Hamburg.

Der Nachlass

Wer sich bisher mit der Person und dem Wirken des Musikredakteurs und Freundes vieler zeitgenössischer Komponisten beschäftigten wollte, konnte bereits auf Teile seines Nachlasses zurückgreifen, die 1991, 1999 und 2006 dem Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Hamburg übergeben worden waren und seitdem in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg verwahrt werden. Dabei handelte es sich vor allem um den Briefwechsel zwischen Hübner und namhaften Persönlichkeiten der klassischen Musikszene seiner Zeit, darunter beispielsweise Karlheinz Stockhausen, Pierre Boulez, Theodor Wiesengrund Adorno und Herrmann Scherchen. Auch Presseauszüge, Fotografien, Programme, die Gästebucher von "das neue werk", sowie Autographe, Partiturseiten und Widmungsexemplare werden in der Staatsbibliothek aufbewahrt. Vor kurzem sind nun der "Forschungsstelle zur Geschichte des Rundfunks in Norddeutschland" weitere Dokumente aus dem Nachlass zu einer ersten Auswertung übergeben worden. Dieser Bestand umfasst überwiegend rundfunkbezogene Dokumente, darunter Sendeprotokolle und Moderationen zum musikalischen Nachtprogramm moderner Musik zwischen 1947 und 1963, aber auch Programmleporellos und Einladungskarten für die Veranstaltungsreihe "das neue werk" aus den Jahren 1951 bis 1969. In absehbarer Zeit wird auch dieser Teil des Nachlass von der "Forschungsstelle" an die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg übergeben werden.

Die Sendereihe "Von neuer Musik"

Ein erster Schwerpunkt von Hübners Arbeit beim NWDR war die Gestaltung der Sendereihe "Von neuer Musik", die im musikalischen Teil des ambitionierten Nachtprogramms des Senders ausgestrahlt wurde. In insgesamt sieben Zyklen stellte Hübner zwischen 1947 und 1951 Komponisten moderner Musik vor und brachte eine Auswahl ihrer besonders avantgardistischen oder charakteristischen Werke ins Programm. Bereits das Sendeprotokoll zum Start der Reihe am 26. November 1947 verkündete einen nächtlichen "Dreijahresplan":
"In dieser auf lange Sicht angelegten Reihe soll versucht werden, einen Querschnitt durch die Musik der letzten 40 Jahre zu geben. Eine erste Folge wird die grossen Bahnbrecher - Schönberg, Strawinsky, Bartok und Hindemith mit charakteristischen Werken zu Worte kommen lassen. Spätere Sendungen befassen sich mit verschiedenen, Richtungen und Schulen' innerhalb der modernen Musik. Das Schaffen der jüngsten Generation, soweit es fruchtbare Keime für die Zukunft erkennen lässt, wird die Sendereihe abschließen. Die ersten drei Sendungen sind dem kühnen Pionier und Wegbereiter Arnold Schönberg gewidmet."

In den darauf folgenden Sendungen verwies Hübner gern auf diese Programmatik und setzte zu einem regelrechten Grundstudium der Hörer in Sachen moderne Musik an. In einer Art Curriculum zur modernen Musik versuchte er in den 50er und 60er Jahren, seine Hörerinnen und Hörer durch vergleichende Studien in diese Thematik einzuführen. Dabei ließ es sich der ambitionierte Redakteur nicht nehmen, ausgewählte Musikstücke mit ausführlichen und anspruchsvollen Referaten anzumoderieren. Bei seinen musikalischen Analysen und Ausführungen zur Ereignisgeschichte der modernen Musik gibt sich Hübner mitunter lehrhaft, nimmt aber vordergründig die Perspektive des Kenners und Liebhabers ein, wie ein Beitrag über die Verbindung von Schönberg, Strawinsky und Ravel von 1957 zeigt.

  • Hörprobe 1: Eingangsreferat von Herbert Hübner zu einer Sendung über Schönberg, Strawinsky und Ravel vom 7.10.1957 (flash plug-in erforderlich). Mit freundlicher Genehmigung des Norddeutschen Rundfunks

Doch nicht allen gefiel die Musikauswahl, die Herbert Hübner in seiner Sendereihe "Von Neuer Musik" für die Ohren musikalischer Nachtschwärmer traf. Auf einem Sendeprotokoll von 1948, das dem Bela- Bartok-Zyklus galt, findet sich mit rotem Stift unterstrichen die Notiz eines Mitarbeiters aus dem Kontrollraum: "O, wie schrecklick - Dr. Hübner eine besondere Dosis verabreichen". Wobei sicher ist, dass Hübner wohl selbst an einer ‚Überdosis Bartók-Musik' Gefallen gefunden hätte.

"Von neuer Musik" zum "neuen werk"

Der breiten Hörerschaft des Programms am frühen Abend traute man Hübners intellektuelle und musikalisch anspruchsvolle Musiksendungen allerdings nicht zu. "Von neuer Musik" erhielt einmal wöchentlich einen Sendeplatz lediglich zwischen 23 und 24 Uhr im so genannten "Nachtprogramm". Hübner beklagte sich: "Diese Sendezeit ist kaum geeignet, der modernen Musik eine größere Breitenwirkung zu verschaffen. Man wird kaum erwarten dürfen, dass zu vorgerückter Zeit noch die nötige konzentrierte Aufnahmefähigkeit für eine naturgemäss so problembeschwerte Materie vorhanden ist." Im selben Schreiben vom Oktober 1950 (pdf-Datei, 226 kb) schlug Herbert Hübner den "pädagogisch-künstlerischen Versuch" einer öffentlichen Veranstaltungsreihe zur neuen Musik vor. Diese vom NWDR veranstalteten Studiokonzerte sollten somit einerseits das gegenwärtige Musikschaffen einer größeren Öffentlichkeit bekannt machen, aber auch im Sinne einer "musikalischen Hilfsaktion junge begabte, noch nicht avancierte Komponisten unterstützen". Honorierte Aufträge für Kompositionen und Uraufführungsrechte sollten neben der ideellen Förderung auch ganz praktische Probleme Musikschaffender in der Nachkriegszeit lösen helfen. Aus diesen "Vorschlägen zur Durchführung öffentlicher Studiokonzerte mit moderner Musik" entstand die Konzertreihe "das neue werk" - als Erfüllung eines besonderen Kulturauftrages des Rundfunks, aber auch als Zugeständnis an fordernde Hörer, wie Hübner in einem Interview beschreibt.

  • Hörprobe 2: Interview mit Herbert Hübner am 1.2.1951 zur Gründung des "neuen werks" (flash plug-in erforderlich). Mit freundlicher Genehmigung des Norddeutschen Rundfunks.

"Wer wird sich anmaßen können, den unbekannten Genius immer richtig zu erkennen?"

Dieses Zitat des italienischen Komponisten, Klaviervirtuosen und Musiktheoretikers Ferruccio Busoni aus dem Jahr 1902 findet sich als Motto auf der Einladungskarte zum 100. Jubiläumskonzert von "das neue werk". Es beschreibt auf zweierlei Weise das Wirken des Musikredakteurs Herbert Hübner hinter den Bühnen des avantgardistischen Projekts: Mit dem richtigen Gespür für Talente der neuen Musik setzte sich Hübner für die Aufführung noch weitgehend unbekannter Komponisten ein. Zahlreiche Uraufführungen mit Werken von Günter Bialas, György Ligeti, Pierre Boulez, Bruno Maderna, Luigi Nono, Olivier Messiaen, Bernd Alois Zimmermann und Karlheinz Stockhausen - um nur einige zu nennen - verzeichnen die frühen Programme von "das neue werk". Wie Briefwechsel zwischen Hübner und Stockhausen zeigen, war vor allem die finanzielle Übereinkunft zwischen dem NWDR und dem Komponisten eine Schwierigkeit. Hübner erwies sich dabei als kunstbedachter Mittler, der den Bitten um eine Vorauszahlung oder der Gagenerhöhung nach besten Möglichkeiten nachzukommen versuchte. Im Rahmen des "neuen werks" vergab der NWDR auch Auftragsarbeiten an junge Künstler, aus denen beispielsweise 1951 Hans Werner Henzes Funkoper "Ein Landarzt" nach der Erzählung von Franz Kafka hervorgegangen ist. Als besonderes Prestigeprojekt ermöglichte der NWDR Hamburg in der Reihe "das neue werk" am 12. März 1954 die konzertante Uraufführung von Schönbergs Oper "Moses und Aron" in der Hamburger Musikhalle. Bereits ein Jahr vor dieser spektakulären Aufführung hatte 1953 das Kuratorium der Arnold-Schönberg-Stiftung in Wien entschieden, "in Würdigung seiner grossen, vorbildlichen Verdienste um die Musik der Gegenwart im Rahmen seines Tätigkeitsgebietes am NWDR" Hübner die Arnold-Schönberg-Medaille zu überreichen.

Der Mann hinter den Kulissen

Trotz dieser sehr wichtigen Auszeichnung blieb Herbert Hübner der Rundfunkmann hinter den Kulissen. Das Gelingen der Sache, das Voranbringen der musikalischen Projekte habe für ihn stets im Vordergrund gestanden. So ließ der überzeugte Redakteur sich auch nicht durch die oft negative Kritik der Presse von seinem Weg abbringen. Die Förderung neuer Musik stieß in den Zeitungen eher auf Unverständnis denn auf Unterstützung oder gar Begeisterung. So sah sich Hübner beispielsweise in einem Brief vom 16. Dezember 1955 genötigt, Theodor W. Adorno für einen Rundfunkvortrag "Über die jüngste Entwicklung der modernen Musik" um Vorsicht zu bitten. Der Redakteur befürchtete eine unangenehme "Ausschlachtung" des Vortrages durch eine "gewisse reaktionäre Presse, die hier [in Hamburg] sehr stark vertreten ist" und die im Zusammenhang mit einem Vortrag Josef Rufers bereits "zum Schaden des avantgardistischen Unternehmens" berichtet habe. Ein anderer, unbekannter Kritiker ließ im April 1949 die moderne Musik als subjektive Geschmacksrichtung gelten und ordnete das von ihm als "Musik für die ‚nächtlichen Außenseiter'" bezeichnete musikalische Nachtprogramm immerhin in die Rubrik "Funksendungen von Belang" ein. Treffend beschreibt eine Pressestimme aus dem Berliner "Tagesspiegel" vom 22. Mai 1949 das Schaffen des Musikredakteurs Herbert Hübner: "Mit Sendungen dieser Art erfüllt der Rundfunk seine Aufgabe als Chronist der musikalischen Zeitgeschichte". Der Nachlass Herbert Hübners eröffnet ein entsprechendes Forschungspotenzial. Insbesondere Musikwissenschaftler und Rundfunkhistoriker sind eingeladen, diese Chronik zu lesen.

Imke Wendt, Januar 2007

 

Lesen Sie andere Online-Artikel der Forschungsstelle.

 

Zum Vergrößern bitte auf die Dokumente klicken. 

Herbert Hübner liest die eben aus Amerika eingetroffene Partitur der Schönberg-Oper "Moses und Aron" SUB Hamburg:NHH:DNW 21, 1954.
Notiz der Rundfunkkollegen, 1948. FGRN
Studio 10 des NWDR und NDR 1957. Aufführungsort vieler Programme des "neuen werks". SUB Hamburg:NHH:DNW 49, 1957.
Schönberg-Medaille von 1953. SUB Hamburg:NHH:DNW, Fotoalbum 1951 ff.
Widmung der Pianistin Yvonne Loriod vom 18. Dezember 1952 in Hübners Gästebuch "das neue werk".SUB Hamburg. NHH. DNW. Fotoalbum 1951ff.
Herbert Hübner über Schönberg
Interview mit Herbert Hübner
Anhang
[file] manifest.pdf