M&K 08-1 Abstracts

Christoph Klimmt / Verena Pompetzki / Christopher Blake: Geschlechterrepräsentation in Nachrichtentexten: Der Einfluss von geschlechterbezogenen Sprachformen und Fallbeispielen auf den gedanklichen Einbezug von Frauen und die Bewertung der Beitragsqualität

Zwei Experimente (N = 41 und N = 67) prüfen, inwiefern die Gleichbehandlung der Geschlechter in einem Zeitungsartikel in Bezug auf die sprachliche Formulierung (Schrägstrich-Schreibweise, z. B. „Die Beamt/inn/en“, im Vergleich zum generischen Maskulinum) und in Bezug auf die Zusammenstellung zitierter Fallbeispiele (eine weibliche und eine männliche Person als Fallbeispiele im Vergleich zu ausschließlich männlichen Personen als Fallbeispiele) zu einem veränderten gedanklichen Einbezug von Frauen seitens der Rezipient/inn/en führen. Beide Gestaltungsfaktoren haben einen relevanten Einfluss auf die gedankliche Berücksichtigung von Frauen. Zugleich zeigt sich jedoch, dass die Schrägstrich-Schreibweise mehr Lesezeit verlangt und von den Rezipient/inn/en hinsichtlich der journalistisch-sprachlichen Qualität schlechter bewertet wird. Implikationen für die genderbezogene journalistische Praxis und die weitere genderbezogene Nachrichtenrezeptionsforschung werden diskutiert.

Schlagwörter: Zeitung, Rezeption, Geschlecht, Geschlechterdarstellung, Einbezug von Frauen, Fallbeispiel, Gleichberechtigung, Medienwirkung, Situationsmodell, Experiment

Marco Dohle / Tilo Hartmann: Alles eine Frage hoher Reichweite? Eine experimentelle Untersuchung zur Ursache der Entstehung von Hostile-Media-Effekten

Dem Hostile-Media-Effekt zufolge sehen Personen, die eine bestimmte Meinung zu einem Thema haben, die mediale Berichterstattung dazu als tendenziell entgegengesetzt zu ihren eigenen Ansichten. Im vorliegenden Beitrag wird ein Erklärungsmodell für den Effekt vorgeschlagen, wonach kontroverse Berichte die Gruppenzugehörigkeit involvierter Rezipienten aktivieren. Dabei sind Rezipienten gewahr, dass die mediale Berichterstattung von einer Masse an Menschen verfolgt wird. Daran, so die Annahme, knüpft sich die Befürchtung, die Masse würde durch die Berichterstattung negativ beeinflusst, indem der Standpunkt von Fremdgruppen gestärkt werde. Die Befürchtung resultiert in einer feindselig-verzerrten Wahrnehmung objektiv ausgewogener Medienberichte. Werden Informationen hingegen nicht massenmedial, sondern an ein lokales Publikum verbreitet, sollte ein kontrovers angelegter Medienbeitrag eher als die eigenen Gruppenansichten stützend interpretiert werden. In einer experimentellen Studie wurden 230 Studierende um Einschätzungen zu einem Text über Studiengebühren gebeten. Der Text wurde entweder als Zeitungsartikel mit hoher Reichweite oder als lokal veröffentlichtes Produkt mit niedriger Reichweite präsentiert. Der lokal verbreitete Text wurde dabei erwartungsgemäß als tendenziell mit der eigenen Meinung übereinstimmend aufgefasst. Der Zeitungsartikel-Text wurde jedoch nicht als der eigenen Meinung entgegensetzt wahrgenommen. Die Ergebnisse werden auch vor dem Hintergrund möglicher anderer postulierter Einflussfaktoren wie der Wahrnehmung einer sozialen Distanz zum Mit-Publikum diskutiert.

Schlagwörter: Hostile-Media-Effekt, Assimilation-Bias, Third-Person-Effekt, soziale Distanz, Medienrezeption

Klaus Merten: Zur Definition von Public Relations

Public Relations als Wissenschaft befinden sich noch immer in einem vorläufigen Stadium, was deutlich an den mehr als 500 Definitionsversuchen, abzulesen ist. An diesen Befund knüpft der vorliegende Beitrag an: Er fragt in einem ersten Anlauf zunächst nach den Schwierigkeiten bei der Definitionsbildung und versucht, aus vorliegenden Definitionen wesentliche Aussagen zu extrahieren, die auf ein breiteres Verständnis von PR verweisen. In einem zweiten Anlauf werden Bezüge zu Kommunikation und deren Management hergestellt. In einem dritten Anlauf werden Vergleiche von Leistungen (Konfektion vs. Unikat) und Leistungskriterien (Wahrheit versus Unwahrheit) zwischen Non-PR und PR hergestellt. Auf der Basis dieser Befunde wird in einem letzten Schritt in differentialistischer Perspektive eine notwendig abstraktere Definition vorgestellt: Public Relations sind das Differenzmanagement zwischen Fakt und Fiktion durch Kommunikation über Kommunikation in zeitlicher, sachlicher und sozialer Perspektive.

Schlagwörter: Public Relations, Definition, PR als Wissenschaft, Wahrheit, Management, Differenztheorie

Andreas Schwarz: Wer hat die Krise zu verantworten? Ein rezeptionsorientierter Ansatz der Krisen-Public Relations

Krisenkommunikation zwischen Organisationen und ihren Anspruchgruppen wurde in Deutschland bisher kaum explizit aus einer rezeptionsorientierten Perspektive untersucht. Besonders die Wahrnehmung von Ursachen und Verantwortlichkeit für Krisen sowie die Folgen für die Reputation von Organisationen sind von Interesse, da Öffentlichkeitsarbeit unter verschärften Bedingungen und in verkürzten Zeiträumen strategisch geplant und umgesetzt werden muss. Anknüpfend an Forschungsarbeiten aus den USA, die sich vor allem mit dem Potenzial der sozialpsychologischen Attributionstheorien befasst haben, werden in diesem Beitrag Harold Kelleys Ansätze zur Erklärung von Kausalattributionen diskutiert und auf Öffentlichkeitsarbeit im Krisenkontext übertragen. Zu diesem Zweck wurde eine experimentelle Studie durchgeführt, die untersuchte, welchen Einfluss bestimmte Informationsdimensionen (Konsens, Distinktheit, Konsistenz) auf die von Stakeholdern wahrgenommene Verantwortlichkeit einer Organisation für eine Krise haben und wie sich dies auf Einstellungen gegenüber der Organisation auswirkt. Die Ergebnisse zeigen, dass attributionstheoretische Ansätze durchaus geeignet sind, Wahrnehmungsprozesse in Krisen zu erklären und daraus strategische Optionen für die PR-Praxis abzuleiten. Darüber hinaus werden Anschlussmöglichkeiten dieses Ansatzes an Theorien und Befunde der Rezeptionsforschung diskutiert.

Schlagwörter: Public Relations, Krisenkommunikation, Kausalattribution, Kovariationsprinzip, Reputation, Medienrezeption

Michael Meyen / Wolfgang Schweiger: „Sattsam bekannte Uniformität“? Eine Inhaltsanalyse der DDR-Tageszeitungen „Neues Deutschland“ und „Junge Welt“ (1960 bis 1989)

Der Beitrag thematisiert am Beispiel der Zentralorgane von SED und FDJ das grundlegende Dilemma instrumentalisierter Medien: War die DDR-Presse tatsächlich so monolithisch, wie dies oft behauptet wird? Gab es dort Spielraum für publikumsattraktiven Journalismus und wenn ja: wann und wo? Um diese Fragen beantworten zu können, wurden das „Neue Deutschland“ und die „Junge Welt“ mit Hilfe einer quantitativen Inhaltsanalyse verglichen. Untersuchungszeitraum waren die Jahre von 1960 bis 1989. Die Studie differenziert die These von der „sattsam bekannten Uniformität der DDR-Medien“. Die untersuchten Zeitungs-Ausgaben entsprechen zwar in vielen Punkten dem Bild, das in der Literatur gezeichnet wird (starke Politisierung; Schwarz-Weiß-Berichtstattung über die beiden Blöcke; wenig Leseanreize), die „Junge Welt“ war aber vor allem in den 1980er Jahren deutlich journalistischer als das „Neue Deutschland“ und hat sich stärker bemüht, auf die Wünsche des Publikums einzugehen. Dieser Spielraum wurde allerdings mit besonderer Linientreue erkauft. Die Ergebnisse der Inhaltsanalyse zeigen außerdem, dass sich nicht nur einzelne Zeitungen unterschieden haben, sondern dass sich solche Unterschiede auch im Zeitverlauf finden lassen – vermutlich vor allem abhängig vom Rechtfertigungsdruck, dem sich die SED-Spitze jeweils ausgesetzt sah, und von ihren gerade aktuellen innen- und außenpolitischen Interessen.

Schlagwörter: Mediengeschichte, DDR, Presse, Inhaltsanalyse