Abstracts für RuF 1/1997

Knut Hickethier: Das Erzählen der Welt in den Fernsehnachrichten. Überlegungen zu einer Narrationstheorie der Nachricht

Der Beitrag definiert Nachrichten als Erzählungen und wendet erzähltheoretische Begriffe der Literatur- und Textwissenschaft auf die journalistische Form der Nachricht an. Dabei wird die Figur des Sprechers als Erzähler und die offene bzw. geschlossene Form der Nachricht besonders behandelt. Der Ansatz, Nachrichten im Fernsehen als serielle bzw. Fortsetzungserzählungen zu verstehen, resultiert aus einer programmbezogenen Sicht der Nachrichtensendungen innerhalb des Fernsehangebots und ermöglicht eine neue Einschätzung von Nachrichteneigenschaften. Untersucht werden dabei Funktionen der Aufrechterhaltung des Erzählflusses als Teil der Thematisierungsfunktion, Funktionen des Rewriting, der Personalisierung und Dramatisierung. Die Verbindung des elektronischen Live-Charakters und der durch den Film hergestellten präsentischen Funktion der Bilderzählungen machen die Spezifik der Fernsehnachrichten aus. Rahmenbildungen als Teil der Inszenierung sowie die spezifischen Wort-Bild-Verflechtungen sichern Glaubwürdigkeits- und Authentizitätsanspruch, nicht jedoch eine vom Zuschauer in der Regel nicht nachprüfbare Referentialität auf ein vormediales Geschehen. Vor diesem Hintergrund erscheint die Diskussion der Nachrichtenfälschungen in einer neuen Sicht.

 

Johanna Dorer: Gendered Net. Ein Forschungsüberblick über den geschlechtsspezifischen Umgang mit neuen Kommunikationstechnologien

Neue Kommunikationstechnologien sind weder von Frauen entwickelt worden, noch werden sie von ihnen entsprechend genutzt. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit neuen Technologien und Internet hat dabei nicht nur den geringen Frauenanteil im Netz zu problematisieren, sondern auch der Frage nachzugehen, wie Geschlechteridentität und Geschlechterstereotypen im Netz hergestellt werden. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit dem in der Internet-Diskussion vernachlässigten Thema geschlechtsspezifischer Aspekte neuer Kommunikations- und Informationstechnologien und liefert eine Bestandsaufnahme anglo-amerikanischer Forschungsbefunde.

 

Susanne Keuneke / Markus Kriener / Miriam Meckel: Von Gleichem und Ungleichem. Frauen im Journalismus

Die Erkenntnis, daß es sich beim Journalismus um eine "Männerdomäne" handelt, gehört zu den gesicherten Ergebnissen der empirischen Kommunikationswissenschaft. Auch die Studie "Journalismus in Deutschland" der Münsteraner Forschungsgruppe Journalistik belegt, daß nach wie vor die Frauen unterrepräsentiert und benachteiligt sind. Zudem ziehen sich sowohl horizontale wie vertikale Segregationslinien durch das Berufsfeld. Allerdings führen diese Differenzen überraschenderweise nicht zu divergierenden Rollenselbstbildern von Journalistinnen und Journalisten. Auf der Folie eines systemtheoretischen Ansatzes läßt sich dieses Phänomen verstehen: Während die gesellschaftlich relevante Unterscheidung nach "männlich/weiblich" in die äußeren Zusammenhänge des Journalismus hineinreicht, wird das Innere des Systems zunehmend von seinem spezifischen Code bestimmt, bis hin zum Rollenzusammenhang, in dem die professionellen Standards den maßgeblichen Faktor stellen. Im Unterschied zum differenztheoretischen Ansatz erlaubt diese systemische Sichtweise, in der Geschlechterforschung Gleiches ebenso wie Ungleiches konkreter zu benennen. Sie kann somit dazu beitragen, die Diskussion in diesem Forschungsfeld zu deontologisieren.

 

Michael Jäckel / Jochen Peter: Cultural Studies aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive. Grundlagen und grundlegende Probleme

Der Cultural Studies-Ansatz begreift sich selbst als Alternative zur traditionellen Kommunikationsforschung. Eine Reihe von Geistesströmungen und Disziplinen beeinflußte dabei die theoretische Gesamtkonzeption. Da die Cultural Studies Kultur als alltäglich vollzogene Praxis begreifen, versuchen sie auch, die Medienrezeption ganzheitlich, d.h. in ihrem kulturellen, aber auch politischen und sozioökonomischen Kontext zu betrachten. Neben dem Rezeptionskontext sind die weiteren Hauptanalysekategorien der Forschung des Cultural Studies-Ansatzes der Text, die Bedeutung des Textes und der Leser. Ob der Text dabei seine Bedeutung vorherbestimmt (textueller Determinismus) oder der "Leser den Text macht" (interpretative Freiheit), ist innerhalb der Cultural Studies umstritten. Häufig aber verknüpfen die Cultural Studies eine solche Analyse mit Fragen nach politischer, ökonomischer, sozialer und kultureller Macht. Vergleicht man die Cultural Studies mit der traditionellen Kommunikationsforschung, zeigt sich, daß eine gegenseitige Annäherung der beiden Traditionen vor allem daran scheitern dürfte, daß die Cultural Studies in ihrer explizit politischen Ausrichtung eine offene Methodologie favorisieren.

Klaus Neumann-Braun / Michael Barth / Axel Schmidt: Kunsthalle und Supermarkt - Videoclips und Musikfernsehen. Eine forschungsorientierte Literatursichtung

Videoclips und Musikfernsehen nehmen einen festen Platz in dem gegenwärtigen audiovisuellen Unterhaltungsmarkt und in der Gunst der meist jüngeren Rezipienten und Rezipientinnen ein. Die einschlägige Fachdiskussion ist inzwischen differenziert, aber auch unübersichtlich geworden. Die vorliegende Literatursichtung gibt einen Überblick über dominante Diskussionslinien. Besprochen werden die Aspekte: Videoclips im Spannungsfeld von Avantgarde und Populärkultur; Geschichte, Ökonomie und Produktion von visueller Musik und Musikvideo; Produktanalysen von Videoclips im Spannungsfeld von Bild-, Musik- und Starinszenierung; Nutzung und Rezeption von Videoclips und Musikfernsehen. Die Kommentierung der Forschungsarbeiten zielt insbesondere darauf ab, die Komplexität der Phänomene Videoclips und Musikfernsehen darzulegen, um schließlich spezifische Forschungsdesiderate aufzuzeigen.