Abstracts für RuF 2-3/1998
Johannes Ludwig: Zur Ökonomie der Wissenschaftsmedien. Medienunternehmen zwischen Markt und Wissenschaftsbetrieb
Im Gegensatz zu den "regulären" (Massen-)Medien, die Information, Bildung und Unterhaltung (IBU) transportieren und die sich entweder über `freie Märkte' (Zeitung, Zeitschrift, Buch), mittels pauschaler Gebühren (öffentl.-rechtl. Fernsehen) oder indirekt ausschließlich via Werbeeinnahmen (Privat-TV) finanzieren, funktionieren die Medien der Wissenschaft wiederum nach Regeln, die sich aus der spezifischen Organisationsstruktur des Wissenschaftsbetriebs und den jeweiligen Interessenlagen der relevanten Akteure ergeben. So schlagen sich etwa gleichgerichtete Verhaltensweisen von Wissenschaftlern (Reputationsstreben) und Verlagen (Geschäftsaktivitäten) in einem erheblichen Kosten-Entlastungsfaktor für die Medienunternehmen nieder. Dennoch ist das Absatzpreisniveau wissenschaftlicher Medien erheblich höher als jenes von IBU-Medien. Die Gründe liegen zum größten Teil in nicht realisierbaren Kostenvorteilen der Fixkostendegression, die Medienproduktion typischerweise prägt. Aus diesem Grund variieren auch die Absatzpreise der Wissenschaftsmedien mit der Größe der Marktpotentiale, konkret einer Wissenschaftsdisziplin. Eine Querfinanzierung über zusätzliche Erlöse, etwa über Anzeigen- und/oder Werbeeinnahmen ist praktisch nicht, andere Querfinanzierungstechniken sind nur in sehr beschränktem Umfang möglich. Produktion und Rezeption von wissenschaftlichen Medien spielen sich daher unter mehrfachen externen Effekten ab.
Matthias Kohring: Der Zeitung die Gesetze der Wissenschaft vorschreiben? Wissenschaftsjournalismus und Journalismus-Wissenschaft
Der Beitrag beschäftigt sich mit der Funktion der journalistischen Wissenschaftsberichterstattung. Die (deutschsprachige) Forschung, so die These, konzipiert Wissenschaftsjournalismus als Wissenschaftspopularisierung, d. h. als wissenschaftszentrierte Aufklärung einer wissenschaftlich ungebildeten Laienbevölkerung. Dieses normative Zweckprogramm bewirkt den Verlust einer unabhängigen journalistischen Beobachterrolle gegenüber dem Wissenschaftssystem. Auf der Grundlage einer systemtheoretisch orientierten Journalismustheorie wird argumentiert, daß die Funktion des Wissenschaftsjournalismus darin besteht, die unabhängige Ausbildung von gesellschaftlichen Erwartungen gegenüber dem Wissenschaftssystem zu ermöglichen. Der Wissenschaftsjournalismus ist somit gerade auf Distanz zu den Rationalitäts- und Qualitätskriterien des von ihm beobachteten Systems angewiesen. Eine zukünftige Theorie des Wissenschaftsjournalismus muß daher strikt vom Begriff der Wissenschaftspopularisierung entkoppelt werden.
Peter Weingart / Petra Pansegrau: Reputation in der Wissenschaft und Prominenz in den Medien. Die Goldhagen-Debatte
Prominenz in den Medien ist für Wissenschaftler von zwiespältigem Wert. Sie kann zum Konflikt mit innerwissenschaftlichen Bewertungsprozessen führen, erhält jedoch zunehmend größere Bedeutung, wenn Ressourcenentscheidungen durch mediale Aufmerksamkeit gesteuert werden. An der Inszenierung der Goldhagen-Debatte in den deutschen Printmedien wird das Auseinanderklaffen von wissenschaftlicher Reputation und medialer Prominenz aufgezeigt.
Gernot Wersig: Probleme postmoderner Wissenskommunikation
Gesellschaft und Wissenschaft stehen in einer Transformationsphase, die häufig als "Postmoderne" angesprochen wird. Wandlungstendenzen der Wissenschaft bedeuten vor allem, daß für die Vermittlung von wissenschaftlichem Wissen in den Alltag neue Formen gefunden werden müssen, die über den aktualitätsbezogenen und naturwissenschaftlich dominierten "Wissenschaftsjournalismus" hinausreichen - "Wissenskommunikation". Diese muß berücksichtigen, daß durch die Entwicklung der Wissenstechnologien einerseits, die medialen Veränderungen im Kontext von "Informationsgesellschaft" andererseits neue Vermittlungssituationen zu berücksichtigen sind, die dazu führen, daß Wissenskommunikation vor allem eine (in submediale Bereiche verweisende) humanistische und technikkompensatorische Form annehmen sollte. Medial werden in diesem Zusammenhang Museen besonders interessant, inhaltlich ist die Verbindung von Wissen und Problembezug zu entwickeln.
Helmut Schanze: Publikationspolitiken wissenschaftlicher Zeitschriften. Anspruch und Wirklichkeit
Die Publikationspolitik wissenschaftlicher Zeitschriften hat sich in den letzten Jahren in Deutschland weitgehend am anglo-amerikanischen Modell der Beitragsauswahl und -annahme ausgerichtet. Das zugrunde liegende Modell jedoch ist weithin kontrafaktisch. Zwei Argumentationslinien werden verfolgt: die historische- in Form eines kurzen Blicks auf die Geschichte des (literarischen) Zeitschriftenwesens - und eine systematische - in Form einer Modellierung von Publikationspolitiken aus der jeweiligen Sicht der Autorschaft einerseits, der Herausgeberschaft andererseits. Steht auf einer Seite, mit dem Ruch des Altertümlichen, ein Sollizitationsmodell, so auf der anderen Seite das modernere Selektionsmodell. In einem dritten Schritt werden Überlegungen zu einem Agenturmodell der Zeitschrift vorgetragen, das der Entwicklung "Neuer Medien" Rechnung tragen könnte.
Carola Pahl: Die Bedeutung von Wissenschaftsjournalen für die Themenauswahl in den Wissenschaftsressorts deutscher Zeitungen am Beispiel medizinischer Themen
Der vorliegende Bericht befaßt sich mit den Selektionskriterien für medizinische Themen in den Wissenschaftsressorts überregionaler Tages- und Wochenzeitungen. Es wurde angenommen, daß internationale Wissenschaftsjournale die Themenauswahl der Zeitungen beeinflussen. Dazu wurden die Hypothesen formuliert, daß die Häufigkeit der Zitierung von Veröffentlichungen aus Wissenschaftsjournalen in deutschen Zeitungen abhängt von 1. der Höhe des Impact Factors eines Wissenschaftsjournals, 2. der Kommentierung einer Veröffentlichung im Wissenschaftsjournal und 3. der Erwähnung einer Veröffentlichung in Pressemitteilungen. Alle drei Zusammenhänge konnten bestätigt werden.
Volker Leib / Raymund Werle: Computernetze als Infrastrukturen und Kommunikationsmedien der Wissenschaft
Wissenschaftsinterne Dynamiken haben die Entstehung und Ausbreitung von Computernetzen vorangetrieben. Die Disparität zwischen den Wissenschaftlern, die Zugang zu Computern und Rechnernetzen hatten, und denjenigen, die davon ausgeschlossen waren, war in den USA wie auch international ausschlaggebender Faktor dafür, daß sich schließlich mit dem Internet ein weltweites Netz von Computernetzen herausgebildet hat, das längst nicht mehr nur wissenschaftlich genutzt wird. Die Wissenschaft hat auch die formellen und informellen Regeln und Normen der Nutzung des Netzes stark beeinflußt. In Benutzungsordnungen wie in der gewachsenen Netiquette finden sich zahlreiche Werte und Normen, die in der Wissenschaft relevant sind. Erst seit der Privatisierung und Kommerzialisierung der Netze gerät die auf diesen Werten und Normen basierende Fähigkeit zur Selbstkontrolle und Selbststeuerung des Netzes unter Druck.
Christian Wißler: Der Informationsdienst Wissenschaft (idw)
Der Artikel stellt den Informationsdienst Wissenschaft (idw) vor, der via Internet die Kontakte zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit sowie zwischen Wissenschaft und Wirtschaft intensiviert und beschleunigt. Er beschreibt die Funktionsweise, die Inhalte und die Zielgruppen der Internet-basierten Service-Leistungen, die der idw unter seinem Schirm vereint: Der "Experten-Makler" vermittelt Experten an Journalisten, die Kontakte in die Wissenschaft suchen; der "Marktplatz Wissenschaft""bietet jedem Internet-Nutzer ein persönliches Abonnement von Pressemitteilungen wissenschaftlicher Einrichtungen und viele weitere Informationen aus der Forschung; und über den "Transfer-Makler" erhalten Unternehmen einen schnellen Zugang zum Know-how öffentlicher Forschungseinrichtungen.
Georg Wiest: Elektronisches Publizieren in der Wissenschaftskommunikation
Seit einigen Jahren werden elektronische Publikationen als neue Publikationsformen in der Wissenschaftskommunikation wahrgenommen. Der vorliegende Artikel skizziert zunächst Formen, Nutzungsmöglichkeiten und den Verbreitungsstand elektronischer Publikationen. Aus der Gegenüberstellung der am häufigsten genannten und am wichtigsten erscheinenden Vor- und Nachteile elektronischer Publikationen im Vergleich zu herkömmlichen Printmedien läßt sich zum einen die derzeit noch zu konstatierende relative Wirkungslosigkeit elektronischer Publikationen im wissenschaftlichen Diskurs begründen; andererseits wird aus dem Abwägen der Pro- und Contra-Argumente auch ersichtlich, daß die im Augenblick die Verbreitung und Nutzung hemmenden Faktoren technischer, politischer und kultureller Provenienz nicht verhindern werden, daß das elektronische Publizieren für den wissenschaftlichen Diskurs in den nächsten Jahren zunehmende Bedeutung erlangen wird. Als Konsequenz läßt sich eine Agenda für die wichtigsten Akteure dieser Entwicklung skizzieren: den Gesetzgeber, die Bibliotheken, die Wissenschaftsverlage, die Zeitschriftenredaktionen und die Wissenschaftler. Befürchtungen hingegen, daß die neue Publikationsform bewährte Medien der Wissenschaftskommunikation wie vor allem die Zeitschrift vollständig verdrängen wird, erscheinen unbegründet.
Mechthild Hauff: Neue Medien, Fernstudium, Online-Studium - eine didaktische Herausforderung
Die Entwicklung neuer, digitaler und netzbasierter Informations- und Kommunikationsmedien verheißt den Hochschulen eine grundlegende Veränderung ihrer Lehr- und Lernverfahren und Organisationsstrukturen. Dabei erhoffen Befürworter eine Effizienzsteigerung der Lehre, während Skeptiker die Preisgabe von Grundsätzen der akademischen Lehre befürchten. So neu Ansätze der medial vermittelten Lehre und der systematisch durch mediales Selbststudium erarbeiteten Inhalte an Präsenzuniversitäten sind, für die Fernuniversitäten gehört die Entwicklung und Repräsentanz der Lehr- und Lerninhalte durch Medien zum konstitutiven Element ihres Studiensystems. Am Beispiel der deutschen FernUniversität in Hagen wird deutlich, wie Präsenz- und Fernuniversitäten sich der neuen Medien bedienen, um ihre Studienangebote den gewandelten Erfordernissen und den Bedürfnissen der Studierenden anzupassen.
Ralf Hohlfeld / Christoph Neuberger: Profil, Grenzen und Standards der Kommunikationswissenschaft. Eine Inhaltsanalyse wissenschaftlicher Fachzeitschriften
Die Kommunikationswissenschaft hat als relativ junges Fach noch kein einheitliches Selbstverständnis ausgebildet. Die Diskussionen über den Gegenstand, die Reichweite und die Praxisorientierung halten an. Mit einer Längsschnittsanalyse der Fachzeitschriften "Publizistik", "Rundfunk und Fernsehen", "Media Perspektiven" sowie ausgewählter Fachzeitschriften der Soziologie und Politikwissenschaft über drei Jahrzehnte hinweg werden prominente Thesen über Zustand und Entwicklungen des Faches geprüft. Weder kann - wie in vielen Arbeiten zum Selbstverständnis unterstellt wird - ein erweiterer Gegenstandsbereich festgestellt werden, noch ist der Vorwurf gesellschaftlicher Bedeutungslosigkeit nach den Befunden der Studie haltbar. Abbilden läßt sich durch die Analyse der Fachzeitschriften ein deutlicher Anstieg standardisierter empirischer Untersuchungen, die allerdings in großen Teilen nur unzureichend das empirischen Vorgehen transparent machen.
Hans-Bernd Brosius: Publizistik- und Kommunikationswissenschaft im Profil. Wer publiziert in "Publizistik" und "Rundfunk und Fernsehen"?
Der vorliegende Beitrag versteht sich als Nachfolge-Studie zu einem 1994 in der "Publizistik" vorgelegten Artikel über die Publikationsaktivitäten von Autoren in den beiden Zeitschriften "Publizistik" und "Rundfunk und Fernsehen". In diesem Artikel wurden die Beiträge in beiden Zeitschriften für die Jahre 1983 bis 1992 daraufhin untersucht, welche berufliche Stellung und welche institutionelle Herkunft die Autoren hatten und über welche Themen sie publizierten. Dieser Beitrag schreibt die Analyse für die Jahre 1993 bis 1997 fort. Unterteilt man die Daten der ersten Studie in zwei Fünfjahres-Zeiträume, kann man diese Daten mit den jüngsten fünf Jahren vergleichen. Die Ergebnisse zeigen, daß die institutionelle Anbindung der Autoren und das Themenspektrum der Beiträge immer noch sehr heterogen sind. An einigen Punkten zeichnet sich jedoch eine Formierung in dem Sinne ab, daß sich die Autoren stärker aus den Instituten mit Haupt- und Nebenfachstudium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft rekrutieren. Die in der ersten Studie kaum erkennbare Entwicklung hat sich gerade in den letzten fünf Jahren verstärkt.
Miriam Meckel / Marianne Ravenstein: Plädoyer für einen wissenschaftlichen Diskurs im Netz. Bestandsaufnahme und Entwicklungsoptionen für das Rezensionswesen der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft
Das Rezensionswesen fungiert als Katalysator und Qualitätsmaßstab für neue Publikationen einer Wissenschaftsdisziplin. Eine Analyse der Fachzeitschriften "Publizistik" und "Rundfunk und Fernsehen" zeigt deutlich, daß die Buchbesprechungen zur Zeit nur mit Einschränkungen zur Anregung des wissenschaftlichen Diskurses und zur Qualitätssicherung im Fach Publizistik- und Kommunikationswissenschaft dienen können. Sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht weisen die Rezensionsteile der gedruckten Fachzeitschriften Defizite auf, die zum Teil in den Organisationsstrukturen und Ausdifferenzierungen der Disziplin und seiner Fachspezifik, zum Teil aber auch in den Zwängen des gedruckten Medium angelegt sind. Interaktives Publizieren und Kommunizieren über das Netz würde auch bei Rezensionen dem wissenschaftlichen Fachdiskurs interessante Optionen eröffnen: Ein Online-Rezensionsforum könnte positive Auswirkungen auf Aktualität, Internationalität und Interdisziplinarität der Buchbesprechungen haben.
Wolfgang Neumann-Bechstein: Vermittlungsprobleme zwischen Kommunikationswissenschaft und Praxis
Das Verhältnis zwischen Medienwissenschaft und Medienpraxis ist seit Bestehen dieser Wissenschaft und ihres Forschungsgegenstandes, der Massenmedien, durch Spannungen gekennzeichnet. Die Entwicklung der elektronischen Massenmedien hat diesen Zustand in den vergangenen Jahren eher verfestigt statt gelockert. Medienwissenschaftler klagen über eine Ignoranz bei Machern und Medienpolitikern gegenüber den Erkenntnissen der Medienforschung, die Medien selbst werfen den akadamischen Medienwissenschaften nicht selten Praxisferne vor. Beide Vorwürfe haben in ihrem Kern zutreffende Bestandteile und sind Ausdruck eines Dilemmas, das sich mit dem Strukturwandel der Medien noch verschärft hat: Die Erfordernisse praxisorientierter und akademischer Medienforschung, in Deutschland schon traditionell in gespannter Beziehung zueinander, laufen auseinander. Anwendungsbezogene Medienforschung ist für die Medien Teil des Marketings. Besonders deutlich zeigt sich dies bei kommerziellen Fernsehveranstaltern, die mit Hilfe von Medienforschungsdaten ihre Programm öffentlichkeitswirksam darstellen. Dabei bleiben Forschungsqualitäten wie sie die akademische Forschung beansprucht oft auf der Strecke. Ziel der akademischen Forschung kann es daher nicht sein, die bessere Anwendungsforschung zu werden. Eine selbstbewußte Positionsbestimmung akademischer Forschung zwischen wissenschaftlicher Medienkritik und kritischer Anwendungsforschung wäre der geeignetere Weg.
Hans Bohrmann: Literatur und Quellen zur Massenkommunikation. Mängel in der Infrastruktur der Kommunikationswissenschaft
Der Beitrag beschreibt die historische Entwicklung der kommunikationswissenschaftlichen Literatur- und Quellensammlungen in Deutschland, die Entstehung von Institutsbibliotheken und die Herausbildung eines Verbundes von überregional tätigen Einrichtungen in Bremen, Dortmund und Berlin, die jeweils Teilfunktionen einer zentralen Fachbibliothek wahrnehmen. Weil in den letzten Jahren die klassischen Institutsbibliotheken Personal- und Sachmittel verloren haben, fordert der Beitrag, daß die kooperativen zentralen Fachbibliotheken als Sondersammelgebiet gestärkt werden müssen, wenn nicht mittel- und langfristig die Leistungsfähigkeit der Bibliotheken für Forschung und Lehre im Fach Kommunikationswissenschaft geschwächt werden soll.