Abstracts für RuF 2/1999

Margot Berghaus: Wie Massenmedien wirken. Ein Modell zur Systematisierung

In der Öffentlichkeit sagt man den Massenmedien Wirkungen vor allem auf Einstellungen und Meinungen nach. Die Kommunikationswissenschaft hat differenziertere Befunde, die hier in einem Modell systematisiert werden. Unterschieden werden drei Stufen mit abnehmender Bedeutung: 1) Soziales Umfeld versus Medien: Das soziale Umfeld steuert Medienwirkungen. Familie, Erziehung, Gruppenbindungen und persönliche Kommunikation liefern die Selektionskriterien für die Medienbeurteilung und geben gleichsam die Lesart für Medienbotschaften vor. 2) Medium versus Medieninhalt: Das Medium selbst ist mehr als seine Inhalte. Es enthält eine mächtigere "message", die der Wirkung einzelner Medieninhalte vorausgeht. 3) Themen, Informationen versus Meinungen, Einstellungen: Auf dem Themen- und Informationssektor liegen die größten Wirkungspotenzen von Medieninhalten. Dagegen werden Einstellungen und Meinungen im sozialen Umfeld gebildet, dort stabil gehalten und in "looking-glass"-Manier in Medieninhalte hineinprojiziert.

Frank Esser: Ursachen größerer Recherchebereitschaft im britischen Pressejournalismus. Eine Analyse aus vergleichender Perspektive

Der vorliegende Beitrag argumentiert aus der Perspektive der international vergleichenden Kommunikationsforschung, deren theoretische Konzeptionalisierung sich noch im Aufbau befindet. Der Forschungsansatz legt den Schwerpunkt auf die Analyse von Unterschieden zwischen Medien- und Journalismussystemen verschiedener Länder. Der vorliegende Beitrag diskutiert aus dieser Perspektive drei Kernthesen: 1. Die in Journalistenbefragungen wiederholt festgestellte geringere Recherchebereitschaft in Deutschland läßt sich auf die institutionell schwächer verankerte Reporter-Rolle in deutschen Zeitungsredaktionen zurückführen. 2. Die in Befragungen wiederholt ermittelte deutlich höhere Recherchebereitschaft britischer Journalisten kann auf politische, rechtliche und ökonomische Umfeldbedingungen zurückgeführt werden, die die dortigen Journalisten als außergewöhnliche Beschränkung im Vergleich zu ihren ausländischen Kollegen wahrnehmen. 3. Das größere Bekenntnis zur hartnäckigen Recherche beruht auf einem gezielt nach außen hin vertretenem Selbstbild, das die Presse als "Fourth Estate" sieht.

Josef Eckhardt: Das digitale Radio im Fokus der Begleitforschung

Der Beitrag beschreibt einige Befunde der Begleitforschung zur den Pilotprojekten mit Digital Audience Broadcasting (DAB) in der Bundesrepublik. Die Befunde zeigen, daß ein Marktpotential für das digitale Radio in Deutschland - wie auch in anderen Ländern Europas - im allgemeinen vorhanden ist. Das Interesse der Bevölkerung ist allerdings noch nicht spezifisch ausgeprägt: Es artikuliert sich am deutlichsten beim Autoradio, das anläßlich der Pilotprojekte überwiegend zum Einsatz kam. Die Pilotprojekte haben die praktische Einsatzfähigkeit des digitalen Radios mit oder ohne Display bewiesen, gleichzeitig aber auch noch erhebliche Schwächen des neuen Mediums gezeigt, die vor der Markteinführung behoben werden müssen.

Edmund Lauf / Wolfram Peiser: Zur Validität der Langzeitstudie Massenkommunikation. Eine kritische Untersuchung ihrer Trenddaten zur Mediennutzung

Die Langzeitstudie Massenkommunikation hat in der deutschen Kommunikationswissenschaft seit Jahrzehnten eine große Bedeutung als die Datenquelle für die Entwicklung des Medienverhaltens. Einer methodischen Überprüfung wurden die Daten bislang aber kaum einmal unterzogen. In diesem Beitrag wird über die Ergebnisse einer solchen Prüfung, mit Schwerpunkt auf dem stichtagbezogenen Nutzungsverhalten, berichtet. Es zeigt sich, daß das Erhebungsinstrument und auch die Datenaufbereitung weder in allen Erhebungen noch für alle tagesaktuellen Medien identisch waren. Die veröffentlichten Langzeittrends der Mediennutzung sind daher teilweise nicht valide. Notwendig erscheinen eine Neuaufbereitung und gründliche Dokumentation der bisherigen Datenbestände sowie eine umfassende wissenschaftliche Begleitung der Langzeitstudie.

Marie Luise Kiefer: Wie betreibt man wissenschaftliche Langzeitforschung? Eine Replik auf die Kritik von Lauf/Peiser

Absolute Vergleichbarkeit ist in der Langzeitforschung ein utopisches Ziel, möglich ist allenfalls bestmögliche Annäherung. Der Beitrag weist die Kritik mangelnder Vergleichbarkeit und Validität der Daten zur Mediennutzung in der Studie Massenkommunikaion zurück und beitet alerternative Interpretationen der Befunde von Lauf/Peiser an. Methodologischer Rigorismus erweist sich zudem als ungeeigneter Weg, die für Langzeitforschung notwendige Balance zwischen Kontinuität und Wandel zu finden, wie aus den Erfahrungen mit der Studie zu lernen ist. Denn der Wandelt, dem Medien, Medienumwelt und Mediennutzung unterliegen, tangiert nicht zuletzt auch die Abbildungskraft der Erhebungsinstrumente.