M&K 07-4 Abstracts
Castulus Kolo / Robin Meyer-Lucht: Erosion der Intensivleserschaft. Eine Zeitreihenanalyse zum Konkurrenzverhältnis von Tageszeitungen und Nachrichtensites
Die Nutzung von Online-Nachrichtenangeboten ist in den letzten Jahren stark gestiegen und erreicht inzwischen ein Millionenpublikum an zunehmend intensiven Nutzern. Zugleich haben Tageszeitungen insbesondere regelmäßige Leser verloren. Auf der Basis von Sekundäranalysen der Allensbacher Werbeträger-Analyse (AWA) und der Computer- und Technik-Analyse (ACTA) wird hier für den Lesermarkt in Deutschland erstmals die zeitliche Abfolge der Veränderungen in den verschiedenen Nutzungsdimensionen der Zeitung gegenüber der Nutzung von Nachrichtensites herausgearbeitet und damit einer Interpretation zugänglich gemacht. Die Analyse zeigt eine schleichende Erosion der Intensivleserschaft von regionalen wie überregionalen Tageszeitungen, was angesichts der gegenläufigen Entwicklung online als Nettoeffekt zu einer heute schon dokumentierbaren Substitution von Print- durch Onlineangebote führt. Sowohl die Anteile an Intensivlesern als auch an Intensivnutzern weisen dabei eine starke, allerdings jeweils unterschiedliche Altersabhängigkeit auf, und die deutlichsten Verluste im Print korrelieren positiv mit der Intensität des jeweiligen Online-Nachrichtenkonsums.
Schlagwörter: Nachrichtensites, Online-Nachrichten, Tageszeitung, Mediennutzung, Medienkonkurrenz, Mediensubstitution
Bertram Scheufele / Carolin Gasteiger: Berichterstattung, Emotionen und politische Legitimierung. Eine experimentelle Untersuchung zum Einfluss der Politikberichterstattung auf die Legitimierung politischer Entscheidungen am Beispiel von Bundeswehreinsätzen
Ob Bürger politische Entscheidungen legitimieren, hängt auch von der Mediendarstellung ab. Das wird exemplarisch für Auslandseinsätze der Bundeswehr untersucht. Die theoretischen Überlegungen wurden in einem Experiment geprüft. Der erste Faktor war der Bezugsrahmen: Die eine Version des Stimulusartikels stellte einen Krieg und Bundeswehreinsatz in einen humanitären Rahmen, die andere Artikelversion argumentierte politisch-militärisch. Der zweite Faktor manipulierte das Artikelfoto (Kinder vs. Kämpfer). Die humanitäre Rahmung rief stärkere Betroffenheit und Empathie hervor und führte zu größerer Zustimmung zum Bundeswehreinsatz als die politisch-militärische Darstellung. Das Foto kriegsleidender Kinder wirkte teilweise verstärkend. Daneben fungierten themenrelevante Einstellungen als Drittvariablen.
Schlagwörter: Medienwirkung, Politische Kommunikation, Legitimierung, Framing, Emotion, Bild
Jochen Hoffmann: Mitgliederpresse: Journalismus für die Organisation, PR für die Gesellschaft
Der Beitrag entkoppelt PR und Journalismus von spezifischen Handlungsträgern und konzipiert ihr Verhältnis als Meso-Makro-Link. Auf der Basis einer schriftlichen quantitativen Befragung der leitenden Redakteure von national oder sprachregional verbreiteten Mitgliederzeitschriften privater Nonprofit-Organisationen in der Schweiz wird nachgezeichnet, wie sich der Meso-Makro-Link empirisch in sozialen Rollen manifestiert. Deutlich wird, dass sich PR als Organisationsfunktion und Journalismus als Gesellschaftsfunktion nicht wechselseitig ausschließen. Denn als entscheidungsbasierte Sozialsysteme mit hoher Binnenkomplexität zeichnen sich Organisationen durch eine Mehrfachbeteiligung an gesellschaftlichen Funktionssystemen aus. Entsprechend ergeben sich Kompatibilitäten: Eine asymmetrische PR als organisationale Steuerung ist mit einem gesellschaftsorientierten Meinungsjournalismus vereinbar und eine symmetrische PR als organisationales Forum ist mit einem gesellschaftsorientierten Informationsjournalismus kompatibel. Es ist die Funktion der Interdependenzbewältigung, die PR und Journalismus verbindet; die Meso-Makro-Differenz macht sie unterscheidbar.
Schlagwörter: Mitgliederpresse, Organisationskommunikation, Public Relations, Journalismus, Systemtheorie
Dorothée Hefner/Christoph Klimmt/Gregor Daschmann: Typisch Türke? Die Folgen der Nationalitätsnennung für die Bewertung von Akteuren in der Nachrichtenrezeption
Angeregt durch die Debatte, ob eine Nennung der Nationalität von Akteuren im Nachrichtenjournalismus angebracht ist, wurde die Wirkung der Nennung auf die unmittelbare Bewertung des Akteurs untersucht. Einem stereotypkonsistenten Straftatfall, in dem ein junger türkischer Täter einen Gleichaltrigen krankenhausreif prügelt, wurde ein stereotypinkonsistenter Artikel über eine sozial erwünschte Leistung – eine Lebensrettung – gegenübergestellt. Vergleichsgrundlage waren jeweils identische Artikel mit deutschem Akteur. In einem Online-Experiment mit randomisierter Zuteilung auf eine der vier Bedingungen wurde die Bewertung des Akteurs erhoben. Die Ergebnisse, die nur zum Teil mit den Hypothesen übereinstimmen, zeigen folgendes: Der türkische Akteur des Straffalles wird tendenziell milder bewertet als der deutsche – es findet also positive Diskriminierung statt. Im Gegensatz dazu wird bei dem Rettungsartikel der deutsche Akteur leicht besser bewertet, was eine negative Diskriminierung des Türken darstellt. Eine mögliche Erklärung der Ergebnisse lautet, dass die milde Bewertung durch eine übermäßige Vorsicht hervorgerufen wird, die aus der Angst vor Diskriminierung des türkischen Akteurs resultiert und nur beim stereotypkonsistenten Fall aktiviert wird. Der zugrunde liegende Gedanke des Einflusses von Stereotypenkonsistenz auf die Bewertung hätte sich demnach als bedeutende Einflussgröße erwiesen, auch wenn die Hypothesen im Allgemeinen nicht bestätigt werden konnten.
Schlagwörter: Nachrichtenrezeption, Stereotyp, Vorurteil, Ausländer, Türken, Kriminalitätsberichterstattung, Personenbewertung, Eindrucksbildung.
Reihe "Klassiker der Kommunikations- und Medienwissenschaft heute"
Jürgen Wilke: Nicht nur ein Theoretiker der Öffentlichen Meinung: Walter Lippmann Revisited
Der Beitrag geht der Bedeutung Walter Lippmanns für die moderne Kommunikationswissenschaft nach. Der amerikanische Publizist und Schriftsteller hat zwar dieses Fach weder selbst studiert noch je gelehrt. Gleichwohl gilt sein 1922 erschienenes Buch „Public Opinion“ als ein „Klassiker“ dieser Disziplin. Insbesondere seine Unterscheidung zwischen der äußeren Welt („world outside“) und unseren inneren Vorstellungen („pictures in our head“) ist bahnbrechend gewesen. Aus dieser Erkenntnis resultierte eine kritische Einschätzung der Rolle der Massenmedien in der Demokratie. Doch war Lippmann nicht nur ein Theoretiker der Öffentlichen Meinung. Bei ihm finden sich vielmehr Anregungen für eine ganze Reihe weiterer Konzepte und Ansätze der späteren Kommunikationswissenschaft, so der Nachrichtenwert- und der Wirkungsforschung. Ihn wieder zu lesen, lohnt und ernüchtert auch, nachdem die Medienwelt sich total verändert hat.
Schlagwörter: Medientheorie, Geschichte der Kommunikationswissenschaft, stereotypen, Öffentliche Meinung, Nachrichtenwerte, Wirkungsforschung