Abstracts M&K 2/2015

Katharina Neumann: Reziproke Effekte auf Rechtsextreme. Erweiterung des Modells und empirische Daten

Die vorliegende Studie geht der Frage nach, ob reziproke Medieneffekte nicht nur bei Einzelpersonen, sondern auch innerhalb politischer Gruppierungen zum Tragen kommen. Sie untersucht dies am Beispiel der rechtsextremen Szene und fragt, welche Reaktionen durch unterschiedliche Formen der Berichterstattung über Rechtsextremismus bei den Anhängern der Szene ausgelöst werden. Die theoretische Basis der Studie bildet das Modell reziproker Effekte nach Kepplinger, wobei davon ausgegangen wird, dass sich dessen Geltungsbereich im Fall der Berichterstattung über Gruppen auch auf solche Personen erweitern lässt, die sich stark mit einer Gruppe identifizieren. Die empirische Basis der Studie bildet eine persönliche Befragung von Aussteigern aus der rechtsextremen Szene, die in Zusammenarbeit mit der Aussteigerorganisation EXIT Deutschland (ZDK/ GDK) rekrutiert und zu ihren Erfahrungen mit Medien in der Szene befragt wurden. Die Interviews zeigen, dass sich Szenemitglieder durchgängig von Berichterstattung über Rechtsextremismus betroffen fühlen und dass die für reziproke Effekte charakteristischen Verarbeitungsprozesse, wie sie im personenbezogenen Modell reziproker Effekte beschrieben werden, auch bei der Berichterstattung über Gruppen zum Tragen kommen. Diese Verarbeitungsprozesse münden u. a. in polittaktischen Reaktionen der Führungsriege auf Berichte in den Massenmedien und im Versuch, diese für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

Schlüsselwörter: reziproke Effekte, Medienwirkung, Medieneffekte, Rechtsextremismus, Aussteiger, soziale Identität

Dennis Lichtenstein / Alexandra Polownikow: Krisen-TV. Die Politisierung der Eurorettung in deutschen Talkshows

Der Beitrag befasst sich mit dem Politisierungsgrad der Eurorettung in deutschen Polit-Talkshows und schließt an die Diskussion zur Europäisierung von Öffentlichkeit und zur Demokratisierung der EU an. Mit einer quantitativen Inhaltsanalyse von Sendungen aus drei Jahren (2010 bis September 2013) werden die Positionen verglichen, die Regierung, Opposition und Akteure mit Expertenstatus auf einer ökonomischen (Markliberalität vs. Sozialpolitik) und einer kulturellen (nationale Souveränität vs. Vertiefung der Integration) Konfliktlinie zur Eurorettung einnehmen. Auf der ökonomischen Konfliktlinie resultiert ein hoher Politisierungsgrad aus gegensätzlichen Positionen von Regierung und Opposition. Auf der kulturellen Konfliktlinie besteht im Parteienspektrum ein pro-europäischer Konsens. Ein Konflikt ergibt sich hier erst durch die Inklusion EU-kritischer Wirtschaftsexperten. Die Sendungen ermöglichen so eine umfassende Politisierung der Eurorettung, die für die Demokratisierung der EU konstitutiv ist, und sorgen zugleich dafür, dass der Parteienkonsens auf der kulturellen Konfliktlinie herausgefordert wird. In der direkten Konfrontation im Rahmen der Sendungen bringen die Parteien daraufhin ihre pro-europäische Haltung aktiv in den Streit zur Eurorettung ein und fördern damit die Europäisierung von Öffentlichkeit.

Schlüsselwörter: Politisierung, Eurokrise, Talkshow, Europäische Öffentlichkeit, Inhaltsanalyse

Christian Pentzold: Praxistheoretische Prinzipien, Traditionen und Perspektiven kulturalistischer Kommunikations- und Medienforschung

Der Artikel diskutiert den Beitrag der Praxistheorien für die kulturalistische Kommunikations- und Medienforschung. Ausgehend von sozialphilosophischen und kultursoziologischen Vorhaben, ein praxistheoretisches Paradigma zu etablieren, werden erstens dessen Basisannahmen entlang der Prinzipien Rekursivität und Relationalität erläutert. Zweitens werden bisherige praxistheoretisch reflektierte oder kongruente kommunikationswissenschaftliche Traditionen erfasst. Dabei wird gezeigt, dass die vergleichsweise sporadische explizite Auseinandersetzung mit Praxistheorien durch die Beschäftigung mit einem komplementären Programm im Rahmen der Cultural Studies und durch eine selektive Adaption einzelner praxistheoretisch verorteter Autoren, allen voran Bourdieu und Giddens, vorweggenommen ist. Drittens wird erörtert, für welche Forschungsfelder und Ansätze kulturalistischer Kommunikations- und Medienforschung die Praxistheorien Impulse geben können. Dabei werden die Perspektiven für die Analyse des Wandels kollektiver Mediennutzung, des Konstituierens alltäglichen Medienumgangs und des wechselseitigen Ausgestaltens von Medientechnologien und medienbezogenen Praktiken ausgeführt.

Schlüsselwörter: Praxistheorie, Praxeologie, Kulturalistische Kommunikations- und Medienforschung, Medienbezogene Praktiken, Bourdieu, Giddens

Jörg Hagenah / Birgit Stark / Erwin Weibel: Wandel des Zeitunglesens in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Eine zeit- und ländervergleichende Analyse zur Einführung von Gratistageszeitungen

Zeitungsmärkte befinden sich im Wandel. Dabei werden vor allem der Auflagenschwund und die ökonomische Krise der Verlagshäuser in einzelnen Ländern stark thematisiert. Seltener sind dagegen zeit- und ländervergleichende Untersuchungen, die langfristige Veränderungen von Angebot und Nachfrage in der Gegenüberstellung analysieren. Hier setzt der vorliegende Beitrag an und zeigt anhand einer Längsschnittanalyse, wie sich Angebot und Nachfrage bei unterschiedlichen Tageszeitungstypen und Lesergruppen in Deutschland, Österreich und der Schweiz entwickelt haben. Auf Basis von Sekundärdaten werden Nutzungstrends in der Gesamtbevölkerung und bei jungen Erwachsenen (14-29 Jahre) im Kontext des Markteintritts von Gratistageszeitungen analysiert. Die Ergebnisse spiegeln keine gleichförmigen Marktbewegungen wider, sondern zeigen im Ländervergleich divergierende Dynamiken in der Gesamtbevölkerung und in der jungen Altersgruppe. So werden in den Kleinstaaten Österreich und Schweiz durch die Einführung von Gratistageszeitungen neue Leser rekrutiert. Fraglich ist, ob damit junge Erwachsene frühzeitig und dauerhaft an das Lesen herangeführt werden oder ob mit dem Konsum dieser qualitätsschwachen Angebote eine zunehmende Boulevardisierung des Lesens zu befürchten ist. In Deutschland bleibt das Lesen dagegen qualitätsorientierter, obwohl die Nachfrage nach Tageszeitungen insgesamt und insbesondere nach Regionalzeitungen drastisch sinkt.

Schlüsselwörter: Tageszeitung, Mediennutzung, Pressemärkte, Ländervergleich, Gratistageszeitungen