Abstracts M&K 1/2012

Tanja Carstensen / Gabriele Winker: Intersektionalität in der Internetforschung

Das Konzept der Intersektionalität entwickelt sich in der Geschlechterforschung zurzeit zu einem neuen Paradigma. Intersektionalität ist der Versuch, die Verwobenheiten und Wechselwirkungen von verschiedenen Ungleichheitskategorien bzw. Herrschaftsverhältnissen zu analysieren. Auch die sozialwissenschaftliche Internetforschung behandelt seit Jahren Fragen der (Re-)Produktion von sozialen Ungleichheiten und Diskriminierungsmechanismen. Allerdings sind die Fragestellungen heterogen. Im vorliegenden Artikel geben wir zunächst einen Überblick über den sozialwissenschaftlichen Forschungsstand zum Verhältnis von Internet und sozialer Ungleichheit. Anschließend stellen wir das Konzept der intersektionalen Mehrebenenanalyse vor. Im Mittelpunkt des Textes steht der Vorschlag für ein Forschungsdesign, anhand dessen intersektionale Ansprüche innerhalb der sozialwissenschaftlichen Internetforschung verwirklicht werden und einige der momentan unverbundenen Forschungsansätze zu Ungleichheit und Internet zusammengeführt werden können.

Schlagwörter: Geschlechterforschung, soziale Ungleichheit, Intersektionalität, Mehrebenenanalyse, Internet

 

Jan Rommerskirchen: Image und Reputation – die Unternehmenskommunikation im Neopragmatismus

An Theorien der Kommunikation mangelt es nicht, obwohl die wissenschaftliche Beschäftigung damit noch recht jung ist. Sie stammen von Kommunikationswissenschaftlern und -psychologen, Volkswirten und Logistikern oder Informatikern und Politikwissenschaftlern. Innerhalb des weiten Feldes der Kommunikationsforschung gibt es jedoch eine Trennlinie – die zwischen sprachphilosophischen und soziologischen Theorien. Die Theorie des „Inferentialismus“ von Robert B. Brandom und sein Modell der „deontischen Kontoführung“ zeigen, wie man die Trennung zwischen Sprachphilosophie und Soziologie überwinden kann. Darüber hinaus ermöglicht der Inferentialismus eine neue Theorie der strategischen Kommunikation zwischen Unternehmen und Konsumenten. Image und Reputation eines Unternehmens können dadurch als normative Status beziehungsweise normative Einstellungen der Rezipienten von Kommunikationsakten verstanden und gezielter in die Planung der Unternehmenskommunikation integriert werden.

Schlagwörter: Kommunikationstheorie, Robert B. Brandom, Inferentialismus, deontische Kontoführung, Unternehmenskommunikation, Image, Reputation

 

Ines Engelmann: Nachrichtenfaktoren und die organisationsspezifische Nachrichtenselektion. Eine Erweiterung der Nachrichtenwerttheorie um die Meso-Ebene journalistischer Organisationen

Im Beitrag wird die Nachrichtenwerttheorie zunächst handlungs- und organisationstheoretisch verknüpft. Auf der Handlungsebene werden mit der Theorie des geplanten Handelns journalistische Vorstellungen über Nachrichtenfaktorstärken zu Sachverhalten, über Bezugsgruppen und über die Medienorientierung als Prädiktoren von Selektionsentscheidungen modelliert (Mikro-Ebene). Auf der Organisationsebene wird der Einfluss organisationsspezifisch institutionalisierter Nachrichtenfaktoren auf diese Vorstellungen untersucht (Meso-Mikro-Link). Es wird angenommen, dass organisationsspezifisch institutionalisierte Nachrichtenfaktoren journalistische Selektionsentscheidungen erklären. Die Modellprüfung basiert auf einer Journalisten-Befragung. Die Ergebnisse zeigen, dass journalistische Selektionsentscheidungen durch wahrgenommene Nachrichtenfaktoren beeinflusst werden, wobei die Orientierung von Journalisten an anderen Medien die wahrgenommenen Stärken von Nachrichtenfaktoren teilweise verstärkt und teilweise abschwächt. Der Einfluss journalistischer Bezugsgruppen ist sekundär. Zudem zeigt sich, dass die für Journalisten selektionsrelevanten Nachrichtenfaktoren zumindest teilweise organisationsspezifisch institutionalisiert sind.

Schlagwörter: Organisation, Institution, Handlungstheorie, Nachrichtenwerttheorie, Meso-Mikro-Link, Online-Befragung

 

Helmut Scherer / Teresa K. Naab / Julia Niemann / Brenya Adjei: Macht Mediennutzung sympathisch? Eine empirische Untersuchung zur Eindrucksbildung durch Kommunikation über Genrepräferenzen

Mediennutzung kann als Ausdruck persönlichen Geschmacks interpretiert und somit dazu genutzt werden, sich einen Eindruck von einer Person zu machen. Die Studie fragt, ob und unter welchen Umständen Mediennutzung das Potenzial hat, die Sympathiebewertung über eine Person tatsächlich positiv zu beeinflussen. In einem Fragebogenexperiment bewerteten 562 Probandinnen die fiktive Studentin Anna auf Basis eines Online-Profils, in dem variierende Informationen über Annas Fernsehgenrepräferenzen gegeben wurden. Je nach kommunizierten Genrevorlieben unterscheidet sich die Sympathiezuschreibung. Die Kommunikation von Soap-Rezeption wirkt in der Gruppe der jungen, hoch gebildeten Frauen negativer als die von Politik. Sind Kommunikator und bewertende Person hinsichtlich ihrer Medienvorlieben unähnlich, führt dies zu einer Abwertung, was Beeindruckungsversuche durch Medien riskant erscheinen lässt.

Schlagwörter: Eindrucksbildung, Impression Management, Medienwirkung, soziale Netzwerke

 

Benedetto Lepori / Carole Probst / Diana Ingenhoff: Profile statt Rankings. Eine Methode zur Darstellung von Aktivitäten institutioneller Einheiten der Kommunikationswissenschaft

Evaluationen und Rechenschaftspflicht für Forschende nehmen im Hochschulumfeld zu; gerade in Feldern der Geistes- und Sozialwissenschaften stoßen die klassischen Instrumente – oft auf der Basis bibliometrischer Analysen – auf Grenzen, da sie wichtige Eigenschaften der Felder, wie z. B. die Ausrichtung auf das lokale und sprachregionale Umfeld, die hohe Lehrbelastung oder das Gewicht der Publikationen in Buchform nicht berücksichtigen. In diesem Text stellen wir ein Instrument vor, das entwickelt wurde, um den Forschungsoutput kommunikationswissenschaftlicher Einheiten an Schweizer Hochschulen darzustellen. Dieses Instrument erstellt Forschungsprofile, welche die Aktivitäten in verschiedenen Dimensionen – Wissenschaft, Forschungsausbildung, Lehre und Transfer – abbilden. Solche Profile können als Grundlage für interne Standortbestimmungen, aber auch als Input für (Selbst-)Evaluationen verwendet werden. Der Text präsentiert das Instrument und diskutiert Herausforderungen bei seiner Erstellung und Implementation, illustriert anhand von Resultaten der Studie.

Schlagwörter: Outputprofile, Wissenschaftsindikatoren, Evaluation

 

Thomas Plotkowiak / Katarina Stanoevska-Slabeva / Jana Ebermann / Miriam Meckel / Matthes Fleck: Netzwerk-Journalismus. Zur veränderten Vermittlerrolle von Journalisten am Beispiel einer Case Study zu Twitter und den Unruhen in Iran

Partizipative Internettechnologien sorgen für ein verändertes Aufgabenprofil und Rollenbild von Journalisten. Besonders in Krisensituationen oder bei politischen Konflikten können Informationen, die über die sozialen Plattformen des Webs verbreitet werden, wichtige Quellen journalistischer Arbeit sein. Innerhalb dieser Plattformen hat Twitter in jüngster Vergangenheit große Aufmerksamkeit erhalten. In diesem Beitrag werden im Rahmen einer Fallstudie die Beziehungen des US-Journalisten Robert Mackey auf Twitter untersucht, um Erkenntnisse über dessen Rolle in einem komplexen sozialen System zu erlangen. Kontext der Untersuchung sind die politischen Unruhen in Iran nach den Wahlen am 12. Juni 2009, in deren Verlauf Journalisten auf Berichte von Augenzeugen vor Ort, verbreitet über Blogs, YouTube und Twitter, angewiesen waren. Die Untersuchung basiert auf Techniken der sozialen Netzwerkanalyse und der sozialwissenschaftlichen Inhaltsanalyse. Die Ergebnisse zeigen, dass Twitter nicht nur ein weiterer Kanal zur Verbreitung von Inhalten ist, sondern auch zum Aufspüren von Quellen, zur Anreicherung von Themen und zur Vernetzung mit unterschiedlichen Communities genutzt wird.

Schlagwörter: Twitter, Robert Mackey, Blogs, soziale Netzwerkanalyse, Inhaltsanalyse, Fallstudie, soziale Medie