Abstracts für M&K 3/2007
Michael Meyen: Medienwissen und Medienmenüs als kulturelles Kapital und als Distinktionsmerkmale. Eine Typologie der Mediennutzer in Deutschland
Warum verbringen die Deutschen inzwischen im Durchschnitt jeden Tag zehn Stunden mit den Angeboten der Massenmedien? Warum werden einige Menschen zu Informationsjunkies und andere zu Medienvermeidern? Von welchen Faktoren hängt das Medienmenü ab, das ein einzelner Nutzer konsumiert? Die Studie, die sich auf 133 Tiefeninterviews stützt, geht in Anlehnung an Pierre Bourdieu davon aus, dass der Habitus und damit die Mediengewohnheiten vor allem von der sozialen Position eines Akteurs bestimmt werden, und fragt danach, wie die zehn Stunden, die der deutsche Durchschnittsbürger jeden Tag mit den Angeboten der Massenmedien verbringt, zum individuellen Kapitalfundus beitragen. Die Untersuchung zeigt, dass Medienwissen und Medienmenüs zu Distinktionsmerkmalen geworden sind und kulturelles Kapital liefern. Mediennutzung ist für viele Menschen folglich (auch) Arbeit. Der Norm, informiert zu sein, können sich vor allem diejenigen nicht entziehen, die eine gehobene soziale Position bekleiden oder aufsteigen wollen. Mindestens genauso wichtig wie die soziale Position ist dabei die Bewertung, die der jeweilige Akteur mit dieser Position verbindet. Dieses Urteil wiederum wird vor allem vom Geschlecht, von der Herkunft, der Lebensphase, dem persönlichen Umfeld und der Alltagsbelastung beeinflusst.
Schlagwörter: Mediennutzung, Medienmenüs, Bourdieu, Qualitative Forschung, Leitfadeninterviews, Typologie
Regina Vetters: Vor Ort in Europa. Ein Vergleich der EU-Berichterstattung deutscher Qualitäts- und Regionalzeitungen
Studien zur europäischen Öffentlichkeit vergleichen meist die Europaberichterstattung von Qualitätszeitungen verschiedener EU-Länder. Das medienvermittelte Europabild der sehr viel häufiger gelesenen Regionalzeitungen bleibt dagegen unberücksichtigt. Der Beitrag vergleicht die allgemeine EU-Berichterstattung von 2002 bis 2005 sowie die journalistische Auseinandersetzung mit der europäischen Verfassungsdebatte im Jahr 2005 in je zwei deutschen Qualitäts- und Regionalzeitungen. Insgesamt führen mangelnde Ressourcen und der häufige Rückgriffe auf Agenturmaterial zu einem Kompetenzgefälle zwischen den Zeitungen. Europa erscheint im Regionalen seltener und farbloser. Auf der anderen Seite bemühen sich die kleineren Zeitungen um einen anderen Blickwinkel, zitieren häufiger Sprecher vor Ort und kreieren damit eine eigene Europaberichterstattung. In der Verfassungsdebatte treten Unterschiede zwischen beiden Medientypen deutlicher zu Tage: Während die "Großen" pro-europäische Artikel aus allen Winkeln Europas liefern, sind die Regionalzeitungen elitenzentrierter, berichten eklektizistisch und sind bisweilen deutlich skeptischer gegenüber der EU.
Schlagwörter: europäische Öffentlichkeit, Europäische Union, Verfassungsdebatte, Qualitätszeitungen, Regionalzeitungen
Thomas Hanitzsch: Journalismuskultur: Zur Dimensionierung eines zentralen Konstrukts der kulturvergleichenden Journalismusforschung
Trotz der zunehmenden Bedeutung von Journalismuskultur als heuristisches Denkwerkzeug vor allem für die komparative und kultursoziologisch motivierte Journalismusforschung hat eine theoretische Auseinandersetzung mit diesem Konzept bislang kaum stattgefunden. Der vorliegende Beitrag versucht diese Lücke zu schließen, indem er ein Modell entwickelt, dessen Abstraktionsgrad und Universalität es erlaubt, die Vielfalt journalistischer Kulturen anhand ihrer zentralen Basiselemente abzubilden und auf einem gemeinsamen theoretischen Nenner zu bringen. Anhand des Forschungsstandes und der zugänglichen Literatur wird vorgeschlagen, Journalismuskultur in seine dimensionale Struktur zu dekonstruieren. Demnach setzt sich Journalismuskultur aus drei Konstituenten zusammen (Institutionelle Rollen, Epistemologien und Ethische Ideologien), die wiederum in sieben kontinuierliche Hauptdimensionen zerlegt werden können: Interventionismus, Machtdistanz, Marktorientierung, Objektivismus, Empirismus, Relativismus und Idealismus. Damit eröffnet das Modell einen siebendimensionalen Raum, in dem verschiedene journalistische Kulturen systematisch verglichen und taxonomisch eingeordnet werden können.
Schlagwörter: Journalismuskultur, komparative Journalismusforschung, berufliche Selbstverständnisse, journalistische Epistemologien, Berufsethik
Christoph Klimmt / Petra Netta / Peter Vorderer: Entertainisierung der Wahlkampfkommunikation. Der Einfluss von Humor auf die Wirkung negativer Wahlwerbung
Die Erforschung politischer Negativwerbung hat bislang (die Wirkung von) konventionell-ernsthafte(n) Formen fokussiert und den häufigen Einsatz humorvoller Elemente vernachlässigt. Die vorliegende Arbeit integriert daher die Erkenntnisse zur Negativwerbung mit Humortheorien, um Annahmen über die spezifische Wirkung entertainisierter Wahlkampfkommunikation abzuleiten. Ein Online-Experiment (N = 589) testete diese Annahmen, wonach eine humorvolle Negativwerbung günstigere Wirkungen für ihren Initiator zeitigen sollte. Die Ergebnisse zeigen, dass das angreifende politische Lager durch humorvolle Gestaltung die eigenen Anhänger/inn/en in besonders günstiger Weise beeinflussen kann. Günstige Effekte des Humors auf Personen ohne eindeutige Parteidisposition fallen deutlich geringer aus; Anhänger/inne/n des attackierten Lagers reagieren auf eine humorvolle Angriffswerbung sogar noch ablehnender als auf konventionelle Negativwerbung. Die Diskussion der Ergebnisse verweist auf die Vorteile, die die Integration von Unterhaltungstheorien und politischer Kommunikation birgt.
Schlagwörter: Politische Kommunikation, Wahlkampf, Negative Wahlwerbung, Unterhaltung, Humor, Attack Ads, Wirkung, Experiment, Landtagswahl, Nordrhein-Westfalen
Eva Blömeke / Michel Clement / Ilaha Mahmudova / Frank Sambeth: Status Quo der betriebswirtschaftlichen Erfolgsfaktorenforschung bei Büchern. Eine kritische Analyse der empirischen Literatur
In diesem Aufsatz wird der Status Quo der theoretischen und empirischen Erfolgsfaktorenforschung für belletristische Bücher aufgezeigt. Die abgeleiteten Einflussfaktoren, die zentrale Steuerungsgrößen für das Management der Verlagshäuser darstellen, werden nach den vier Elementen des Marketing-Mix - Produkt, Preis, Kommunikation und Distribution - untergliedert. Neben inhaltlichen Erkenntnissen stehen auch methodische Aspekte im Fokus, denn die gewählte Forschungsweise hat in der Erfolgsfaktorenforschung erhebliche inhaltliche Konsequenzen. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die bisherige Forschung auf den Einfluss des Starwerts des Autors, die Aktualität des Inhaltes, die Editionsform und Cross-Selling (Komplementärgüter) sowie den Einfluss der Werbung für Kunden, Rezensionen durch Kritiker bzw. Kunden und Bestsellerlisten konzentriert. Somit liegt der Schwerpunkt der bisherigen Forschung auf Variablen der Produkt- und Kommunikationspolitik. Der Verkaufspreis als Kerndeterminante der Preispolitik findet ebenfalls Berücksichtigung, während im Bereich der Distributionspolitik nur der Einfluss von Verlagsgröße und Verlagsimage genauer untersucht wurde.
Schlagwörter: Buchmarktforschung, Erfolgsfaktorenforschung, Innovationsforschung, Marketing-Mix