Abstracts für M&K 3/2006

Wolfgang Seufert: Programmaufwand, Qualität und Wirtschaftlichkeit öffentlich-rechtlicher Rundfunkangebote

Betriebswirtschaftliche Kennziffern bzw. Indikatoren dienen sowohl der internen Steuerung von Produktionsprozessen als auch der externen Kontrolle der Zielerreichung durch die Aufsichtsgremien von Unternehmen. Der Beitrag befasst sich mit zwei Aspekten der externen Kontrolle der Wirtschaftlichkeit öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten: mit der Frage, ob der von der KEF verwendete Indikator "Minutenkosten" für solche Wirtschaftlichkeitsvergleiche generell geeignet ist, und mit der Frage, inwieweit das Kostenniveau privater Anbieter auch als Zielwert (Benchmark) für öffentlich-rechtliche Angebote herangezogen werden kann. Auf Basis theoretischer Überlegungen zum Zusammenhang zwischen Programmaufwand, Qualität und Zuschauer- bzw. Hörernachfrage wird deutlich, dass Tausenderkontaktkosten (TKK) als Wirtschaftlichkeitsindikator für Rundfunkveranstalter generell besser geeignet sind als Minutenkosten, wobei zu berücksichtigen ist, dass sich das TKK-Niveau für unterschiedliche Programmgenres systematisch unterscheidet. Unterschiedliche Programmstrukturen bzw. spezielle Vorgaben für die öffentlich-rechtlichen Angebote (z. B. für Informations- oder Wortanteile) schlagen deshalb auf deren TKK-Niveau durch. In einem empirischen Teil werden für die deutschen TV-Vollprogramme und landesweiten Hörfunkprogramme die vermuteten Zusammenhänge zwischen Kostenniveau und Rezipientennachfrage bzw. zwischen Produktionsaufwand und Programmstruktur bestätigt. Private TKK-Niveaus eignen sich als Benchmark nur eingeschränkt, da hierbei auch die Effekte von Marktanteilszielen als einer weiteren Qualitätsdimension öffentlich-rechtlicher Angebote zu berücksichtigen sind.

Schlagwörter: Medienqualität, Produktionsaufwand, Rundfunkfinanzierung, Rundfunkregulierung, Tausenderkontaktkosten, Wirtschaftlichkeit

Jens Wolling / Christoph Kuhlmann: Zerstreute Aufmerksamkeit. Empirischer Test eines Erklärungsmodells für die Nebenbeinutzung des Fernsehens

Fernsehnutzung ist vielfach nur noch Nebenbeinutzung: Menschen essen, telefonieren, unterhalten sich mit anderen oder erledigen Hausarbeit, während gleichzeitig der Fernseher läuft. Der Beitrag forscht nach den Ursachen dieses Handelns, wobei die Autoren ein komplexes Erklärungsmodell entwickeln, in das Sozialisationsfaktoren, externe und interne Handlungsrestriktionen, die Bindung an das Fernsehen, Stimmungslagen, Qualitätswahrnehmungen sowie Motive und Leistungswahrnehmungen aus dem Uses and Gratifications-Ansatz eingehen. Durch multiple Regressionen wird nicht nur der Umfang der Nebenbeinutzung erklärt, sondern auch deren Modi, Inhalte und Situationen. Den stärksten Einfluss auf die Nebenbeinutzung haben drei Faktoren: Zum einen die positive Beurteilung spezifischer Leistungen des Nebenbeisehens - die insbesondere atmosphärischer Natur sind -, zum anderen die Fähigkeit, mit den kognitiven Anforderungen durch die Paralleltätigkeit umzugehen, sowie drittens die Beurteilung der Qualität des Fernsehens. Die Varianz der übrigen erklärungskräftigen Variablen verdeutlicht die Vielfalt des Phänomens Nebenbeinutzung: Je nachdem, ob der Fokus der Analyse auf der Fernsehnutzung bei bestimmten Tätigkeiten oder auf der Nebenbeinutzung von spezifischen Angeboten liegt, erweisen sich unterschiedliche Gründe als bedeutsam.

Schlagwörter: Aufmerksamkeit, Nebenbeinutzung, Nebenbeifernsehen, Fernsehnutzung, Mediennutzung, Aufmerksamkeit

Kathrin Junghanns / Thomas Hanitzsch: Deutsche Auslandskorrespondenten im Profil

Die vorliegende Studie unternimmt den Versuch einer ersten explorativen und deskriptiven Berufsfeldanalyse, basierend auf Online-Interviews mit insgesamt 176 Auslandskorrespondenten, die für deutsche Medien berichten. Die Ergebnisse belegen, dass Auslandskorrespondenten im Durchschnitt älter und erfahrener sind als ihre Kollegen in den Heimatredaktionen. Stärker als andere Bereiche des Journalismus wird diese Domäne von Männern dominiert. Darüber hinaus neigen Auslandskorrespondenten verstärkt zu einem Rollenverständnis, das sowohl auf eine Kontextualisierung und Einordnung des Auslandsgeschehens als auch auf die kulturelle Verständigung mit der Berichtsregion setzt. Aufgrund der komplexen Anforderungen der Tätigkeit ist die Auslandskorrespondenz kein Feld für Berufseinsteiger.

Schlagwörter: Berufsfeld, Auslandskorrespondenten, Selbstverständnis

Jutta Milde / Georg Ruhrmann: Molekulare Medizin in deutschen TV-Wissenschaftsmagazinen. Ergebnisse von Journalisteninterviews und Inhaltsanalysen

Die Molekulare Medizin kann als ein Beispiel für wissenschaftlich-technischen Fortschritt dienen, der in seinen gesellschaftlichen Konsequenzen stark umstritten ist. Wie bei nahezu allen wissenschaftlich-technischen Themen fehlt der Mehrheit der Bevölkerung das notwendige Fachwissen für eine unmittelbare Beobachtung aktueller Entwicklungen. Das öffentliche Bild der Molekularen Medizin wird deshalb von den Massenmedien geprägt, insbesondere durch das Fernsehen. Daher sind Erkenntnisse über die Art und Weise der TV-Berichterstattung zum Thema Molekulare Medizin auch für die generelle Frage nach der Rolle des Wissenschaftsjournalismus in modernen Gesellschaften relevant. Empirische Basis der hier vorgestellten Studie sind zum einen Leitfadengespräche mit TV-Wissenschaftsjournalisten, in denen diese nach Rollenverständnis, Selektionskriterien und Darstellungsprinzipien befragt wurden. Zum anderen wurden 203 Magazinbeiträge zum Thema Molekulare Medizin über den Zeitraum von 1995 bis 2004 inhaltsanalytisch ausgewertet und typisiert. Die Ergebnisse zeigen, dass die untersuchten Wissenschaftsmagazine zwar eine stark personalisierte, jedoch vorrangig informationsvermittelnde Wissenschaftsberichterstattung präsentieren. Kritische Aussagen oder kontroverse Darstellungen werden weitgehend vernachlässigt. Es ist mehr von Nutzen denn von Risiken die Rede. Abschließend wird ein kurzer Forschungsausblick mit relevanten Fragestellungen gegeben.

Schlagwörter: Wissenschaftsberichterstattung, Wissenschaftsjournalismus, Wissenschaftsmagazine, Fernsehberichterstattung, Selbstverständnis, Molekulare Medizin

Jörg Hagenah: Möglichkeiten der Nutzung von Media-Analyse Radiodaten für Sekundäranalysen von 1972 bis heute

Seit vielen Jahren stehen die Daten der Media-Analyse für wissenschaftliche Sekundäranalysen bereit. Bis 2002 wurden sie allerdings nur selten von Kommunikationswissenschaftlern genutzt. Dies hat sich mit der technischen Aufbereitung der Daten in das SPSS-Format ein wenig geändert, doch lässt sich bis dato nicht von einer problemlosen Datennutzung sprechen. Insbesondere eine wünschenswerte longitudinale Nutzung ist aufgrund der Unübersichtlichkeit der Datenmengen kaum von einzelnen Wissenschaftlern innerhalb des Arbeitsalltags zu realisieren. Daher wurde eine Dokumentenanalyse der Fragebögen und Codepläne für den Kernbereich der senderspezifischen Radionutzung durchgeführt, so dass nun das 1987 eingeführte aktuelle Abfragemodell dem davor liegenden gegenübergestellt werden kann: Problemlos lassen sich die Abfrageblöcke zu General- und Zeitfilter längsschnittlich nutzen; methodisch problematisch zeigt sich jedoch die longitudinale Nutzbarkeit von Frequenzabfrage und Tagesablauf auf der einen sowie der abgeleiteten Nutzungswahrscheinlichkeiten, Kontaktsummen und Varianzen auf der anderen Seite.

Schlagwörter: Hörfunk, Sekundäranalyse, Longitudinalforschung, Mediennutzung, Methoden