Abstracts für M&K 2/2006
Kurt Imhof: Mediengesellschaft und Medialisierung
In den Auseinandersetzungen um Gesellschaftsbegriffe in der Sozialtheorie sowie in der Medialisierungsforschung kristallisieren sich im Wechselspiel von theoretischen Entwicklungen und empirischen Einsichten Kerne einer kommunikationswissenschaftlichen Theoriebildung heraus, die die gegenstandsbezogene Orientierung der Kommunikationswissenschaft an den Massenmedien öffnet. Dabei spielen der Mediengesellschafts- wie der Medialisierungsbegriff und die Auseinandersetzung mit der Öffentlichkeit eine wichtige Rolle, während die sozialtheoretische Debatte über Gesellschaftsbegriffe diesen Erkenntnisanspruch begründen und orientieren kann. Es zeigt sich, dass den Erkenntnismitteln der Kommunikationswissenschaft wichtige Aufgaben in der sozialwissenschaftlichen Analyse der Gesellschaft zuwachsen. Dieser Beitrag zeichnet diesen Kristallisationsprozess nach und erarbeitet einen Vorschlag für die Fassung des Mediengesellschafts- wie des Medialisierungsbegriffs.
Schlagwörter: Mediengesellschaft, Medialisierung, Öffentlichkeit, Differenzierung
Martin Emmer / Angelika Füting / Gerhard Vowe: Wer kommuniziert wie über politische Themen? Eine empirisch basierte Typologie individueller politischer Kommunikation
Der Aufsatz enthält eine empirisch basierte Typologie der individuellen politischen Kommunikation in Deutschland. Dafür wurden mittels einer Clusteranalyse Personen aufgrund bestimmter Merkmale so gruppiert, dass sich die Angehörigen einer Gruppe untereinander in ihrer politischen Kommunikation möglichst stark ähneln und von den Angehörigen anderer Gruppen möglichst stark unterscheiden. Die Basis bildet ein deutschlandweit repräsentativer Datensatz von 2003, der detailliert die politische Kommunikation der Bevölkerung beschreibt - von der Nutzung politischer Medienangebote (z. B. Schauen von TV-Nachrichten) über die interpersonale Kommunikation zu politischen Themen bis zu partizipativer politischer Kommunikation (z. B. Teilnahme an Unterschriftensammlungen). Es konnten fünf Typen ermittelt werden: der "passive Mainstreamer" (größte Gruppe mit 43% der Bevölkerung), der "eigennützige Interessenvertreter", der "bequeme Moderne", der "traditionelle Engagierte" und der "organisierte Extrovertierte" (kleinste Gruppe mit 9 %). Die Etiketten machen das jeweilige Kommunikationsprofil der Typen deutlich. Diese Typologie kann über die deskriptive Funktion hinaus dazu dienen, kommunikationstheoretisch und -politisch relevante Phänomene wie "Wissenskluft", "Digital Divide" oder "Politikverdrossenheit" weiter aufzuklären.
Schlagwörter: Typologie, Politische Kommunikation, Gesellschaftsstruktur, Sekundäranalyse, Internet, Partizipation, Interpersonale Kommunikation, Mediennutzung, Clusteranalyse
Nikolaus Jackob: Macht und Verantwortung der Kommunikation bei Cicero. Ein historischer Beitrag zum Ethikdiskurs in der Kommunikationswissenschaft
Der römische Politiker und Philosoph Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.) hat vor allem aufgrund seiner Leistungen als Redner und als Rhetoriktheoretiker seine Berühmtheit erlangt. In diesem Beitrag stehen Ciceros Gedanken über die Macht und die Verantwortung der Kommunikation im Mittelpunkt. Nach einer kurzen Einführung in die Ursprünge der antiken Kommunikationsethik und die Rahmenbedingungen der gesellschaftlichen Kommunikation in der Römischen Republik werden Ciceros kommunikationsethische Gedanken dargelegt. Es wird gezeigt, welche ethischen Forderungen Cicero formulierte, um Missbräuchen kommunikativer Macht entgegenwirken zu können. Basierend auf seinen rhetoriktheoretischen Schriften wird zunächst herausgearbeitet, welche Bedeutung Cicero der Kommunikation in der (antiken) Gesellschaft beimisst und welche Macht er ihr attestiert sowie welche kommunikationsethischen Konsequenzen sich aus der Rolle von Redner und Rhetorik in der zeitgenössischen Gesellschaft ergeben. Anschließend werden Ciceros kommunikationsethischen Gedanken vor dem Hintergrund des heutigen kommunikationsethischen Diskurses in der Medien- und Kommunikationswissenschaft reflektiert, und es wird herausgearbeitet, welchen Beitrag Cicero für diesen Diskurs leisten könnte.
Schlagwörter: Cicero, Medienethik, Kommunikationsethik,
Mediengeschichte, Kommunikationsgeschichte, Rhetorik
Henk Erik Meier: Die Regulierungskrise des öffentlich-rechtlichen Rundfunks
Die Regulierung desöffentlich-rechtlichen Rundfunks befindet sich in einer Krise. Fragen nach den Ursachen, dem Verlauf und den Ergebnissen dieser Krise der Regulierungsregimes stehen im Mittelpunkt dieses Beitrags. Während die Rundfunkanstalten die Regulierungskrise auf standortpolitische Interessen einzelner Länder und die neoliberale Ideologie der Europäischen Kommission zurückführen, argumentiert der folgende Beitrag anhand von Überlegungen aus der politikwissenschaftlichen Forschung zur Dynamik von Regulierungsregimen (historischer Institutionalismus, Principal-Agent Ansatz) und interpretiert die Krise als Ergebnis einer Kumulation institutioneller Defizite des Regulierungsregimes. Diese Defizite hatten einen schleichenden politischen Legitimitätsverlust zur Folge, der auf Grund des Zusammentreffens verschiedener Faktoren zur Eskalation der Auseinandersetzungen führte. Eine grundlegende institutionelle Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist allerdings auf Grund der hohen Veränderungshürden ausgeblieben. Allerdings laufen die gegenwärtigen Vorschläge zur Reform des Gebührenfestsetzungsverfahrens auf eine Suspendierung des bislang dominierenden Regulierungsprinzips der Programmautonomie hinaus.
Schlagwörter: Regulierung, Medienrecht, Medienpolitik, öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Gebühren, Gebührenfestsetzung, Programmauftrag, Programmautonomie, historischer Institutionalismus, Principal-Agent-Ansatz
Maren Hartmann: Der Kulturkritiker als Flaneur. Walter Benjamin, die Passage und die neuen (Medien-) Technologien
Dieser Artikel bezieht sich auf einen allseits bekannten und dennoch schwer einzuordnenden Theoretiker und charakterisiert diesen als Klassiker der Medien- und Kommunikationswissenschaft: Walter Benjamin. Ausgangspunkt der Ausführungen ist, dass die Rezeption Benjamins in der Medien- und Kommunikationswissenschaft vor allem durch die Referenz auf nur einen seiner Texte - den Aufsatz "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" - geprägt ist. So beginnt auch dieser Beitrag zunächst mit diesem Aufsatz, mit der Frage nach seiner Aktualität und zur Einordnung des Textes in das Gesamtwerk Benjamins. Dem schließt sich die Öffnung eines anderen Teils seines Werkes, des Passagenwerkes, für die Medien- und Kommunikationswissenschaft an. Dieses Werk, so die These des Beitrags, birgt strukturell und inhaltlich hochaktuelle Anknüpfungspunkte, die hier aufgezeigt werden sollen und somit das kommunikationswissenschaftliche Spektrum der Benjamin-Betrachtungen um das Passagenwerk erweitern.
Schlagwörter: Medientheorie, Benjamin, Passagenwerk