Abstracts für M&K 2-3/2005

Themenheft "Medialisierte Kriege und Kriegsberichterstattung"

Christiane Eilders/Lutz M. Hagen: Kriegsberichterstattung als Thema kommunikationswissenschaftlicher Forschung. Ein Überblick zum Forschungsstand und den Beiträgen in diesem Themenheft

Für die Medien ist Krieg schon seit jeher ein wichtiges Thema, weil er reich an Nachrichtenfaktoren ist. Umgekehrt werden die Medien für den Krieg immer bedeutsamer, weil sie zunehmend nützlichere Instrumente für jene darstellen, die in der Situation von Kriegen handeln. Der Krieg wird also medialisiert, was ihm erhöhte Aufmerksamkeit aus der Kommunikationswissenschaft einträgt. Aktuelle Arbeiten aus der deutschen Kommunikationswissenschaft präsentiert dieses Themenheft. Sie befassen sich mit den veränderten Voraussetzungen der Kriegsberichterstattung oder untersuchen Muster und Wirkungen der Kriegsberichterstattung aus deutschen Medien. Im diesem Einleitungsartikel werden die Beiträge im Überblick dargestellt und in der einschlägigen Forschung verortet.

Andrea Szukala: Informationsoperationen und die Fusion militärischer und medialer Instrumente in den USA. Der Versuch einer militärischen Antwort auf die neuen Bedrohungen

Im vorliegenden Beitrag wird ein Perspektivenwechsel in Bezug auf das Verhältnis von Militär und Medien vorgeschlagen: Einschlägige Studien im Bereich der Newsmanagementforschung setzen den Schwerpunkt auf die Steuerung der Medienberichterstattung durch die Exekutive. Prämisse dieser Überlegungen ist der Wandel der internationalen Politik: Globalisierung und Beschleunigung der Informationsströme, Multiplizierung der Akteure und Erhöhung der Legitimationsanforderungen an Außenpolitik im eigenen Land führen zu einer erhöhten Notwendigkeit eines Newsmanagements, wenn die Handlungsfähigkeit von Regierungen im internationalen Umfeld aufrechterhalten werden soll. Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich für das Militär ab: Mit der Neudefinition des Informationsraumes der internationalen Sicherheit erweitert sich das Spektrum der Instrumente und dehnt sich auf den militärischen Einsatz von Informationen aus. Am Beispiel der neueren Entwicklungen amerikanischer Informationsdoktrinen und deren Umsetzung während des Irakkrieges sollen erste Schlussfolgerungen für die Neubestimmung des Verhältnisses von Medien und Militär gezogen werden.

Oliver Hahn: Arabisches Satelliten-Nachrichtenfernsehen. Entwicklungsgeschichte, Strukturen und Folgen für die Konfliktberichterstattung aus dem Nahen und Mittleren Osten

Dieser Beitrag liefert einen Überblick über die Entwicklungsgeschichte und Strukturen der arabischen Satelliten-Nachrichtenfernsehsender Al-Jazeera, Abu Dhabi TV und Al-Arabiya sowie des arabischsprachigen US-Auslandsfernsehens Al-Hurra und fragt nach ihren Folgen für die Konfliktberichterstattung aus dem Nahen und Mittleren Osten. Da Arbeiten zur Theoriebildung und empirische Erhebungen auf diesem noch weitgehend unerforschten Feld bislang kaum vorliegen, arbeitet der Beitrag zunächst den Forschungsstand auf. Mittels Literatur- und Dokumentenanalyse sowie Hintergrundgesprächen mit Senderverantwortlichen werden die TV-Stationen dann in die traditionellen arabischen Mediensysteme eingeordnet, wobei besonders auf die Entwicklung Al-Jazeeras eingegangen wird. Mit einer systematischen Objekttypologie wird so eine Grundlage für Anschlussforschung geschaffen. Während Al-Jazeera, Abu Dhabi TV und Al-Arabiya zweifelsohne den Medienorient revolutionierten, wird die Qualität ihres Einflusses auf die internationale Kommunikation nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hinterfragt. Viele Medien im Westen betrachten die junge Generation arabischen Nachrichtenfernsehens als glaubwürdige Quelle, nutzen sie überwiegend aber nur als Bilderlieferant. Der Beitrag diskutiert zudem das Innovationspotenzial des arabischen Satelliten-Nachrichtenfernsehens im Transformations- und Demokratisierungsprozess auf dem Weg zu einer modernisierten und professionalisierten arabischen Medienwelt.

Adrian Pohr: Indexing im Einsatz. Eine Inhaltsanalyse der Kommentare überregionaler Tageszeitungen in Deutschland zum Afghanistankrieg 2001

Der Beitrag untersucht die Haltung der Medien zum Afghanistankrieg 2001. Grundlage dieser Untersuchung bildet die Indexing-These von Bennett. Demnach passen die Massenmedien ihre publizierten Positionen an die Meinungsverteilung im Parlament an. Aufgrund der konsensuellen Haltung der deutschen Parteien wurde eine unkritische Kommentierung des Krieges erwartet. Durch länderspezifische systemstrukturelle Unterschiede muss die von der US-amerikanischen Forschung geprägte These an die Eigenheiten des deutschen Systems angepasst werden. Eine Inhaltsanalyse der Kommentare der deutschen überregionalen Abonnementzeitungen zum Afghanistankrieg zeigt ein Übergewicht von kriegsunterstützenden gegenüber kriegskritischen Aussagen, das insbesondere im rechten Zeitungsspektrum stark ausgeprägt war. Kritik am Afghanistaneinsatz war kaum in der Debatte über die Richtigkeit des Krieges bzw. dessen Legitimationen vorzufinden, sondern hauptsächlich im Diskurs über die Strategie und Performanz der Anti-Terror-Koalition.

Helmut Scherer, Romy Fröhlich, Bertram Scheufele, Simone Dammert, Natascha Thomas: Bundeswehr, Bündnispolitik und Auslandseinsätze. Die Berichterstattung deutscher Qualitätszeitungen zur Sicherheits- und Verteidigungspolitik 1989 bis 2000

Nach dem Ende des kalten Krieges musste das wiedervereinigte Deutschland in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts seine verteidigungspolitischen Optionen und Zielsetzungen neu definieren. Der vorliegende Beitrag verfolgt das Ziel, die mediale Berichterstattung zu diesem Themengebiet von 1989 bis 2000 am Beispiel von FAZ und Süddeutscher Zeitung inhaltsanalytisch zu untersuchen. Dabei werden Berichterstattungsmuster (Frames) identifiziert und deren zeitlich sich wechselseitig bedingende Abfolge analysiert und interpretiert. Es lassen sich vier Frames identifizieren, die in interessanten zeitlichen Zusammenhängen stehen. "Deutsches verteidigungspolitisches Handeln" folgt kurzfristig auf "Deutsche verteidigungspolitische Debatten". Diese werden wiederum - allerdings mit einer erheblichen zeitlichen Verzögerung - von "Bundeswehreinsätzen" ausgelöst. Die "Bündnispolitik" erscheint als dauerhafte Grundierung der Berichterstattung, die zeitlich parallel zu jedem anderen Frame akzentuiert wird.

Wolfgang Donsbach / Olaf Jandura / Diana Müller: Kriegsberichterstatter oder willfährige Propagandisten? Wie deutsche und amerikanische Printmedien die "Embedded Journalists" im Irak-Krieg sahen

Während des letzten Irak-Krieges haben Journalisten eine neue Möglichkeit erhalten, über den Krieg zu berichten. Als so genannte "Embedded Journalists" (EJ) konnten sie die amerikanischen Truppen begleiten. Innerhalb und außerhalb des Journalismus diskutierte man, ob das Konzept des "Embedded Journalism" überhaupt mit der journalistischen Rolle und Funktion vereinbar sei. In der vorliegenden Studie untersuchten wir mit einer vergleichenden quantitativen Inhaltsanalyse, wie in deutschen und amerikanischen Nachrichtenmedien die Tätigkeit der EJ vor dem Hintergrund des Aufgabenverständnisses der Journalisten dargestellt und bewertet wurde. Die Arbeit der Embedded Journalists wurde dabei zum einen in den deutschen Medien viel stärker problematisiert und zum anderen negativer bewertet. EJ wurden hier stärker als Gefahr denn als Chance für eine unabhängige Berichterstattung dargestellt (59 % Dtl. vs. 35 % US-Medien), ihnen schrieb man überwiegend die Rolle des Propagandisten für das US-Militär zu (55 % Dtl. vs. 29 % US-Medien) und die journalistische Legitimität der Embedded Journalists sah man in deutschen Medien eher als nicht vereinbar mit dem journalistischen Rollenverständnis an (18 % Dtl. vs. 2 % US-Medien). Die Ergebnisse der vergleichenden Inhaltsanalyse interpretieren wir vor dem Hintergrund des Aufgabenverständnisses und der unterschiedlichen ideologischen Grundpositionen der Journalisten.

Frank Esser / Christine Schwabe / Jürgen Wilke: Metaberichterstattung im Krieg. Wie Tageszeitungen die Rolle der Nachrichtenmedien und der Militär-PR in den Irakkonflikten 1991 und 2003 framen

Metaberichterstattung wird als schlüssige Reaktion eines professionellen Journalismus auf die veränderten Berichterstattungsbedingungen in modernen Kriegen verstanden. Sie wird als Berichterstattung über medialisierte Ereignisse definiert, bei der die Rolle des Nachrichtenjournalismus (inklusive der Medienakteure, Medienpraktiken, Mediennormen, Medienprodukte, Medienorganisationen) oder der PR/Publicity (inklusive der Akteure, Praktiken, Strategien, Produkte und Organisationen der politisch-militärischen Informationspolitik) innerhalb politischer Prozesse und Konflikte (media politics, media wars) mittels verschiedener Frames thematisiert werden. Diese Medien- und PR-Frames werden als ‚Vermittlung', ‚Strategie', ‚Verantwortlichkeit' und ‚ Personalisierung' bezeichnet. Eine Inhaltsanalyse der Irakkriegsberichterstattung von FAZ, SZ, FR, Welt und taz zeigt, dass - parallel mit der zunehmenden Medialisierung der Kriege - die Metaberichterstattung zwischen 1991 und 2003 deutlich angestiegen ist und sich die Medien zunehmend in aktiven, und weniger in passiven, Rollen in das Geschehen hineinschreiben. Konsequenzen für die Journalismus- und politische Kommunikationsforschung werden aufgezeigt.

Christiane Eilders: "Amis brauchen Umerziehung". Erkenntnisse und Argumentationsmuster der deutschen Medienkritik im dritten Golfkrieg

Ausgangspunkt des Beitrags ist die Frage, ob das öffentliche Reden über Medien im dritten Golfkrieg geeignet war, zur Sicherung der professionellen Standards der Berichterstattung und zu einer Auseinandersetzung der Gesellschaft mit ihren Medien beizutragen. Hierzu werden inhaltsanalytische Befunde zur Medienkritik durch deutsche Printmedien im dritten Golfkrieg präsentiert. Untersucht wurde die medienbezogene Kriegsberichterstattung der überregionalen Tagespresse und zweier Wochentitel über einen Zeitraum von 13 Wochen. Es zeigte sich eine umfangreiche, aber stark auf die konkreten Medieninhalte konzentrierte Kritik mit überwiegend negativen Urteilen, die v. a. von der überregionalen Abonnementpresse getragen wurde. Die Medienkritik fokussierte auf die Berichterstattung des Fernsehens und der US-Medien, und hier auf die Parteilichkeit, die vermittelte Ungewissheit und den Fokus auf Abenteuer- und Technikaspekte sowie auf die Aufbereitung der Inhalte. Die allgemeinere Rolle von Medien im Krieg wurde kaum problematisiert. Die Argumentationsmuster erwiesen sich zudem als wenig anregend für die Selbstverständigung der Mediengesellschaft, da die Medienkritik kaum über einschlägige Mechanismen und Strukturen aufklärte.

Bertram Scheufele: Mediale Legitimierung von Kriegen durch Rollen-Zuschreibung. Eine explorative Studie zur Berichterstattung deutscher Nachrichtenmagazine über den Kosovo-Krieg

Der Beitrag erörtert am Beispiel des Kosovo-Kriegs, wie Medien Kriege und politisches Handeln in Kriegszeiten legitimieren. Der Begründungs- und Zustimmungsaspekt politischer Legitimität werden nicht für Themen oder Argumente in der Berichterstattung diskutiert. Stattdessen geht es um Rollen-Zuschreibungen an Akteure. Die theoretischen Überlegungen münden in einer empirischen Studie zu Rollen-Zuschreibungen in der Berichterstattung der Nachrichtenmagazine ‚Der Spiegel' und ‚Focus' über den Kosovo-Krieg 1999. Damit ließ sich klären, inwiefern die Magazine über Rollen-Zuschreibung die Begründung für den NATO- und Bundeswehr-Einsatz stützten und ob sie eher Zustimmung oder Ablehnung dafür vermittelten.

Evelyn Bytzek: Kosovokrieg, Kriegsberichterstattung und die Popularität der deutschen Regierungsparteien und -politiker

Die häufige Beobachtung, dass internationale Krisen und allen voran Kriege die Popularität von Regierungen steigern können, führte zu einer regen Forschungstätigkeit zu diesem Phänomen, das unter dem Namen "Rally" (von "Rally round the flag", dem Scharen um die Flagge) bekannt ist. Am Beispiel des Kosovokriegs 1999 wird auf die Frage nach den Wirkungen von Kriegen auf die Popularität der deutschen Regierung eingegangen, insbesondere auf das mögliche Auftreten einer "Rally". Hierbei wird davon ausgegangen, dass eine Rally, also eine für die Regierung positive Medienberichterstattung, dadurch entsteht, dass die Regierung bei Rally-Ereignissen ein Informationsmonopol hat. Mit Hilfe einer thematischen Inhaltsanalyse der Tageszeitungen FAZ und SZ werden Hypothesen über die Wirkung des Kosovokriegs zu verschiedenen Zeitpunkten und für verschiedene Teile der Wählerschaft formuliert. Anhand einer Faktorenanalyse auf Basis von aus Umfragen gewonnenen Skalometerwerten zu deutschen Parteien und Politikern lässt sich nachweisen, dass die Popularität der Regierungsakteure im ersten Kriegsmonat, dem April 1999, aufgrund des Vorherrschens von für die Regierung positiven Themen in den Medien anstieg, danach jedoch durch das Aufkommen von für die Regierung negativ besetzten Themen sank und nach dem Krieg im Juni 1999 für die meisten Regierungsakteure auf das Vorkriegsniveau zurückkehrte, so dass man nur für den ersten Kriegsmonat von einer Rally sprechen kann.