Abstracts für M&K 1/2006
Oliver Quiring / Wolfgang Schweiger: Interaktivität - ten years after. Bestandsaufnahme und Analyserahmen
‚Interaktivität' und ‚interaktive' Medien waren in den ausgehenden 1980er und vor allem den 1990er Jahren - als die Multimedia-Euphorie sowohl Politik und Wirtschaft als auch die Wissenschaft in Bann hielt - in aller Munde. Doch schon zu Beginn der wissenschaftlichen Debatte zeigte sich, dass die uneinheitliche Verwendung des Begriffes die Vergleichbarkeit der zahlreichen empirischen Studien zur Thematik erschwerte, wenn nicht gar unmöglich machte. Umso erstaunlicher ist, dass im deutschsprachigen Raum bis heute der Versuch einer umfassenden wissenschaftlichen Begriffsklärung aussteht. Hier setzt der Beitrag an. Er widmet sich im ersten Teil den begrifflichen Ursprüngen von ‚Interaktivität' und grenzt ‚Interaktivität' von weiteren verwandten Begriffen ab. Im zweiten Teil strukturiert und erweitert er die bisher vorliegenden Befunde anhand eines neuen Analyserahmen, der drei Ebenen interaktiver Kommunikation umfasst (Aktionsebene, Ebene der Situationsevaluation und Ebene des Bedeutungsaustausches) und die jeweils spezifischen Merkmale interaktiver Kommunikation in einen systematischen Zusammenhang stellt.
Schlagwörter: Interaktivität, Interaktion, Computervermittelte Kommunikation, Kommunikationstheorie, Selektivität, Mediennutzung
Holger Schramm / Werner Wirth: Medien und Emotionen. Bestandsaufnahme eines vernachlässigten Forschungsfeldes aus medienpsychologischer Perspektive
Emotionen in den Medien sind allgegenwärtig und tragen zum Erleben eines Medienangebots in hohem Maße bei. Die Kommunikationswissenschaft beschäftigt sich folgerichtig seit ihren Anfängen mit dieser Thematik, wenn auch nicht sehr intensiv. Dabei hat sie Theorien und Befunde aus Nachbardisziplinen, insbesondere der Emotionspsychologie, nur teilweise aufgegriffen. Ziel dieses Beitrags ist es, relevante Theorien und zentrale Befunde in der Breite des Themenfeldes zu dokumentieren sowie Perspektiven für zukünftige Forschung aufzuzeigen. Dazu werden emotionspsychologische Grundlagen sowie Fragen der Messung von Emotionen vorangestellt. Es folgen Ansätze und Befunde zu Emotionen bei der Mediennutzung aus Perspektive verschiedener, relevanter Konzepte wie der Stimmungs- und Emotionsregulation, des emotionalen Involvements, der emotionalen Erregung, der Empathie, der Spannung, der Furcht und Angst sowie der Unterhaltung. Anschließend werden Ansätze und Befunde spezifischer emotionsevozierender Medien(-genres) dargestellt. Da Emotionen nicht nur als unmittelbares Rezeptions- und Wirkungsphänomen, sondern auch in ihrer Funktion als mittelbare Einflussfaktoren auf andere Medienwirkungen ihre Bedeutung zeigen, werden zentrale Forschungsfelder auch in diesem Bereich thematisiert, so beispielsweise die Wirkung von Emotionen auf die Erinnerung bzw. den Wissenserwerb durch Medien sowie die Wirkung von Emotionen auf das Persuasionspotenzial von Medien.
Schlagwörter: Medienemotion, Medienpsychologie, Emotion, Gefühl, Affekt, Stimmung, emotionale Wirkungen, Mood Management, Erregung, Angst, Persuasion, Affektfernsehen, Spannung, Involvement, Unterhaltung
Veronika Karnowski / Thilo v. Pape / Werner Wirth: Zur Diffusion Neuer Medien: Kritische Bestandsaufnahme aktueller Ansätze und Überlegungen zu einer integrativen Diffusions- und Aneignungstheorie Neuer Medien
Aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive gibt es gute Gründe, den Prozess der Aneignung und sozialen Institutionalisierung der Mobilkommunikation zu erforschen. Als klassisches Forschungsgebiet bietet sich dabei die Diffusionsforschung an. Diese hat aber - so die Behauptung - mit theorieimmanenten Problemen bei der Beschreibung des fraglichen Prozesses zu kämpfen. Verschiedene Autoren haben bereits die Diffusionsforschung im Zusammenhang mit neuen Medien kritisiert und dabei jeweils ergänzende bzw. alternative Ansätze zur Beantwortung ihrer Forschungsfragen herangezogen. Im Beitrag wird ein disziplinübergreifender Blick auf diese Ansätze mit ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen geboten. Die sich dadurch ergebenden Anregungen werden abschließend zu einem Anforderungsprofil für eine integrative Theorie zur Erforschung von sozialen Institutionalisierungsprozessen im Bereich der Mobilkommunikation verdichtet.
Schlagwörter: Diffusion, Aneigenung, Uses- and-Gratifications, Rahmenanalyse, Domestication, Innovation, Mobilkommunikation
Ulrich
Riehm / Bettina-Johanna Krings: Abschied vom "Internet für
alle"? Der "blinde Fleck" in der Diskussion zur digitalen
Spaltung
- Artikel mit korrigierten Abb. 2+3 zum Download (pdf-file, 131 kb)
Die seit Mitte der 1990er Jahre beschworene Vision, dass das Internet in nur wenigen Jahren von allen Bevölkerungsschichten genutzt würde, kann heute als gescheitert gelten. Empirische Erhebungen zeigen, dass man sich auf absehbare Zeit auf einen relativ stabilen Sockel an Nichtnutzern des Internets einstellen muss. Der folgende Beitrag vertritt die Auffassung, dass diese Beobachtung sowohl Konsequenzen für die Forschung zur "digitalen Spaltung" als auch für die allgemeine Forderung nach einem "Internet für alle" hat. Zu den "Offlinern" zählen nicht nur sozial und kulturell benachteiligte Gruppen, sondern auch Teile der Bevölkerung, die technische und nichttechnische Alternativen zum Internet bevorzugen. Der Beitrag breitet entsprechendes empirisches Material aus und schlägt eine Typologie der "Offliner" vor. Im Rahmen der bisherigen Forschung zur digitalen Spaltung wird die Nichtnutzung in erster Linie unter dem Aspekt ihrer Überwindung und nicht (auch) als Ausdruck einer alternativen Mediennutzungsstrategie analysiert. Diese fehlende Anerkennung der Nichtnutzung nennen wir den "blinden Fleck" in dieser Diskussion, den wir im Rahmen des Beitrags offen legen und die Konsequenzen aus diesem Tatbestand diskutieren.
Schlagwörter: Digital Divide, digitale Spaltung, Offliner, Onliner, Internetnutzung, Nutzungsmotive
Wolfgang Hoffmann-Riem: Rundfunk als Public Service. Zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft öffentlich-rechtlichen Rundfunks
Im Gewande eines Festvortrags werden nach einem Rückblick auf Kontroversen in der Anfangszeit öffentlich-rechtlichen Rundfunks Fragen des Erhalts der Public Service-Idee auch angesichts der kommerziellen Konkurrenz und des allgemeinen Trends zur Kommerzialisierung in der Medienproduktion und im Medienvertrieb angesprochen. Der Beitrag setzt sich für eine Ermächtigung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für Online-Rundfunk ein. Behandelt werden ferner die Selektivität und Lenkung durch Suchmaschinen, die beobachtbare Aufgabe des Prinzips der Trennung der Verantwortung für das Netz und die verbreiteten Inhalte sowie die durch die Digitalisierung (insbesondere die Verschlüsselung und Entschlüsselung) technisch ermöglichte Erhebung von Entgelten auch für kommerzielle Vollprogramme.
Schlagwörter: Öffentlich-rechtlicher Rundfunk,
Public Service, Norddeutscher Rundfunk, Rundfunkgeschichte, Kommerzialisierung,
Online-Angebote, Suchmaschinen, Rundfunkfinanzierung
Udo Göttlich: Leo Löwenthal: Soziale Theorie der Massenkultur und kritische Kommunikationsforschung. Löwenthals Medienanalysen und Massenkulturkritik im Kontext der amerikanischen Kommunikationsforschung der Nachkriegszeit
Mit dem vorliegenden Aufsatz werden die wesentlichen Stationen, Arbeiten und theoretischen Einlassungen des Werks von Leo Löwenthal aus der Zeit des Exils der frühen Kritischen Theorie und der Nachkriegszeit dargestellt. Dabei steht das Verhältnis zu Problemen und Grundfragen der Kommunikationswissenschaft, vor allem in Auseinandersetzung mit der Massenkultur, im Vordergrund. Die im Werk Löwenthals anzutreffende Position erlaubt zum einen, die Kulturindustrieproblematik im Rahmen einer historisch fundierten Auseinandersetzung mit der Massenkommunikation und der Massenkultur zu differenzieren, und verweist zum anderen auf die Rolle einer kritischen Kommunikationswissenschaft in Auseinandersetzung mit konkurrierenden theoretischen Traditionen und Forschungslinien. In diesem Sinne geht es um eine Aktualisierung von Fragen und Motiven einer kritischen Kommunikationswissenschaft, die im Durchgang durch Löwenthals Arbeiten diskutiert werden.
Schlagwörter: Löwenthal, Massenkulturkritik, Kulturindustriekritik, Kritische Theorie, Geschichte der Kommunikationswissenschaft, Adorno, Lazarsfeld