Zur Geschichte des Hans-Bredow-Instituts
Auszüge aus der Broschüre zum 50. Geburtstag des Hans-Bredow-Instituts
- Lebensdaten Hans Bredows
- Aufbau eines neuen Instituts ohne Vorbilder: die 50er Jahre
- Wissenschaftliche Nische in Polit-Turbulenzen: die 60er Jahre
- Fernsehnachrichten und "Beziehungskisten": die 70er Jahre
- Zeit des Umbruchs: die 80er Jahre
- Von Rundfunk und Fernsehen zu Multimedia: die 90er Jahre
Aufbau eines neuen Instituts ohne Vorbilder: die 50er Jahre
Prof.
Dr. Gerhard Maletzke
(wissenschaftlicher Referent am Hans-Bredow-Institut von 1952 bis
1964)
Im Keller fing es an - im Keller des Hauptgebäudes der Universität Hamburg. Ein kahler, weiß getünchter Raum, einfache Bücherborde, bestückt mit einigen Büchern, fast alle Leihgaben von Kurt Wagenführ, dem damals wohl besten Kenner der Geschichte des deutschen Rundfunks. Das Ganze wirkte eher wie ein armseliges Antiquariat, nicht wie ein wissenschaftliches Institut. Aus der Sicht von uns Kellerkindern konnte es nur aufwärts gehen - und so kam es dann ja auch: zuerst Rothenbaumchaussee 5 und später Heimhuder Straße 21.
Damals fragten wir nicht danach, ob es dieses in Deutschland ganz neuartige Institut in fünfzig Jahren noch geben und wie es dann aussehen würde. Es gab mehr als genug zu tun für das damalige Heute.
Von Anbeginn herrschte über allem Egmont Zechlin, Geschichtsprofessor der Hamburger Uni, der das Institut durch die Aufbaujahre steuerte, immer agil und hellwach und - wenn es sein musste - auch mit Tricks und Finten arbeitend. Jedenfalls: Was aus dem Institut wurde, verdankte es zu wesentlichen Teilen ihm.
Wenn ich mich heute frage, was das Gemeinsame und Übergreifende jener 50er Jahre war, dann fällt mir nur eines ein: Es war für uns alles neu. Heute vergisst man nur allzu leicht, dass dieses Jahrzehnt immer noch unmittelbare Nachkriegszeit war. gesellschaftlich, politisch, kulturell und auch psychologisch. Für uns, die Kriegsgeneration, gab es unendlich viel nachzuholen und Neues anzupacken. Nachzuholen waren Thomas Mann und Albert Camus, Brecht und Wittgenstein, Picasso und Kandinsky, Schönberg und Louis Armstrong und nicht zuletzt die Arbeiten der vielen emigrierten Wissenschaftler - kurz all das, was man uns bis zum Kriegsende vorenthalten hatte.
Neu in einem anderen Sinne war dann auch das, was es für uns beim Aufbau des Instituts zu tun gab, eines Instituts, für das es damals keine Vorbilder gab. Darüber ließe sich ein ganzes Buch schreiben. Hier jedoch müssen einige kurze Hinweise genügen.
Für den Bereich der Publikationen wurde der Verlag Hans-Bredow-Institut gegründet. Darin erschien sehr bald die Vierteljahresschrift "Rundfunk und Fernsehen", ferner eine wissenschaftliche Schriftenreihe, das "Internationale Handbuch für Hörfunk und Fernsehen" und - heute ganz vergessen - die "Hörwerke der Zeit", literarisch bedeutsame Hörspiele.
Im Bereich der Lehre wurde an der Hamburger Universität ein Lehrauftrag für Rundfunk und Fernsehen eingerichtet - auch das ohne Vorgänger und Vorbilder. Dass für dieses "Lehrfach" tatsächlich ein beachtlicher Bedarf bestand, bewies die überraschend große Zahl der teilnehmenden Studentinnen und Studenten.
In der Forschung waren bemerkenswert:
- die Mitarbeit beim Aufbau der NWDR-Hörerforschung;
- Studiotests mit einem "Program Analyzer" nach dem Muster dieses von Paul F. Lazarsfeld in den USA entwickelten Reaktionsmessinstruments, mit dem wir u.a. auf Wunsch der NWDR-Hörfunkleiter eine Studie durchführten zu der Frage, ob man - wie es etliche Hörer wünschten - schon wieder Marschmusik bringen sollte (nachzulesen in "Rundfunk und Fernsehen", Heft 2 /1955, Seite 178-180);
- ein empirisches Forschungsprojekt mit Intensivinterviews zum Thema "Fernsehen im Leben der Jugend", gefördert vom Bonner Familienministerium, als Buch erschienen 1959 im Verlag Hans-Bredow-Institut. Am Rande vermerkt: Das war wohl die letzte Möglichkeit in Deutschland, eine Stichprobe von jugendlichen Sehern mit einer gleichen Stichprobe von Nichtsehern zu vergleichen. Danach gab es bei uns keine Nichtseher mehr;
- Kritik und Analyse von Fernsehsendungen, auf Wunsch der Hamburger Fernsehleitung durchgeführt über mehrere Semester in Form einer Arbeitsgruppe Hamburger Studierender;
- zahllose institutionelle und persönliche Kontakte im In- und Ausland. Um nur einige wenige Institutionen zu nennen: Rundfunkanstalten in der Bundesrepublik, in Österreich (ORF), in der Schweiz (SRG), in Großbritannien (BBC), Italien (RAI), Japan (NHK); ferner EBU und Unesco, nicht zuletzt in Deutschland das Adolf Grimme Institut, der Deutsche Volkshochschulverband und zahlreiche Universitätsinstitute, insbesondere auch in den USA.
Schließlich kam damals nach eine unerwartete, reizvolle Aufgabe auf mich zu: Als Repräsentant des Hans-Bredow-Instituts konnte ich eine Reihe von Jahren als Jury-Mitglied beim Adolf-Grimme-Preis und dann auch beim Japan-Preis mitwirken. Doch das fällt schon in die zweite Dekade des Hans-Bredow-Instituts, also in die 60er Jahre.
Rückblickend ergibt sich - wie ich meine - alles in allem für das erste Jahrzehnt des Hans-Bredow-Instituts eine Bilanz, die sich sehen lassen kann.
Wissenschaftliche Nische in Polit-Turbulenzen: die 60er Jahre
Prof.
Dr. Dieter Roß
(wissenschaftlicher Referent am Hans-Bredow-Institut von 1965-1983)
Die 60er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland sind eine unruhige Zeit: Die Spiegel-Affäre 1962 reißt tiefe Gräben auf, das seit 1949 regierende Bonner Bündnis von CDU/CSU/FDP schleppt sich quälend an sein Ende, die Große Koalition seit 1966 gilt vielen nur als undemokratische Nachlassverwaltung zur Durchsetzung der Notstandsgesetze, der unmenschliche Vietnam-Krieg rückt das Vorbild USA in ein anderes Licht, die Gründergeneration der Bundesrepublik wird kritisch befragt und bleibt viele Antworten schuldig.
In der zweiten Hälfte des Jahrzehnts bestimmen die Jungen, voran die Studenten, die politische Tagesordnung; mit neuen, aggressiven Formen von Demonstration und Agitation und mit ideologischem Rigorismus bringen sie die verunsicherte Republik ins Schlingern. Die Medien und die Journalisten, von den selbst ernannten Revolutionären teils verteufelt, teils hofiert, spalten sich in zwei Lager - in verständnislose Gegner und verständnisvolle Sympathisanten.
Gemessen an so viel Politisierung und Polarisierung bleibt es im Hans-Bredow-Institut ruhig. Allenfalls in den Lehrveranstaltungen, die das Institut anbietet, muss man sich als Dozent gelegentlich auf ideologiekritische Exkurse einstellen, und es kommt auch vor, dass einzelne Studenten, statt sich an der Diskussion zu beteiligen, einfach das "Rote Buch" von Mao hochhalten, um schweigend zu zeigen, wo die Wahrheit zu finden ist. Dass es im Institut so zivil zugeht, liegt wohl daran, dass sich dessen Arbeit ausschließlich mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk befasst, der noch außerhalb der Schusslinie der damals gängigen Medienkritik liegt - am Pranger steht vor allem die Springer-Presse.
An eine Privatisierung des Rundfunk glaubt - nach dem ersten Fernsehurteil der Bundesverfassungsgerichts von 1962 - eigentlich niemand mehr. "Die publizistische Gewaltenteilung" (Hans Bausch) zwischen öffentlich-rechtlichem Rundfunk und privatwirtschaftlicher Presse scheint sakrosankt. Die Rundfunkanstalten fühlen sich sicher und bedürfen keiner zusätzlichen Legitimation, die die Wissenschaft liefern könnte; deshalb vergeben sie auch keine Forschungsaufträge, die Geld kosten würden. Der NDR als Hauptfinanzier ist zufrieden, mit dem Institut eine Einrichtung zum Zwecke von Dokumentation und Publikation zu fördern. Die Herausgabe der Vierteljahreszeitschrift "Rundfunk und Fernsehen" und des Anfang der 60er noch jährlich erscheinenden "Internationalen Handbuchs für Rundfunk und Fernsehen" absorbieren weitgehend das Personal, das aus zwei Wissenschaftlern, einer Dokumentarin, einer Bibliothekarin und einer Sekretärin besteht.
Indessen: Gerhard Maletzke hat im Institut seine "Psychologie der Massenkommunikation" erarbeitet, die 1963 erscheint und die erstmals für den deutschen Sprachraum einen theoretischen und systematischen Anschluss an die angloamerikanische Kommunikationswissenschaft herstellt. Dass dieser noch heute in vielem grundlegenden Arbeit vom Fach Psychologie der Hamburger Universität die Anerkennung als Habilitationsschrift verweigert wird, illustriert den damaligen Stand der Wissenschaft.
Auch die erste größere empirische Studie des Instituts ("Fernsehen im Leben der Erwachsenen", 1968) geht noch auf Maletzke zurück; sie erscheint in der Reihe "Studien zur Massenkommunikation", die 1966 von Uwe Magnus, Maletzkes Nachfolger im Institut, initiiert wird. Dort werden u.a. auch zwei kleine inhaltsanalytische Institutsprojekte publiziert, die unter vormodernen Bedingungen entstehen: in reiner Handauszählung auf riesigen DIN A 1-Bögen, fast ohne Korrelationen, mit einer alten mechanischen Rechenmaschine...
Die Institutsdirektoren jener Jahre, der Historiker Egmont Zechlin (Amtszeit 1950-1967) und der Pädagoge Hans Wenke (1968-1970), waren unterschiedlich und ähnlich zugleich. Zechlin von kleiner, quirliger Gestalt, wissbegierig allem Aktuellen zugetan, war lebhaft am Journalismus interessiert, aber doch mehr am gedruckten, den er in jüngeren Jahren gelegentlich selbst betrieben hatte. Wenke, groß und behäbig von Statur, sah die Zeitläufte aus der Distanz eines philosophisch geprägten ehemaligen Hamburgischen Senators (1954-1957) und war ein Mann des Hörfunks; er hatte beim Aufbau des NWDR-Schulfunks mitgewirkt und sprach im NDR lange Zeit wöchentliche Kommentare zur Kulturpolitik. Beide waren bekennende Geisteswissenschaftler alter Schule, die dem damals aufkeimenden empirischen Trend in der Kommunikationswissenschaft eher skeptisch gegenüber standen.
Fernsehnachrichtungen und "Beziehungskisten": die 70er Jahre
Prof.
Dr. Will Teichert
(wissenschaftlicher Referent am Hans-Bredow-Institut von 1972-1985)
Die 70er - sie waren wahrscheinlich im Institut die Zeit, in der wir den Medien, namentlich dem Rundfunk, einfach zuviel zutrauten und auch abverlangten. So erwarteten und hofften wir - übrigens gemeinsam mit den beteiligten Redaktionen -, dass mit einer Verbesserung der Präsentationsformen von "Tagesschau" und "heute" auch das Verständnis für politische Sachverhalte wachsen könne. Die "Nachrichten" gerieten uns argumentativ in eine weihevolle Nachbarschaft zur politischen Bildung. Bis zu jenem Tag, an dem uns in einer Publikumsdiskussion zu Hörfunknachrichten eine Teilnehmerin sagte: "Wissen Sie, diese Nachrichtensendung, die mag ich nicht - da habe ich die ganze Zeit das Gefühl, als müsste ich zuhören." Ihre Reaktion galt einem besonders verständlich und professionell gestalteten Nachrichtenangebot.
Oder wir setzten zukunftsmutig auf die prosoziale Kraft des Fernsehens. Untersuchten mit allen Raffinessen psychologischer Testreihen den Reifeprozess der Vorschulkinder im Lichte der "Sesamstraße". Und registrierten mit ernsthaftem Erstaunen, dass Kinder im Verlauf einer solchen Studie älter werden, alltagstauglicher - mit und auch ohne "Sesamstraße".
Wir vertrauten der kulturfördernden Kraft des Rundfunks und veröffentlichten - noch - Hörspiele, literarische Essays; gaben Heißenbüttel, Enzensberger, Wühr, und Schübel und Storz in unserer Zeitschrift "Rundfunk und Fernsehen" ein zusätzliches Podium. Wir warnten vor drohender Kommerzialisierung und technologischem Determinismus, denn am Horizont dräuten bereits die medienpolitischen Folgen der Kabelpilotprojekte. Wir beschworen vollmundig die basisdemokratischen, partizipatorischen Verheißungen der Nahweltkommunikation, warben für die Region. Und vergaßen bei alledem natürlich nicht, das Normative für Forschungsvorhaben nutzbar zu machen, sozialwissenschaftliche Exkurse in die Nähe der Medienpraxis zu rühren.
Vor allem aber interessierten die obstinaten Tugenden des Publikums: "Nicht was die Medien..., sondern was die Menschen..." - hier entwickelte sich eine dauerhafte medientheoretische Beschwörungsformel. Mit dem damaligen Direktor Janpeter Kob entdeckten wir überdies eine bis dato wenig beachtete Keimzelle für sozialwissenschaftliche Theorieansätze: die Kneipe. Ihr spezifisches kulturelles Milieu, die "Strukturentlastetheit" der dort gepflegten Kommunikation musste gerade zwangsläufig zur Re-Formulierung interaktionistischer Forschungsperspektiven führen. Dass dabei der hinreißend missverständliche Begriff der para-sozialen Beziehungen ins theoretische Spiel gebracht wurde, haben wir - neben fleißiger Lektüre - vor allem dem diskursiven Rahmen der Kneipe zu danken. Der in ihr geltende "Subjektivitätskredit", die dort wirkende "Freiheit von Begründungszwängen" - die Begrifflichkeiten geben vielleicht eine Ahnung der damaligen gedanklichen Höhenflüge - boten ideale Voraussetzungen für theoretische Grenzübertritte. Letztere haben immerhin Versatzstücke eines Ansatzes öffentlich gemacht, der noch heute zum Beispiel unter der populären Schlagzeile "Fernsehen als 'Beziehungskiste'" diskutiert wird. Der in die Institutsvergangenheit weisende Realitätsbezug dieser Überschrift ist frappant: Beziehungskisten waren ein nachhaltiges Thema der 70er Jahre.
Zeit des Umbruchs: die 80er Jahre
Prof.
Dr. Wolfgang Hoffmann-Riem
(Direktor bzw. Vorsitzender des Direktoriums des Hans-Bredow-Instituts
von 1979 bis 1995 sowie von Juli 1998 bis Dezember 1999, Ehrenmitglied
des Direktoriums des Hans-Bredow-Instituts)
Nichts
konnte so bleiben wie es war. Die 80er Jahre waren die Zeit des
Umbruchs - für die Medienordnung, aber auch für das Hans-Bredow-Institut.
Die Politik kämpft um Einfluss auf den Rundfunk, gibt dies
aber als Kampf um die Vielfalt und Qualität in der Rundfunkordnung
aus. Der Streit um den NDR - als Vorhut des Streits um privaten
Rundfunk - endet Anfang der 80er mit einem Überraschungssieg
vor dem Bundesverwaltungsgericht. Mit dem Begriff der Schweigespirale
belebt die Wissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann auch den politischen
Diskurs und gibt Munition für den Angriff auf den öffentlich-rechtlichen
Rundfunk. Der Verkabelungsstop der Regierung Helmut Schmidt und
die anschließende Verkabelungshektik des Postministers Christian
Schwarz-Schilling machen Medienpolitik zum Wechselbad. Die Kabelpilotprojekte
zeigen, wie vollendete Tatsachen als Experimente getarnt werden
können. Privater Rundfunk beginnt Mitte der 80er Jahre, mit
leichtem Verzug auch im Hamburg.
In den begleitenden medienpolitischen Schlachten spielt die Wissenschaft mit. Wissenschaftler ziehen als Sachverständige zu unzähligen Tagungen und öffentlichen Anhörungen, formulieren Bedenken in Expertenkommissionen und konkurrieren um Aufträge für wissenschaftliche Begleituntersuchungen. Medienforschung wird öffentlich und wettbewerbsorientiert.
Das Hans-Bredow-Institut steht nicht abseits. Es plädiert aber nachdrücklich für mehr unabhängige Forschung und kritisiert die Instrumentalisierung der Forschung für die Politik und die Medienunternehmen. Damit scheidet es für Forschungsprojekte aus, deren Auftraggeber sich Forschung nur als Hilfsmittel zur Erreichung vorgegebener Ziele und zur Legitimierung erwünschter Ergebnisse vorstellen können. Dennoch steigt die Nachfrage nach seinen Leistungen. Gefragt ist vor allem die interdisziplinäre Kompetenz des Instituts, seine Expertise in der Kombination rechts- und sozialwissenschaftlicher Forschung. Zugleich baut das Institut seine Funktion als Forum öffentlicher Kommunikation aus, durch Symposien, medienwissenschaftliche Kolloquien und viele Publikationen. Seine Bibliothek wird manches Mal zum "neutralen Ort" des diskreten Gesprächs zwischen Akteuren, die sich öffentlich als Gegner gegenüber stehen. Das Institut versteht sich als ehrlicher Makler, wird aber nicht von allen so verstanden, insbesondere nicht von denen, die sein Eintreten für die Public Service-Idee als Parteinahme für öffentlich-rechtlichen Rundfunk missdeuten.
"Aktuelle Fragen der Rundfunkpolitik", "Die Zukunft des Hörfunkprogramms", "Satellitenkommunikation", "Empirische Publikumsforschung", "Musik in den Medien", "Neue Medienstrukturen, neue Sportberichterstattung", "Der öffentlich-rechtliche Rundfunk im Spannungsfeld von Rundfunkrecht und Wettbewerbsrecht": Solche Titel der Symposien zeigen die Spannbreite des Instituts, die Verbindung zur Praxis und zugleich die Nähe der Forschung zu den Feldern, auf denen sich der Medienumbruch besonders deutlich zeigt.
Das Institut muss seine Kompetenz ausbauen, widersteht jedoch der Versuchung, den medienpolitisch angeheizten Boom der Nachfrage nach Medienwissenschaft zur Expansion des Personals zu nutzen. Zu groß wäre das Risiko, beim Umschwung in der wissenschaftlichen Konjunktur später in finanzielle Abhängigkeit zu geraten. Personell gibt es einen vollständigen Austausch - bis auf die Bibliothekarin, ein Hort der Kontinuität. Das Institut vertieft seine Kompetenz in Mediensoziologie- und -psychologie; es erobert sich aber auch neue Bereiche, so die des Medienrechts und der Medienpolitik, und es erarbeitet sich Kompetenzen zur Analyse der Medienproduktion sowie - noch tastend - im Bereich der Medienwirtschaft.
Das Corporate Design wird geändert. Nach langen, gruppendynamisch höchst aufschlussreichen Debatten beginnt die "grüne Periode", dokumentiert in der Aufmachung von Zeitschrift, Briefbogen und Institutsbroschüre.
Die internationalen Kontakte werden ausgebaut. Auch Wissenschaftler der DDR werden vorsichtig in den Diskurs einbezogen; dies erleichtert am Ende des Jahrzehnts den Zugang zu diesem Teil des wiedervereinigten Deutschlands. Besucher aus aller Welt und Einladungen in alle Welt dokumentieren, dass das Institut auch international zur Kenntnis genommen und als Kommunikationspartner gesucht wird. Berichtet wird von japanischen Medienexperten, die vor dem Gebäude stehend, das Weitwinkelobjektiv in der Kamera, verdutzt fragen, wo das Hans-Bredow-Institut sei. Sie können nicht fassen, dass ein so aktives und international so berühmtes Institut räumlich und personell so klein sein kann.
Immerhin: Bei Institutsfeiern ist die Mitarbeiterzahl ansehnlich - bedingt durch die vielen Projektmitarbeiter, insbesondere Studierende, die mit Mini-Verträgen an das Institut gebunden werden, aber Full-Time-Einsatz geben, nicht nur beim Feiern. Sie sind zugleich ein wichtiges Bindeglied zur Universität, die ihr Interesse für die Medien ausbaut, nicht nur durch den Teilstudiengang Journalistik. Das Institut sucht die Zusammenarbeit mit der Universität, betont aber seine Sonderstellung als Einrichtung außerhalb der Universität.
Von Rundfunk und Fernsehen zu Multimedia: die 90er Jahre
Prof.
Dr. Uwe Hasebrink
(wissenschaftlicher Referent im Hans-Bredow-Institut seit 1989,
Mitglied im Direktorium)
Sind es tatsächlich erst 10 Jahre, die seit damals vergangen sind? Der Herbst 1989 veränderte Deutschland, Europa und die Welt. Bei der Dokumentarfilm-Woche im November 1989 in Leipzig war auch das Bredow-Institut vertreten - noch mit formvollendeter Einladung durch das Kulturministerium. Das unmittelbare Erleben der Montagsdemonstration, die nächtelangen Diskussionen mit DDR-Kolleginnen und -kollegen und das Fernsehereignis des Jahres, der 9. November 1989, setzten ein Thema, das das Institut in den 90er Jahren begleitete: Im Sommer 1990 erschien "Rundfunk und Fernsehen" mit einem Themenheft über die Rolle der Medien in der DDR und bei der Wende. Dieses Heft mit Beiträgen aus Ost und West stellt heute selbst ein frühes Dokument des Versuchs dar, einen Dialog zwischen den beiden Perspektiven zu stiften. Gemeinsam mit der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Potsdam-Babelsberg untersuchte das Institut die Fernsehberichterstattung und das Erleben der Deutschen in Ost und West am 3. Oktober 1990. Später erschienen Publikationen zum Rundfunkrecht in den neuen Bundesländern, zum neuen Nationalfeiertag, dem 3. Oktober, als Medienereignis und schließlich 1999 eine gemeinsam mit der Universität Leipzig durchgeführte Studie zur Darstellung Ostdeutschlands im deutschen Fernsehen.
Und auch das soll erst 10 Jahre her sein? Anfang der 90er war der PC zwar bereits Bestandteil des Arbeitsalltags der Bredow-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter - allerdings nur als Schreib- und Rechenmaschine. Computervermittelte Kommunikation, Multimedia - das Wort des Jahres 1995 -, Online-Medien und Internet spielten im Gegenstandsbereich des Instituts noch keine Rolle. Und unter dem Stichwort "Konvergenz" wurde in der damaligen Forschungslandschaft allenfalls das Verhältnis zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunkangeboten im dualen System diskutiert. Ende der 90er sind die nun als "neu" bezeichneten Medien integraler Bestandteil der Institutsarbeit: Die Einbettung von computervermittelter Kommunikation und Computerspielen in den Medienalltag und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die "alten" Medien, Regulierungskonzepte im Zeichen der technischen Konvergenz, Qualifizierungsbedarfe im Bereich des Online-Journalismus sind Themenbeispiele. Den damit zum Ausdruck gebrachten Anspruch, öffentliche Kommunikation in Bezug auf alle Medien zu untersuchen, brachte das Institut auch durch eine Namensänderung zum Ausdruck: Aus dem Institut "für Rundfunk und Fernsehen" wurde das Hans-Bredow-Institut für Medienforschung, aus der Zeitschrift "Rundfunk und Fernsehen" wurde "Medien & Kommunikationswissenschaft".
Die 90er Jahre brachten weitere Neuerungen für das Institut. Der europäische Einigungsprozess und die Globalisierung führten zu noch mehr internationaler Kooperation, zu kulturvergleichenden Projekten - und zu steigenden Reisekosten. Der erhöhte Orientierungsbedarf der Politik der gesellschaftlichen Institutionen und der Medienwirtschaft erforderte neue Kooperationsformen des Instituts, so etwa kontinuierliche Monitoring-Projekte. Die Finanzierungsbedingungen erforderten eine deutlich erhöhte Zahl von Auftrags- und Drittmittelprojekten. Dies wie auch der Wandel des Wissenschaftsverständnisses hin zu stärker service- und transferorientierten Einrichtungen ließen die Bedeutung von Öffentlichkeitsarbeit wachsen. Dazu gehörte auch eine Renovierung des Corporate Design: Mit professioneller Hilfe und intensiver Gruppendynamik entstand ein neues Institutslogo und der Entschluss, auf die "grüne" die "orange Periode" folgen zu lassen.
Wie war, wie ist das alles von einem nach wie vor recht kleinen Forschungsinstitut zu leisten? Neben der anhaltend hohen Motivation aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind hier vor allem die beiden Direktoren der 90er Jahre zu nennen, Wolfgang Hoffmann-Riem und Otfried Jarren, die - im unbezahlten Nebenamt - ihre wissenschaftliche Kompetenz und ihr persönliches Engagement für das Institut einsetzten. Die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist im Zuge der Ausweitung der Aktivitäten leicht gestiegen - insbesondere im Rahmen von Drittmittelprojekten -, was neue Herausforderungen mit sich bringt: Das Institut musste 1999 zusätzliche Räume in der Warburgstraße anmieten, eine neue Phase der Institutsentwicklung. Das Institut kann diese selbstbewusst angehen: Zum Ende der 90er Jahre erntete es großes Lob vom Wissenschaftsrat, der dem Institut in seiner Stellungnahme bescheinigte, dass es seine Aufgaben auf anerkannt hohem Niveau erfülle. Seitdem erlauben wir uns im fortgeschrittenen Stadium von Institutsfesten eine gewisse Unbescheidenheit und spielen jenen deutschen HipHop-Song mit dem Refrain "Das haben wir uns verdient".