Inhaltliches Profil: Forschungsprogramme

  1. Forschungsprogramm „Grundlagen gesellschaftlicher Information“: Wie informiert sich die Gesellschaft?
  2. Forschungsprogramm „Typologisierung von Formen öffentlicher Kommunikation“: Wie ist die veränderte Kommunikationslandschaft strukturiert?
  3. Forschungsprogramm „Zwischen Rezeption, Interaktion und Produktion“: Wie verändern sich Nutzerrollen?
  4. Forschungsprogramm „Langfristige Medienwirkungen“: Welche langfristigen gesellschaftlichen Wirkungen gehen von Medien aus?

Der Entwicklungspfad, den das Institut seit einigen Jahren eingeschlagen hat, führt zu einer programmbezogenen Forschung, bei der für einen bestimmten Zeitraum vordefinierte Fragestellungen durch Eigen- und Drittmittelforschung bearbeitet werden. Auch wenn dies derzeit aufgrund der weiterhin begrenzten Ressourcen noch nicht in vollem Umfang umsetzbar ist, hat das Institut im Berichtszeitraum vier Forschungsprogramme entwickelt und plant seine Arbeit bereits weitgehend anhand dieser Programmatik.

Die Schwerpunktsetzungen erfolgen für vier bis fünf Jahre. Kriterien für die Entscheidung über die Schwerpunktsetzungen sind die gesellschaftliche und wissenschaftliche Relevanz sowie die Möglichkeit, die besondere interdisziplinäre Expertise des Instituts fruchtbar zu machen. Die Programme liegen also quer zu den kommunikations- und rechtswissenschaftlichen Arbeitsbereichen, nach denen sich das Institut derzeit disziplinär gliedert.

Auf Grundlage kontinuierlicher Beobachtung der Medienentwicklung und der Forschungslandschaft hat das Institutskollegium für die nächsten Jahre vier Programme festgelegt, die aktuelle Veränderungen im Medien- und Kommunikationsbereich aufgreifen, die sich aus der gegenseitigen Durchdringung von öffentlicher und interpersonaler Kommunikation ergeben.

Am weitesten gefasst ist das erste Programm, das sich den veränderten Grundlagen gesellschaftlicher Information widmet. Das zweite und das dritte Programm vertiefen die Auseinandersetzung mit konkreten Konsequenzen konvergierender Medienumgebungen: Ziel ist die Entwicklung einer Typologie von Formen öffentlicher Kommunikation sowie die theoretische und empirische Erkundung neuer Nutzerrollen, die sich insbesondere im Umgang mit dem Social Web und Computerspielen entwickeln. Mit dem vierten Programm schließlich will das Institut einen systematischen Beitrag zur Erforschung langfristiger Medienwirkungen leisten; gerade für eine solche Perspektive ist eine auf Dauer ausgerichtete Forschungseinrichtung besonders prädestiniert.

Im Folgenden werden die genannten vier Programme hinsichtlich des damit verbundenen Erkenntnisinteresses, ihrer gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Relevanz sowie hinsichtlich des konkreten Beitrags, den das Institut zu dem jeweiligen Forschungsbereich leisten will, vorgestellt.

1. Forschungsprogramm "Grundlagen gesellschaftlicher Information: Wie informiert sich die Gesellschaft?

Das Forschungsprogramm geht der Frage nach, wie und mittels welcher Angebote sich die Gesellschaft informiert. Dazu werden Veränderungen der gesellschaftlichen Informationsbedarfe, der Informationsangebote und des Informationsverhaltens untersucht. Gefragt wird außerdem nach den Konsequenzen dieser Veränderungen für normative Zielwerte im Hinblick auf die kommunikativen Grundlagen der Gesellschaft und – andersherum – die Folgen, die sich aus Recht und Regulierung für Informationsbedarfe und Informationsverhalten ergeben. Angesprochen sind damit die Voraussetzungen für die öffentliche Informations- und Meinungsbildung und die zentrale Funktion des Mediensystems, seine normative Verfasstheit sowie insgesamt das Funktionieren der Gesellschaft.

Gesellschaftliche Relevanz

In der Folge der tiefgreifenden Umbrüche im Medien- und Kommunikationsangebot entwickeln sich neue kommunikative und informationsbezogene Praktiken, mit denen sich die Voraussetzungen für die öffentliche Meinungsbildung und die Informiertheit der Gesellschaft ändern. So stellt sich die Frage, inwieweit sich die Rolle der klassischen Massenmedien und des professionellen Journalismus ändert, wenn verschiedene Formen persönlicher Öffentlichkeiten sowie nutzergenerierte Informationsangebote an Bedeutung gewinnen. Zu untersuchen sind auch die Konsequenzen dieser Veränderungen für medien- und kommunikationspolitische Zielsetzungen wie die Verhinderung vorherrschender Meinungsmacht und wachsender Wissensklüfte sowie die Gewährleistung chancengleichen Zugangs zu relevanten Informationen. Im Rahmen des Programms soll des Weiteren die Frage untersucht werden, welche Möglichkeiten und Grenzen rechtliche Regelungen für den Informationszugang definieren; damit werden aktuelle Entwicklungen des Urheberrechts, aber auch im Bereich staatlicher Kommunikationskontrolle aufgegriffen.

Wissenschaftliche Relevanz und konkrete Forschungsvorhaben

Die Bearbeitung des Programms bringt verschiedene theoretische und methodische Herausforderungen mit sich. Sie ergeben sich insbesondere aus der (technischen) Konvergenz der verschiedenen Medien sowie der zunehmenden Bedeutung crossmedialer Angebotsstrategien. Mit einer Expertise zu den Grundlagen gesellschaftlicher Information soll daher eine Systematik erarbeitet werden, welche die relevanten Beschreibungskriterien für diesen Bereich benennt und Hinweise auf entsprechende Datenquellen gibt. Für die wichtigsten Teilbereiche – Informationsordnung, Informationsanbieter, Informationsangebote, Informationsverhalten, Informiertheit – sollen Indikatoren zusammengestellt oder auch erst entwickelt werden, die eine Grundlage für ein am Institut einzurichtendes Monitoring zur kontinuierlichen Beobachtung maßgeblicher Kennwerte des Informationssektors bieten.

Auch Untersuchungen zur Rekonstruktion individuellen Informationsverhaltens lassen sich nicht mehr anhand des Umgangs mit einzelnen Medien konzipieren; vielmehr bedarf es eines medienübergreifenden Herangehens, um erkennbar zu machen, wie sich die Produktionslogiken der Informationsanbieter, das Gesamtspektrum an Informationsangeboten sowie das Informationsverhalten der Bevölkerung entwickeln. Entsprechende Untersuchungen können auf den am Institut entwickelten repertoireorientierten Ansatz der Mediennutzungsforschung aufbauen, der eine Grundlage für die Analyse medienübergreifender Nutzungsmuster und die Rekonstruktion der subjektiven Bedeutung dieser Muster bietet. Er lässt sich für die Analyse der in verschiedenen Bevölkerungsgruppen beobachtbaren Informationsrepertoires und ihres Zusammenhangs mit den jeweiligen Wissensbeständen weiterentwickeln. Ein von der DFG gefördertes Projekt wendet diesen Ansatz auf das gesundheitsbezogene Informationsverhalten an (Projekt 33).

Darüber hinaus untersucht das Institut derzeit in einer Pilotstudie im Auftrag des Beauftragten für Kultur und Medien (BKM) nutzungsbezogene Kennwerte der Medienvielfalt; sie soll ausgebaut werden zu einer regelmäßigen bevölkerungsrepräsentativen Befragung zu den Informationsrepertoires der Deutschen (s. Projekt 2).
Die genannten Fragen sollen in engem Zusammenhang mit dem Anliegen des Instituts bearbeitet werden, weiterhin Beiträge zur Verknüpfung der rechtlichen Regelungen zur Vielfaltsicherung und zur Verhinderung vorherrschender Meinungsmacht einerseits und der empirischen Forschung zur Nutzung und Wirkung von Informationsangeboten andererseits zu leisten (Projekt 5).

Die Informationsordnung greift nicht nur im Falle von vorherrschender Meinungsmacht, sie prägt durchgängig Informationsangebote und Zugangsweisen, etwa durch die Zuordnung von Urheberrechten und die Definition von Zugangsrechten, aber auch durch staatlich normierte Beschränkungen. Dazu sollen in vergleichender Perspektive die Informationszugänge und das damit verbundene Informationsverhalten in unterschiedlichen Rechtsordnungen untersucht werden.

Ein weiteres Erkenntnisinteresse ergibt sich im Hinblick auf die Frage, wie sich die Menschen über verfügbare Informationsangebote orientieren und insbesondere, welche Bedeutung dabei den verschiedenen Metamedien (z. B. Suchmaschinen) zukommt. Auch hier kann das Institut an abgeschlossene Projekte (etwa zu Programmzeitschriften und zu EPGs) anknüpfen.

2. Forschungsprogramm „Typologisierung von Formen öffentlicher Kommunikation“: Wie ist die veränderte Kommunikationslandschaft strukturiert?

Angesichts der verschwimmenden Grenzen zwischen verschiedenen Kommunikations- und Mediendiensten und zwischen öffentlicher und privater Kommunikation zielt dieses Forschungsprogramm darauf ab, eine Typologie von Kommunikationsformen zu entwickeln, die sich in ihren Funktionen unterscheiden. Diese soll eine systematische Grundlage für Untersuchungen darüber schaffen, welche Bedeutung verschiedene Formen der öffentlichen Kommunikation für die öffentliche und individuelle Meinungsbildung haben, welcher Regulierungsbedarf sich hieraus ergibt und welche Regulierungsinstrumente für die verschiedenen Formen der öffentlichen Kommunikation geeignet sind.

Gesellschaftliche Relevanz

Zu den ersten Aufgaben für die wissenschaftliche Beobachtung der Gesellschaft gehört es, Begriffe zu entwickeln, mit denen sich relevante gesellschaftliche Veränderungen angemessen abbilden lassen. Diese Aufgabe stellt sich im Medien- und Kommunikationsbereich besonders dringlich: Die Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnik hat zu einer starken Ausdifferenzierung von Kommunikations- und Mediendiensten geführt. Außerdem hat sich die bis vor wenigen Jahren enge Kopplung zwischen bestimmten Diensten und technischen Übertragungswegen mittlerweile weitgehend gelöst: Über ein und denselben Übertragungsweg sind ganz unterschiedliche Dienste zugänglich; und ein und derselbe Dienst kann mit ganz unterschiedlichen Endgeräten genutzt werden.

In der Folge wird das Angebotsspektrum unübersichtlicher, etablierte Einteilungen der Medien- und Kommunikationsangebote etwa in Rundfunk und Telemedien erweisen sich als zu grob und unflexibel, um der neuen Situation gerecht werden zu können. Eine an den spezifischen Funktionen einzelner Dienste ansetzende Typologie von Formen öffentlicher Kommunikation soll Begriffe zur Verfügung stellen, mit denen sich erstens die Nutzerperspektive, also die mit der Nutzung einzelner Dienste verbundenen Erwartungen, zweitens die Anbieterperspektive, also die technischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Bereitstellung einzelner oder verbundener Dienste, und drittens die Regulierungsperspektive, also die Relevanz einzelner Dienste für die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft, abbilden lassen.

Wissenschaftliche Relevanz und konkrete Forschungsvorhaben

Dieses Forschungsprogramm kann teilweise an Vorarbeiten des Instituts anknüpfen. Mit dem weiteren Ausbau des Instituts sollen diese Arbeiten ausgebaut werden.

Eine Untersuchung zum Thema „Leitmedium Internet“ im Auftrag des Büros für Technikfolgen-abschätzung des Bundestages (Projekt 3) gab Gelegenheit, sich einen Überblick über Funk-tionsverschiebungen zu verschaffen, die sich durch die technische Plattform Internet ergeben.

Für die konzeptionelle Unterscheidung verschiedener Kommunikationsdienste aus der Nutzerperspektive hat das Institut das Konzept der Kommunikationsmodi entwickelt. (Projekt 27). Im Zuge des Forschungsprogramms sollen die bisherigen Fallstudien zu Modi des Informations-verhaltens im Internet sowie zu Modi der nicht-linearen Fernsehnutzung auf das gesamte Kommunikationsspektrum erweitert werden. Zu fragen ist, inwieweit tradierte Kommunikationsmodi trotz der Ablösung von den traditionellen Endgeräten erhalten bleiben, welche Wirkungen durch die verschiedenen Kommunikationsmodi begünstigt werden und welche Auswirkungen der Wandel der Nutzungsweisen auf die öffentliche Meinungsbildung hat – hier berührt sich dieser Forschungsstrang mit dem Forschungsprogramm zu den Grundlagen gesellschaftlicher Information. Eine laufende interdisziplinäre Untersuchung ist mit der Frage befasst, welche Auswirkungen es hat, wenn Bewegtbilder auf ganz verschiedenen Geräten und in ganz unterschiedlichen Kontexten rezipiert werden (können). Dabei geht es einerseits um Kommunikationsmodi als situationsübergreifendes Merkmal von Rezeption, andererseits um Fernsehen als Dispositiv (Projekt 26).

Für die Herausbildung neuer Formen öffentlicher Kommunikation spielen die Anbieter mit ihren eigenen Interessen und Handlungsspielräumen eine wichtige Rolle. Von zentraler Bedeutung sind dabei die Finanzierungsaussichten als not-wendige Bedingung für neue Angebote. Für den Marktzutritt sind zudem der Zugang zu den Verbreitungswegen, die Anknüpfung an die eigenen schon bestehenden Angebote und Kundenbeziehungen sowie die Wettbewerbssituation für neue Dienste wesentlich.

Für eine Typologisierung von Formen öffentlicher Kommunikation scheint es deshalb sinnvoll zu untersuchen, ob und in welcher Weise die Interessen der Anbieter selektiv die Entwicklung neuer Dienste ermöglichen und damit zu einer veränderten Typenbildung beitragen. Dabei sind neben den erfolgreichen auch am Markt gescheiterte Angebote einzubeziehen, weil sie Aufschluss darüber geben können, welche Angebote zwar von Anbietern gewollt, aber von den Nutzern nicht honoriert werden.

Zu den veränderten Regulierungsbedarfen, die sich aus konvergierenden Medienumgebungen ergeben, hat das Institut vor einiger Zeit bereits Grundzüge für eine dienstespezifisch diversifizierte Informationsordnung entwickelt. Untersucht werden soll, wie verschiedene Schutzgüter (z. B. Freiheit der Meinungsbildung, Jugendschutz oder Datenschutz) durch verschiedene Angebotstypen und Kommunikationsmodi berührt werden und welche Regulierungskonzepte (z. B. staatliche Regulierung, Ko-Regulierung oder Selbstregulierung) und welche Regulierungsinstrumente (Sanktionen, Anreize, finanzielle Unterstützung etc.; vgl. Projekt 10) für welche Angebotstypen geeignet sind. Die Perspektive umdrehend soll auch untersucht werden, welche Rolle die Regulierung bei der sozialen Konstruktion von Angebotstypen spielt.

3. Forschungsprogramm „Zwischen Rezeption, Interaktion und Produktion“: Wie verändern sich Nutzerrollen?

Im Zusammenhang mit vernetzten Medien und digitalen Spielen entwickeln sich neue Nutzerrollen, die nicht mehr nur durch die Rezeption vorproduzierter Angebote, sondern durch bisher nicht bekannte Formen der Interaktivität und der Produktion eigener Inhalte geprägt sind. Mit diesem Forschungsprogramm will das Institut diesen neuen Rollen konzeptionell und empirisch nachgehen.

Gesellschaftliche Relevanz

In der konvergierenden Medienwelt lösen sich klassische Kommunikationsrollen auf: Nutzer digitaler Medien sind nicht mehr bloß Empfänger von Medienangeboten, sondern werden selbst aktiv, indem sie Informationen und Medien produzieren, bearbeiten, filtern, anreichern, neu kombinieren und verbreiten. Dieser Umgang mit vernetzten Medien und digitalen Spielen lässt sich eher als eigenständiges Handeln in und mit sozial geteilten, medial vermittelten Räumen und Objekten verstehen denn als reines Rezipieren von In-halten; erst durch das aktive, oft auch spielerische Tun der Nutzer entfalten die betreffenden Angebote ihre Funktion und Faszination. Weil und insoweit digital mediensozialisierte Nutzer Erwartungen wie Offenheit, Modifizierbarkeit oder Bearbeitbarkeit auch an traditionell nicht-digitale, nicht-inter-aktive Medien richten, und weil Anbieter neuer wie traditioneller Medien ihre Angebote in Erwartung veränderter Nutzungsweisen umstrukturieren und die aktiven Nutzer gezielt einbinden, verändern sich Öffentlichkeitsstrukturen grundlegend.

Die Konsequenzen, die sich durch Möglichkeiten des aktiven Mitwirkens der Nutzer an der Medienproduktion, aber auch durch Möglichkeiten interaktiver, gemeinschaftlicher und quasi-öffentlicher Kommunikation für Prozesse der individuellen und gesellschaftlichen Meinungsbildung ergeben, sind bisher kaum abschätzbar. Bereits jetzt ist aber beobachtbar, dass die neuen Nutzerrollen zu einem gesellschaftlichen Wandel beitragen können, etwa im Hinblick auf die Partizipation an politischen, kulturellen oder gesellschaftlichen Diskussionen. Gleichzeitig steht die gesellschaftliche Selbstverständigung über Normen in Bezug auf jene neuen Kommunikationsrollen noch aus – etwa Etikette und ethische Prinzipien, Standards der Reziprozität, faire Beteiligung an Entscheidungsprozessen, geistigen Eigentums-rechten oder ökonomischen Erlösen. Dies birgt kurzfristig soziale Konfliktpotenziale und mündet langfristig in vielfache Pfadabhängigkeiten für die Gestaltung des Mediensystems.

Wissenschaftliche Relevanz und konkrete Forschungsvorhaben

Bisherige theoretische Erklärungsansätze und Regulierungskonzepte öffentlicher Kommunikation sind in Bezug auf Medienformen entwickelt worden, die eine Trennung von Kommunikatorrollen innerhalb von Interaktionssituationen, Organisationen oder gesellschaftlichen Systemen nahelegen. Aus wissenschaftlicher Sicht stellt sich die Grundsatzfrage, inwieweit sich diese Theorien auf die benannten neuartigen Formen der Kommunikation, Interaktion und Produktion übertragen lassen oder inwieweit sie angepasst, erweitert oder – im Einzelfall – grundsätzlich in Frage gestellt werden müssen.

Das Forschungsprogramm bearbeitet somit eine der zentralen grundlagentheoretischen Herausforderungen des derzeit beobachtbaren Medienwandels. Es schafft damit die Voraussetzung, über eine Analyse von Einzelphänomenen hinauszugehen und die neuen Medienhandlungsformen sowie ihre Diffusion in „traditionelle“ Medien theoretisch wie empirisch zu erfassen.

Die Forschung im Bereich neuer Kommunikationsformen erfolgt bislang – nicht zuletzt aufgrund der hohen Dynamik des Untersuchungsgegenstands – eher an Einzelphänomenen orientiert. Das Forschungsprogramm soll diesen Zustand überwinden helfen, um zu verallgemeinerbaren Erkenntnissen zu gelangen. Dazu sollen verschiedene Forschungsstränge verfolgt werden.

Ausgangspunkt ist die begriffliche und empirische Klärung der neuen Nutzungsformen, die als „produzierende Nutzung“ und als „Spielen“ bezeichnet werden können. Diese werden bereits seit einigen Jahren in unterschiedlichen Projekten und Arbeitsformen am Institut untersucht, zum Beispiel im Projekt zum „Heranwachsen mit dem Social Web“ (Projekt 19), zum Kompetenzerwerb und exzessiver Nutzung bei Computerspielen (Projekt 32), zu Web 2.0-Metriken (Projekt 25) oder in den Aktivitäten des Forschungs- und Transferzentrums „Digitale Spiele und Onlinewelten“ (s. S. 15).

In den kommenden Jahren soll das Forschungsprogramm durch eine Reihe von Forschungsvorhaben noch umfassender grundlagen-wissenschaftlich bearbeitet werden. In eher theoretisch-begrifflich orientierten Vorhaben soll der „Mediennutzer als theoretische Figur“ rekonstruiert werden. Durch vergleichende Analysen des impliziten oder expliziten Stellenwerts dieser Figur in zentralen kommunikationswissenschaftlichen Paradigmen (z. B. Dynamisch-Transaktionaler Ansatz, Cultural Studies, Uses-&-Gratifications-Ansatz, Systemtheorie etc.) wie auch in angrenzenden Disziplinen (z. B. die HCI-Forschung oder die Game Studies) soll überprüft werden, welche etablierten Theorien mittlerer Reichweite anwendbar bleiben und wo es grundlegenden Innovationsbedarf gibt.
In einer zweiten, eher methodologisch-empi-risch ausgerichteten Forschungslinie wird die „Vermessung des aktiven Nutzers“ erkundet und untersucht, wie sich geänderte Nutzerrollen in den jeweiligen Medienumgebungen (z. B. Onlinekommunikation; Mobilkommunikation; digitale Spiele etc.) methodologisch erfassen lassen. Dies beinhaltet zum einen die grundsätzliche Überprüfung und Diskussion bestehender quantitativer und qualitativer Verfahren, zum anderen eine Bestandsaufnahme von Versuchen außerhalb akademischer Forschung, Reichweiten und Nutzeraktivitäten zu messen (z. B. in der Mediaplanung oder der Evaluationsforschung im Bereich von Softwareentwicklung). Als Ertrag dieses Programms sind neben möglichen Methodeninnovationen insbesondere auch Konzepte zu erwarten, welche langfristig angelegten Datenerhebungsprojekte den gewandelten Nutzerrollen gerecht werden können.

Aufbauend auf den (Zwischen-)Ergebnissen dieser Grundlagenprojekte soll in einem weiteren Leitprojekt des Forschungsprogramms die „Teilhabe oder Verweigerung an Medienwelten“ untersucht werden. Dabei geht es um die Prozesse, mit denen aktive Nutzer, aber auch neue Intermediäre an der Konstitution von Öffentlichkeit teilhaben. Daran knüpft sich die Frage, ob sich bestimmte Konfigurationen von etablierten Medien und neuen Akteuren herausbilden, in denen die gesellschaftlichen Funktionen von Öffentlichkeit weiter erbracht werden. Vertiefend soll analysiert wer-den, inwieweit etwa Spielumgebungen oder vernetzte Plattformen als öffentliche Arenen fungieren können, welche Implikationen diese dann für traditionelle Öffentlichkeiten haben und welche Folgen sich daraus für andere Bereiche des Mediensystems ergeben, etwa in den Bereichen Medienregulierung und -recht, Medienökonomie, Medienpolitik und Medienpädagogik. Untersucht wird zudem, welche praktischen, aber auch (verfassungs-)rechtlichen, vertraglichen, technischen und informell-soziokulturellen Strukturierungen den Umgang mit menschlichen oder softwaregesteuerten Agenten und Objekten in digitalen Medienräumen prägen und wie dieser Umgang um-gekehrt auf jene Strukturierungen zurückwirkt.

4. Forschungsprogramm „Langfristige Medienwirkungen“: Welche langfristigen gesellschaftlichen Wirkungen gehen von Medien aus?

Dieses Forschungsprogramm will einen grundsätzlichen konzeptionellen und methodischen Beitrag zu der Frage leisten, welche langfristigen gesellschaftlichen Wirkungen von bestimmten Medienangeboten ausgehen. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Bedeutung von Medien für Prozesse der Identitätsbildung und Sozialisation, der Integration und Gruppenzugehörigkeit sowie der Mediatisierung von sozialem und gesellschaftlichem Handeln.

Gesellschaftliche Relevanz

Der Wandel der Massenmedien und der soziale Wandel hängen auf das Engste miteinander zusammen; die Rede von der Mediengesellschaft ist eine zentrale Formel geworden. Es stellt sich daher die dringende Frage nach den langfristigen gesellschaftlichen Folgen dieses Wechselspiels. Die Zielsetzung dieses Programms ist besonders bedeutsam für Fragen der Mediensozialisation und der Medienpädagogik, aber auch für die Rechtswissenschaft.
Sowohl im Bereich des Jugendschutzes als auch im Bereich der medienspezifischen Konzentrationskontrolle spielen Medienwirkungen eine zentrale Rolle, sind aber bislang noch weitgehend unerforscht, so dass das Recht mit schwach fundierten Unterstellungen operiert. So ist beispielsweise bei der Beurteilung der Frage, ob bestimmte Inhalte die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen beeinträchtigende Wirkungen haben, die Betrachtung der langfristigen Medienwirkungen unerlässlich. Im Rahmen der Medienkonzentrationskontrolle ist die kommunikationswissenschaftliche Erforschung der langfristigen Wirkungen von Medien auf die individuelle und öffentliche Meinungsbildung von erheblicher Bedeutung für die Beantwortung der Frage, ob durch einen Zusammenschluss oder durch internes Wachstum von Medienunternehmen vorherrschende Meinungsmacht erlangt wird.

Wissenschaftliche Relevanz und konkrete Forschungsvorhaben

Die Zusammenhänge zwischen dem Wandel der Medien und dem individuellen, sozialen und gesellschaftlichen Wandel zu untersuchen und beschreibbar zu machen, ist eine Aufgabe, die durch die Integration von verschiedenen medien-, kultur-, sozial- und kommunikationswissenschaftlichen Ansätzen zu bearbeiten ist. Dabei soll auf Modelle wie u. a. den Dynamisch-Transaktionalen Ansatz, die Social-Identity-Theory, den Cultural-Studies-Approach und die Kultivierungsforschung zurückgegriffen werden. Entsprechende Vorüberlegungen hat das Institut im Zusammenhang mit einem Projektverbund zur transkulturellen Kommunikation ausgearbeitet, im Rahmen dessen das langfristige Zusammenwirken von Mustern der Nutzung transkultureller Medienangebote mit Aspekten der kulturellen Identität untersucht werden soll. Darüber hinaus sind auch Theorien der Gedächtnisforschung einzubeziehen, wie dies das Institut in einem Forschungsvorhaben über die langfristigen Einflüsse des Fernsehens auf die Vorstellungen vom Holocaust erprobt (Projekt 24).

Ein weiteres zentrales Anliegen des Forschungsprogramms ist die Reflexion und systematische Zusammenführung verschiedener methodischer Ansätze zur Erfassung langfristiger Medienwirkungen. Eine entsprechende Perspektive soll in möglichst vielen Untersuchungen des Instituts auch zu den drei anderen Forschungsprogrammen realisiert werden, um so schrittweise ein Instrumentarium aufzubauen, das von Längsschnitt- und Paneluntersuchungen im engeren Sinne über Sekundäranalysen von Wiederholungsbefragungen und Dokumentenanalysen hin zu biographischen Verfahren reicht. In diesem Zusammenhang plant das Institut u. a. eine qualitative Panelstudie zur Mediatisierung jugendlicher Lebenswelten.