Die Forschungsprogramme des Hans-Bredow-Instituts

Forschungsprogramm 1 „Transformation öffentlicher Kommunikation: Journalistische und intermediäre Funktionen im Prozess der Meinungsbildung“

Ausgangspunkt des Forschungsprogramms 1 sind die durch die Digitalisierung der Medienproduktion, -distribution und -nutzung ausgelösten Transformationsprozesse der medienvermittelten öffentlichen Kommunikation. Sie haben Entgrenzungen zur Folge, die dazu führen, dass die aus Anbieter- und Nutzersicht, aber auch aus einer normativ-gesellschaftlichen Perspektive bislang relativ klar differenzierbaren Angebotstypen und Informationsfunktionen an Trennschärfe verlieren: Neben professionellen Journalismus und klassische Massenmedien treten neue Akteure, algorithmisch operierende Intermediäre sowie Nutzerinnen und Nutzer selbst, die sich zunehmend einflussreich an der Herstellung von Öffentlichkeit(en) beteiligen. Dies wirft die Frage auf, zu welchen Machtverschiebungen es hierbei in einem Kommunikationssystem kommt, dem in der Gesellschaft traditionell die Kernfunktion zukommt, Öffentlichkeit herzustellen und zur Meinungsbildung beizutragen.

Das zentrale Erkenntnisinteresse des Forschungsprogramms besteht darin, besser zu verstehen, wie unter diesen Bedingungen, und ausgehandelt zwischen Anbietern und Nutzern, Öffentlichkeit hergestellt wird. Um diesen grundlegenden Zusammenhang untersuchen zu können, werden im Rahmen des Forschungsprogramms die Verschränkungen in den Blick genommen, die zwischen Informationsproduktion, Informationsangeboten und Informationsnutzung bestehen und aus denen sich Ansatzpunkte für eine Regulierung ableiten lassen, die die Informationsfunktionen der Medien absichern will.

Konkret wird untersucht, wie sich etablierte und neue Anbieter im Feld des Journalismus auf die sich zunehmend ausdifferenzierende Medienumgebung und Mediennutzung, auf die Automatisierung und Algorithmisierung der eigenen Arbeitsprozesse, aber auch auf die Konkurrenz durch funktional äquivalente Leistungen nicht-journalistischer Dienste und Anbieter einstellen. Ziel ist die Entwicklung eines konzeptionellen, theoretischen und methodischen Rahmens, der die Abgrenzung „journalistisch-redaktioneller“ Angebote von sonstigen Kommunikationsangeboten erlaubt. Entsprechend wird im Hinblick auf die Mediennutzung untersucht, wie und mit Hilfe welcher kommunikativer Praktiken sich Menschen informieren und mit Öffentlichkeit(en) in Beziehung setzen. Hierbei stellt sich die Frage, welche Funktionen Intermediäre einerseits und journalistisch-redaktionelle Angebote andererseits im Informationsrepertoire unterschiedlicher Nutzergruppen erfüllen.

Die gesellschaftliche Relevanz der so beobachtbaren Veränderungen ergibt sich aus dem Einfluss, den medial vermittelte Kommunikation auf die Prozesse individueller und gesellschaftlicher Meinungsbildung hat bzw. haben kann. Für die Bestimmung unterschiedlicher Formen der Einflussnahme fehlt es derzeit aber an begrifflichen und konzeptionellen Grundlagen. So ist der Rechtsbegriff der „vorherrschenden Meinungsmacht“, auf den derzeit rundfunkrechtliche Vielfaltskontrolle aufbaut, bei näherer Betrachtung in allen Begriffsteilen unklar, etwa im Hinblick auf die Begriffsweite der „Meinung“ und die Frage nach der Art des Einflusses und seiner Vermittlung, aber auch in Bezug auf das Verständnis von „Meinungsbildungsprozessen“. Daher wird im Rahmen des Forschungsprogramms ein konzeptioneller Rahmen für medienbezogene Einflüsse auf Meinungsbildungsprozesse erarbeitet, der eine Grundlage dafür schafft, auf die beschriebenen Transformationen rechtlich zu reagieren.

Forschungsprogramm 2 „Regelungsstrukturen und Regelbildung in digitalen Kommunikationsräumen“

Im Zentrum des Erkenntnisinteresses des Forschungsprogramms 2 stehen Fragen sozialer Ordnung in digitalen Kommunikationsräumen. Das Programm adressiert dazu Regelungsstrukturen und Regelbildung aus sozial- und rechtswissenschaftlicher Perspektive. Soziale Medien und andere Informations-Intermediäre, ob als Web-Angebote oder Apps, erleichtern die Teilhabe an öffentlicher Kommunikation und schaffen neue Foren und Praktiken der gesellschaftlichen Selbstverständigung. Sie ermöglichen „niedrigschwellige“ Formen persönlicher oder kollaborativer Öffentlichkeiten, die Grenzen zwischen privat-persönlicher und öffentlicher Kommunikation verschieben. Zugleich werfen Phänomene wie „Hate Speech“ oder die Interaktion mit Software, etwa in Form von Algorithmen oder „Social Bots“, drängende Fragen nach den Regeln auf, die dieses kommunikative Handeln beeinflussen, respektive an denen es sich orientieren sollte.

Analytisch lassen sich digitale Kommunikationsräume und ihre Regeln aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten, die sich in den grundlegenden Forschungsfragen des Programms spiegeln: Welche normativen Faktoren können in digitalen Kommunikationsräumen unterschieden werden und welche Regelungsstrukturen bilden sich im Zusammenspiel dieser Faktoren (Strukturperspektive)? Durch welche Prozesse und Praktiken entstehen Regeln in und für digitale Kommunikationsräume, und welche Wechselwirkungen existieren zwischen Regelbildungsprozessen innerhalb und außerhalb der Räume (Prozessperspektive)? Welche Akteure sind in welchen Konstellationen Teil von Regelbildung und/oder Regelungsstrukturen, wie sind die entsprechenden Machtverhältnisse konstituiert und wie werden darin Verantwortung und Legitimität zugeschrieben (Akteursperspektive)?

Bisherige Vorarbeiten zeigen, dass aus Strukturperspektive eine Differenzierung von Gesetzesrecht, Verträgen, sozialen Normen und technischem Code als normativen Faktoren analytisch belastbar und empirisch ertragreich ist. Diese Faktoren bilden komplexe, in sich nicht widerspruchsfreie Regelungsstrukturen etwa im Hinblick auf die Unterscheidung zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit in sozialen Medien. Aufbauend auf der Differenzierung der vier normativen Faktoren soll das Forschungsprogramm die auch für die Weiterentwicklung von Internet Governance relevante Frage untersuchen, wie sich normative Strukturen in solchen intermediären Organisationen herausbilden, die für die oben genannten Phänomene zentrale Positionen in der entsprechenden Akteurskonstellation besetzen – also etwa Suchmaschinen oder soziale Netzwerkseiten.

Forschungsprogramm 3 „Wissen für die Mediengesellschaft“

Mit dem Forschungsprogramm 3 will das Institut evidenzbasiertes Wissen zu gesellschaftlich relevanten medienbezogenen Themen und Fragen hervorbringen, vermitteln und fruchtbar machen. Dazu werden drei Zielsetzungen miteinander verwoben:

Erstens wird ein kontinuierliches Monitoring des Wandels der Medienumgebung und seiner potenziellen Konsequenzen implementiert.

Da diese Konsequenzen je nach Themenfeld sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können, hat das Institut zweitens einige konkrete Felder festgelegt, auf denen es durch problemorientierte Forschung die Konsequenzen dieses Wandels untersucht und zusätzlich auf der Meta-Ebene der Frage nachgeht, welche Rolle evidenzbasiertes wissenschaftliches Wissen bei der Bewältigung dieses Wandels spielt. Dabei werden die jeweilige Akteurskonstellation, die handlungsleitenden Ziele und Zielkonflikte sowie die Art und Weise der Aufnahme und Verarbeitung von Wissen berücksichtigt.

Im Einzelnen handelt es sich dabei um vier Themenfelder, in denen das Institut in den vergangenen Jahren kontinuierlich grundlagenbezogene und anwendungsorientierte Forschung durchgeführt hat und von den wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Akteuren als Kompetenzzentrum wahrgenommen wird: a) Aufwachsen in digitalen Medienumgebungen und Jugendmedienschutz, b) Public Service und Public Value, c) Gesundheitskommunikation und d) Mediengeschichte.

Ausgehend von den Erkenntnissen in diesen vier Feldern besteht die dritte Zielsetzung in der feldübergreifenden Analyse der Rolle von Wissenschaft in der Mediengesellschaft. Untersucht wird, welche Art von Wissen in welcher Weise genutzt wird und wie der Forschungsprozess von der Fragestellung bis zur Vermittlung von Ergebnissen anzulegen ist, um einen nachhaltigen Beitrag zur Bewältigung und Ausgestaltung des medialen Wandels zu leisten.

Im Hinblick auf die erste Zielsetzung, die kontinuierliche Beobachtung des Wandels der Medienumgebung, verbindet das Institut verschiedene Arbeitsformen. Dazu gehören zusammenfassende und einordnende Darstellungen zur Medienentwicklung. Zu konkreten Fragestellungen werden systematische Forschungsmonitorings durchgeführt. Derzeit erarbeitet das Institut ein Konzept für eine öffentlich zugängliche Informationsplattform, mit der – in Zusammenarbeit mit relevanten Medieninstitutionen und -unternehmen – aktuelle Daten zum Wandel der Medienumgebung dokumentiert und zu Thesen über den Wandel verdichtet werden.

Die Umsetzung der zweiten Zielsetzung erfolgt im Wesentlichen durch problemorientierte Forschungsprojekte: Im Austausch mit den für die genannten Themenfelder relevanten Stakeholdern werden Konzepte und Instrumente für die Identifizierung relevanter Problemstellungen, für die Erhebung handlungsorientierter empirischer Evidenz und für nachhaltigen Wissenstransfer erarbeitet. Die dabei gemachten Erfahrungen werden reflektiert und vor dem Hintergrund der für das betreffende Feld charakteristischen Akteurskonstellation, der relevanten Interessen und der Art und Weise, wie wissenschaftliche Evidenz kommunikativ verarbeitet wird, zu Fallstudien darüber ausgearbeitet, welche Faktoren die Rolle von Wissenschaft für die Mediengesellschaft stärken oder schwächen können.

Für die dritte Zielsetzung werden diese Erkenntnisse feldübergreifend ausgewertet und für die Entwicklung neuer Forschungsmethoden und Formen des Wissenstransfers an unterschiedliche Adressatengruppen (Scientific Community, Politik, zivilgesellschaftliche Gruppen) genutzt.

Nachwuchs-Kolleg „Algorithmed Public Spheres“

Mit dem Format des Nachwuchs-Kollegs etabliert das Hans-Bredow-Institut eine neue Form der Nachwuchsförderung: Besonders qualifizierte Nachwuchswissenschaftlerinnen und
-wissenschaftler auf Postdoc-Ebene aus dem In- und Ausland arbeiten zu aktuellen Themen- und Problemstellungen zusammen – im Rahmen von Gastaufenthalten, Workshops, gemeinsamen Projektanträgen und Publikationen. Das Kolleg kombiniert institutsfinanzierte (befristete) Stellen und Stipendien sowie Drittmittelprojekte unterschiedlicher Dauer. Das Kolleg besteht aus einer vom Institut finanzierten Vollzeit-Postdoc-Stelle für die Koordination; hinzu kommen bis drei Fellows, die im Schnitt zur Hälfte aus Drittmitteln finanziert werden sollen. In Ergänzung zu den Forschungsprogrammen soll das Kolleg so innovative Impulse setzen und Anstöße für künftige Programme geben.

Mit dem Thema „Algorithmed Public Spheres“ (APS) hat das Institut für die erste Phase ein aktuelles und innovatives Thema gesetzt, das an die Forschungsprogramme des Instituts anschließt: Im Fokus steht die zunehmende Bedeutung von Algorithmen für die Priorisierung, Klassifikation, Assoziation und Filterung von Medieninhalten und digitaler Kommunikation, etwa in Suchmaschinen (Google), Empfehlungssystemen (Amazon) und bei der Auswahl von Nachrichten und Postings (Facebook, Twitter). In dem Kolleg untersuchen internationale Forscherinnen und Forscher aus unterschiedlichen Disziplinen gemeinsam die Implikationen für Kommunikation und Öffentlichkeit, die mit algorithmischer Datenverarbeitung in digitalen Plattformen verbunden sind.