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Eine neue Hamburger Mediengeschichte?

Die Ende 2014 erschienene „Medien- und Kulturgeschichte der Metropolregion“ Hamburg präsentiert sich als sehr popularisierendes Sachbuch. In acht Parforceritten erzählt Thomas E. Fischer viel von „glanzvollen Momenten“ und „prägenden Persönlichkeiten“ – übrigens ganz unhanseatisch, nämlich mit einem deutlichen Hang zu Superlativen für die Hansestadt. Für erläuternde Kontexte, für kritische Distanz zum Untersuchungsgegenstand oder gar für wissenschaftliche Reflexion bleibt da wenig Platz.

Der Anspruch des Ende 2014 im Hamburger Verlag tredition erschienenen 452-Seiten-Bandes ist von Anfang an nicht unbescheiden – er will nicht weniger als „Die (!) Medien- und Kulturgeschichte der Metropolregion von der Gründung bis zur Gegenwart“ vorlegen. Und sein Titel ruft Hamburg zur „Medienhauptstadt“ aus. Autor dieses ambitionierten Unterfangens ist Thomas E. Fischer, studierter Historiker, seit 2005 im Hamburger Schuldienst tätig. Sein Vorwort fällt mit vier Seiten schmal aus, gibt jedoch mit Zuschreibungen à la „Spitzenstellung in der deutschen Medienlandschaft“ und „Inbegriff der Medien- und Werbewelt“ den Grundakkord vor. Dann geht es zur Sache. Acht Mal wird Hamburgs Mediengeschichte durchschritten, getrennt nach den jeweiligen „Medien“. Dieser Begriff wird erfreulich weit gefasst, so dass hierunter im Einzelnen fallen: „Zeitungen und Zeitschriften“ (11ff.), „Verlage, Literatur, Theater“ (71ff.), „Musik und Musiktheater“ (143ff.), „Die Bildenden Künste“ (191ff.), „Werbung“ (255ff.), „Film, Funk und Fernsehen“ (272ff.), „Museen und Geschichtskultur“ (318ff.), „Computer und Internet“ (355ff.). Abschließend bilanziert der Autor ein „beeindruckendes Panorama“, das sich in seinen Zeitreisen aufgetan habe.

Doch stimmt das wirklich? Der Eindruck, der nach der Lektüre der Parforceritte bleibt, ist eher beherrscht von einer Fülle von Einzelheiten, die erwähnt werden. Da sind zunächst hunderte „Persönlichkeiten“, deren Namen im Text fett gedruckt sind und deren biographische Steckbriefe ein paar knappe Sätze bis maximal eine halbe Seite umfassen (ein Personenregister erschließt die Persönlichkeiten). Hinzukommen weitere Hunderte von Namen von Unternehmen, Organisationen, Instituten, Theatern, Print-Titeln etc. (sie sind jedoch nicht über ein Register erschlossen). Auch hier stehen Kurzinformationen im Vordergrund. Stichproben ergaben nicht selten eine erstaunliche Übereinstimmung mit den Informationen, wie sie auf unternehmerischen Webseiten oder in Wikipedia-Artikeln zusammengefasst sind. Das fördert nicht gerade die Verlässlichkeit und in der Tat schleichen sich allerorten kleine Fehler und Ungenauigkeiten ein, aber auch handfeste Fehlinformationen machen die Runde. Ist es beckmesserisch, wenn das Kürzel ARD nicht richtig aufgelöst wird, die Gründung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Hamburg zu spät datiert wird und Olaf von Wrangel vom Absolventen sogleich zum Leiter der Rundfunkschule befördert wird? Allein auf den wenigen Seiten zur NWDR- und NDR-Geschichte ließen sich Dutzende Unrichtigkeiten nachweisen. Da fallen sprachliche Ausrutscher fast schon nicht mehr ins Gewicht, wenn politisch klar wertend vom „Abtreibungswesen“ die Rede ist (295), wo eigentlich von einem legitimen Kampf gegen einen diskriminierenden Abtreibungsparagraphen in den 1970er Jahren gehandelt werden sollte.

Leserinnen und Leser erfahren also viele Einzelheiten, wenn sie sich auf die Lektüre durch die „Medienhauptstadt Hamburg“ machen, aber sicherlich wenig Zusammenhängendes und schon gar keine nachprüfbaren Wertungen. Denn auf Nachweise von Zitaten, auf Fußnoten wird über 400 Seiten hinweg konsequent verzichtet. Selbst ein Literaturverzeichnis sucht man in diesem Band vergeblich. Die „Medienhauptstadt Hamburg“ kommt ohne einen einzigen Literaturhinweis aus (!).

Was also bleibt? – In erster Linie Erstaunen über ein Unterfangen, das sicherlich viel Mühe gemacht haben mag, das als Zusammenstellung aber noch weit mehr Fragen aufwirft. Was ist überhaupt eine Medienhauptstadt, wenn Wissenschaftler wie Karl Christian Führer anhand von Hamburg seit etwa 2008 versuchen zu ergründen, was „Stadtraum und Massenmedien“ ausmacht, und die Medienmetropole Hamburg über den Begriff der medialen Öffentlichkeit in den Griff zu bekommen versuchen? Was ist eine Metropolregion und wann wurde sie von wem gegründet, wie der Titel sprachlich verunglückt nahelegt? In zweiter Linie bleibt die ungelöste Aufgabe, aus der reichhaltigen Literatur zum Medienstandort Hamburg, das wirtschaftliche, kulturelle und soziale Potential transmedial, also im Zusammenhang der einzelnen Medien mit- und untereinander zu erkunden. Im vorliegenden Buch bleibt trotz vieler Einzelinformationen so vieles außen vor. Schade, lautet das Urteil. Weitermachen, anders weitermachen lautet das Fazit.

 

 

Hans-Ulrich Wagner

Fischer, Thomas E.: Medienhauptstadt Hamburg. Die Medien- und Kulturgeschichte der Metropolregion von der Gründung bis zur Gegenwart. Hamburg: tredition 2014.