Investigativer Fernsehjournalismus - "Anno" und der Start der politischen Fernsehmagazine in den 1960er Jahren



Zu Beginn des Jahres 1960 planten sowohl der Bayerische Rundfunk als auch der Nord- und Westdeutsche Rundfunkverband eine politische Magazinsendung. Beide Sendeeinrichtungen wollten sich über Inhalt und Form ihrer jeweiligen Sendungen austauschen, wobei der Bayerische Rundfunk Priorität bei der Anmeldung habe – dies wurde auf der Sitzung der Ständigen Programmkonferenz der ARD festgehalten, die vom 24. bis 26. Februar 1960 in München tagte. Acht Monate später ging am 25. Oktober 1960 „Anno“ auf Sendung, ein zeitkritisches Magazin des Bayerischen Rundfunks, aus dem zwei Jahre später „Report“ hervorging. Wenig später – am 4. Juni 1961– startete auch der NDR wöchentlich mit „Panorama“. „Anno“ kann demnach als erstes politisches Magazin gelten, sieht man einmal von einem „Panorama“-Vorläufer ab, der im Norden unter dem Reihentitel „Panorama – Worüber man spricht, worüber man sprechen sollte“ von 1957 bis Anfang 1958 zu sehen war.


Politische Fernsehmagazine in den 1960er Jahren

„Anno“ und „Panorama“ als die ersten zeitkritischen Magazine in der westdeutschen Fernsehprogrammgeschichte waren der Auftakt für viele heute noch bestehende politische Fernsehmagazine. Im Laufe der 1960er Jahre folgten „Report“ (1962, als Nachfolger von „Anno“), „Monitor“ (1965) und „Kontraste“ (1968). 18 Sendungen von „Anno“ waren bis zum 8. Juni 1962 im Fernsehprogramm der ARD zu sehen, bevor es in „Report“ umbenannt wurde: In den Senderunterlagen des Bayerischen Rundfunks ist die Sendung auch als „Chronik“ vermerkt. Die ersten vier Sendungen wurden – gemäß dem Auftrag der Programmkonferenz – zunächst noch ausschließlich vom BR produziert, ab dem 25. April 1961 dann gemeinsam mit dem SDR, da der ehemalige BR-Hauptabteilungsleiter Helmut Hammerschmidt Anfang 1961 Chefredakteur des SDR wurde. Die Leitung der Münchner „Anno“-Redaktion übernahm Hans Heigert. Ausgestrahlt wurde die wöchentliche Sendung im bundesweiten Fernsehprogramm der ARD nach der „Tagesschau“. In den Programmzeitschriften wurde die Sendung jeweils mit der Jahreszahl, als „Anno 1960“, „Anno 1961“ bzw. „Anno 1962“ angekündigt. Im Untertitel hieß „Anno“ bezeichnenderweise „Filmberichte zu den Nachrichten von gestern und morgen“. Damit war der Programmauftrag klar umrissen: Es sollten in unmittelbarer Programmumgebung zur „Tagesschau“ Hintergrundinformationen zu dieser Nachrichtensendung geliefert werden, möglichst aktuell also, für die aber mehr Sendezeit als in der Nachrichtensendung zur Verfügung steht. So wurde „Anno“ nach der „Tagesschau“ meist um 20.20 Uhr, zunächst unregelmäßig, ab 1961 dann meist freitags ausgestrahlt.


Journalistische Größen

Feste journalistische Größen der damaligen Sendungen waren Dr. Hans Lechleitner, Dagobert Lindlau, Walter Mechtel, Heinz Metlitzky und Hans Ulrich Reichert. Dagobert Lindlau als einer der prominentesten Vertreter war bereits seit Mitte der 1950er Jahre für die ARD im Nachrichtenbereich tätig: So lieferte er „Tagesschau“-Berichte, aber auch schon Auslandsreportagen aus Krisengebieten. Die meisten Reporter arbeiteten bereits vorher fernsehjournalistisch, so zum Beispiel die ARD-Korrespondenten Metlitzky und Mechtel, während andere wie Reichert zunächst über Zeitungen und den Hörfunk zum Fernsehen gelangten oder aber wie Lechleitner vorher im Ausland bei der BBC tätig gewesen waren. Als „Allrounder“ berichteten sie über ‚weiche’ und ‚harte’ Themen gleichermaßen und häufig bereits investigativ. Allesamt machten sie danach bei den öffentlich-rechtlichen Programmen weiter journalistisch Karriere und waren Mitinitiatoren von herausragenden und heute noch bekannten Sendeformaten, wie zum Beispiel „Report München“ (Lindlau), „ZDF-Magazin“ und „In diesen Tagen – Zeitgeschehen – Nah gesehen“ (beide Metlitzky). Viele Journalisten setzten ihre Karriere nahtlos bei der Nachfolgersendung „Report“ fort, so zum Beispiel Heinz Metlitzky, Dagobert Lindlau und Hans Lechleitner.


Vorbild BBC

Obwohl die BBC im Nachkriegsdeutschland vor allem mit dem NWDR personell und strukturell verbunden war, galt auch für das in München entstehende „Anno“ die BBC als journalistisches Vorbild. Namensvetter für die erste „Panorama“-Reihe war denn auch die gleichnamige erfolgreiche Magazinsendung der BBC. Die deutsche „Anno“-Redaktion übernahm von der BBC bereits fertig produzierte Filmberichte, so unter anderem von Edmund Wolf einen Beitrag über die englische Währungskrise. Überhaupt waren die Inhalte der frühen „Anno“-Sendungen stark außenpolitisch geprägt. Das Gros der Berichte behandelte überwiegend außenpolitische Fragen und wirtschaftliche Themen, die länderübergreifend waren. Es wurde von Kongos Unabhängigkeit berichtet, von Jordanien, der Militärdiktatur Türkei, Algeriens Reaktion auf den Staatsbesuch von de Gaulle, Kubas Auseinandersetzung um den amerikanischen Flottenstützpunkt. Als sprichwörtliches „Fenster zur Welt“ stellte die Sendung insbesondere auch weit entfernte Länder vor und hinterfragte zumeist deren politische Stabilität, etwa als ein Porträt über Hongkong als Wirtschaftsfenster von China gesendet wurde. Innenpolitische Themen kreisten um die noch relativ jungen NS-Verbrechen und deren Aufklärung sowie um militärische Themen, wie zum Beispiel den Starfighter oder die Kriegsdienstverweigerer.


Journalismus (selbst-)kritisch begutachtet

Neben der Innenpolitik hatten aber auch so genannte „buntere“ Boulevardthemen bereits ihren festen Platz: So wurde zum Beispiel über die Hochzeit von König Badouin I mit Fabiola de Mora y Arágon in Belgien berichtet oder die amerikanische Künstlerin Josephine Baker sowie der Ölindustrielle Paul Getty (als reichster Mann der Welt) porträtiert. Nicht nur über Klatsch und Tratsch wurde bei „Anno“ berichtet, sondern die Sendung gehörte auch zu den ersten Fernsehformaten, welche sich kritisch mit der Berichterstattung und dem Beruf des Journalisten selbst auseinandersetzte. Im Magazinbeitrag vom 26. Januar 1961 mit dem Titel „Deutschland  deine Klatschreporter“ gerät der Boulevardjournalist Dieter Bochum ins Kreuzverhör. Dort wird er kritisch auf seine Rolle als Autor einer vieldiskutierten „gegenwärtig in einer großen illustrierten laufenden serie“ befragt, in der „wiederholt auf eine fülle von privaten und intimen beziehungen von künstlern von autoren von produzenten von managern hingewiesen wird“ (Originalzitat aus dem Filmbericht: Einstellungen 30-32). „Betroffene“ Künstler, wie zum Beispiel der Sänger Peter Kraus und die Schauspielerin Maria Schell, kommen zu Wort, die von den „Übergriffen“ der Boulevardjournalisten und ihren gerichtlichen Schritten gegen die Presse berichten. Peter Kraus beklagt sich über unwahre Zitate in einer Illustrierten. Maria Schell gar warnt eindringlich am Ende des Magazinbeitrags vor diesen „auswüchsen“ der Presse, „die letzten endes niemandem nützen denn sie sind wenn man es genau nimmt eigentlich nur entwürdigend, (…) für die die es schreiben und auch ein wenig für die die es lesen“ (Einstellung 67).

Damit übte „Anno“ früh auch Medienkritik und lieferte Beiträge zur kritischen Auseinandersetzung mit Journalisten und deren Arbeitsbedingungen. Der Boulevardjournalismus  oder auch „Klatschjournalismus“ wie es in „Anno“ noch pejorativ heißt  wurde kritisiert. Von dieser Art Berichterstattung wollte man sich damals als „seriöserer Journalismus“ distanzieren. Journalismuskritik bedeutete demnach auch eine Positionierung und Behauptung des noch jungen eigenen Berichterstattungsmusters, nämlich des investigativen Fernsehmagazinjournalismus.

 


Kerstin Maupaté-Steiger, Hamburg

Die Autorin ist Verfasserin des Buches "Reflex statt Reflexion? Medien- und Journalismusdiskurse in investigativen TV-Magazinen. Eine Langzeitanalyse der Berichterstattung von 1960 bis 2004". Die Untersuchung ist 2009 erschienen im Hamburger Verlag Dr. Kovač als Band 9 der Reihe „Communicatio“. In dieser Arbeit finden sich zahlreiche weitere Beispiele für den frühen Medien- und Journalismusjournalismus in den politischen Fernsehmagazinen.