„Gentleman“, „Labour-Lord“ und „Außenminister des NWDR“: Walter D. Schultz

Anschluss an Europa finden

Im Mai 1948 bot Hugh Carleton Greene ihm das so genannte „Außenreferat“ des Nordwestdeutschen Rundfunks an. Greene, der zwischen 1940 und 1945 den Deutschsprachigen Dienst der BBC leitete, stand zu diesem Zeitpunkt als Brite der deutschen Rundfunkanstalt als Generaldirektor vor. Das Angebot an Walter D. Schultz, eine Stabstelle in der Generaldirektion unter Greene und wenig später unter Adolf Grimme zu bekleiden, war verlockend. Schultz ergriff diese Chance.

Die neu zu schaffende Abteilung bündelte eine Vielzahl von Aufgaben und Zuständigkeiten. Hierzu zählte vor allem der Aufbau von internationalen Beziehungen zu den ausländischen Rundfunkanstalten. Schultz beförderte den Programmaustausch mit europäischen Sendern und ermöglichte zahlreiche Einladungen von auswärtigen Künstlern nach Hamburg. Als herausragende Beispiele gelten der Auftritt des Komponisten Bertold Goldschmidt 1949 sowie mehrere Lesungen und Streitgespräche mit dem Publizisten Kurt Hiller.

Darüber hinaus gehörte zum Aufgabenbereich des Außenreferats der Aufbau eines Korrespondentennetzes im Ausland. Mit der Betreuung und der Koordination der Journalisten in verschiedenen europäischen Hauptstädten sollte der deutsche Rundfunk nach zwölf Jahren Hitler-Diktatur wieder Anschluss finden an das, was „draußen“ vor sich ging. Schultz hatte solchermaßen Anteil daran, dass die Radio- und wenig später auch Fernsehprogramme des NWDR zu einem „Fenster zur Welt“ wurden. (Foto: Walter D. Schultz. Anfang der 1960er Jahre. © NDR)


Ein junger Politiker mit Namen Helmut Schmidt

Nicht genug damit, zählte es zu seinen Aufgaben, die Beziehungen des Senders zu den Gewerkschaften und vor allem zu den Parteien zu verbessern. Schultz, seit 1948 Mitglied der SPD in Westdeutschland, erhielt den Spitznamen „Labour-Lord“, als jemand, der sich zu „Labour“ bekannte und dies mit dem Auftreten eines „Lords“ verknüpfte. Dieses Profil erwarb er sich nicht zuletzt mit einer Sendereihe, die über viele Jahre hinweg im Programm war. Unter dem Titel „Das politische Forum“ diskutierten seit Ende 1949 Vertreter der Parteien am runden Tisch zu Sachthemen. Schultz legte dabei Wert auf die „Qualität der Teilnehmer“. An den Pressereferenten der SPD schrieb er: „Ich bitte Sie daher sehr, sich in Ihrem Parteikreis um einen Teilnehmer zu bemühen, der wirklich die Themen beherrscht.“ Die Sendung sollte, so Schultz im redaktionellen Briefwechsel, dazu dienen, dass die „politisch aktiven Kader der Parteien Gelegenheit zur Aussprache“ haben bzw. er dachte daran, „auf diese Weise jungen und begabten Kräften in den Parteien Gelegenheit zu geben, sich in öffentlicher Diskussion vor dem Mikrophon zu üben.“ In den Protokollen der etwa 200 Sendungen umfassenden Reihe aus den 1950er Jahren findet sich das ‚Who is who’ vieler damals junger deutscher Politiker, die später in den 1960er und 1970er Jahren Karriere machten – darunter 1950/51 auch ein gewisser Helmut Schmidt aus Hamburg. „Das politische Forum“ wurde bereits zeitgenössisch als „Chance zur öffentlichen demokratischen Meinungsbildung“ begriffen.


Wechselvolle Biografie

In der Biografie von Walter Detlef Schultz spiegeln sich viele der politischen Zeitumstände wider. Der am 5. Oktober 1910 als Sohn einer Beamtenfamilie geborene Schultz konnte aus wirtschaftlichen Gründen sein Abitur an der Seminar- und Aufbauschule nicht mehr ablegen. Stattdessen musste der junge, ehrgeizige und politisch interessierte Mann eine kaufmännische Lehre beginnen. Doch sein erster Arbeitgeber in Hamburg ging in der Wirtschaftskrise Konkurs, erst bei Villeroi und Boch in Hamburg konnte er die Lehre abschließen. Ab 1929 arbeitete Schultz als Angestellter in Hannover und studierte parallel dazu an der Leibniz-Akademie, einer Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie. Bereits 1925 hatte Schultz sich in der SPD und in der sozialistischen Jugendarbeit engagiert, von 1931 an war er für einige Zeit auch Mitglied der KPD. Schultz war neben seiner Tätigkeit in der Fliesenabteilung einer Hannoverschen Firma als freier Mitarbeiter für Hannoversche Lokalzeitungen sowie für politische Zeitschriften tätig. Die Nationalsozialisten hatten ihn also bereits im Visier, als sie an die Macht kamen. Im März 1933 wurde Schultz verhaftet und in verschiedenen Konzentrationslagern festgehalten. Erst aufgrund der Hindenburg-Amnestie wurde er im August 1934 freigelassen, musste aber wenig später emigrieren. Es folgten äußerst schwierige Exiljahre in Prag.

In diesen Jahren entstand die Freundschaft mit Kurt Hiller. Was im KZ Oranienburg 1933/34 begonnen hatte, wurde zu einer lebenslangen engen Beziehung. Wiederholt setzte sich Schultz für den bis 1955 im Londoner Exil lebenden Intellektuellen ein und trug im August 1955 zu Hillers Rückkehr nach Hamburg bei.


Start bei der BBC

Auch Schultz hatte es 1938 nach Großbritannien verschlagen. Das Exil dort war zunächst recht entbehrungsreich. Als „feindlicher Ausländer“ wurde Schultz – wie viele deutsche Emigranten damals – von den Briten interniert und von Juli 1940 bis Juni 1941 in Australien festgesetzt. Erst im Oktober 1941 gelang der jungen Familie – Schultz hatte im März 1939 geheiratet, im Mai 1940 wurde der Sohn Peter geboren – eine spürbare Verbesserung der persönlichen Lebensumstände. Schultz erhielt eine Anstellung beim Deutschsprachigen Dienst der BBC, arbeitete als Sprecher und Übersetzer von Kriegsgefangenensendungen und entwickelte eine eigene Sendung für die deutsche Kriegsmarine. Darüber hinaus engagierte er sich in den Londoner Exilgruppen, gehörte der „Landesgruppe deutscher Gewerkschafter in Großbritannien“ und der Londoner Gruppe der Sozialdemokratischen Partei im Exil an.


„Beinahe wieder zu Hause“: Chef des Funkhauses Hannover

1955 wurde der Nordwestdeutsche Rundfunk in die beiden öffentlich-rechtlichen Anstalten des Westdeutschen und des Norddeutschen Rundfunks aufgeteilt. Während für einige journalistische Kollegen diese Trennung zur beruflichen Zäsur wurde, setzte Walter D. Schultz als Mit-Vierziger seine Karriere fort. 1956 avancierte er zum stellvertretenden Leiter der Hauptabteilung Politik und im November 1961 wählte ihn der Verwaltungsrat des Senders zum neuen Chef des NDR Funkhauses in Hannover. Schultz kehrte damit an den Ort zurück, an dem 30 Jahre zuvor seine journalistische Laufbahn begonnen hatte. „Beinahe wieder zu Hause“, titelte die „Hannoversche Allgemeine“ bei Amtsantritt und begrüßte den neuen Direktor freundlich: „Walter D. hat allerhand vor. Er möchte den Funk- und Fernsehort Hannover – den einzigen ‚Rivalen’ der Zentrale Hamburg – dahin bringen, daß in diesem Strahlungsbereich Hörfunk und Fernsehen als Institution der Öffentlichkeit empfunden werden und kein abgekapseltes Dasein führen. Er hofft, daß ihm das 3. Fernsehprogramm etwa ab 1963 die Möglichkeit gibt, mehr Regional- und Detailsendungen im hannoverschen Raum zu liefern.“ Dem neuen Funkhausdirektor war nur wenig Zeit für die Umsetzung dieser Pläne vergönnt. Am 13. August 1964 starb Walter D. Schultz im Alter von nur 53 Jahren an einem Herzinfarkt. Er wurde auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf beigesetzt.

Die Nachrufe würdigten Walter Detlef Schultz als „Botschafter des deutschen Rundfunks“ und verliehen ihm den scherzhaft-respektvollen Titel „Außenminister des Nordwestdeutschen Rundfunks“. Die Erinnerungen der journalistischen Kollegen offenbaren darüber hinaus auch die persönliche Sympathie für den Menschen Walter D. Schultz. Klaus Bölling, zu dieser Zeit stellvertretender Chefredakteur des NDR Hörfunks, stellte den „Gentleman“ vor: „Wir behelfen uns hierzulande gern mit dem angelsächsischen Begriff des Gentleman, weil uns der Begriff des Herrn durch vielerlei geschichtliche Assoziationen verdächtig geworden ist. Walter D. Schultz (…) war ein Herr, ein Herr im Sinne seiner hanseatischen Heimatstadt, und er korrigierte vieler Kollegen ungenaues Bild vom spröden Hamburger. Manches Mal, wenn ich mit ihm zusammen war, schien es mir, als habe sich hier ein Diplomat versehentlich in das Metier des Journalismus begeben.“ Peter Raunau, damals Chefredakteur der „Hannoverschen Presse“, schilderte den anregenden Gesprächspartner: „Was mir zuerst an ihm auffiel und als beherrschender Eindruck blieb, war seine große Kontaktfreudigkeit, seine ständige Bereitschaft zu ernsten – wie auch heiteren Gesprächen. Er wollte und mußte Fühlung mit Menschen haben (so gern und soviel er las) und es gelang ihm schnell, menschliche Verbindungen herzustellen, denn er war aufgeschlossen, sehr vielseitig interessiert, immer anregend.“

Hans-Ulrich Wagner, Oktober 2010

Ein ausführlicher biografischer Essay zu Walter D. Schultz ist vor kurzem in den „Schriften der Kurt Hiller Gesellschaft“, Band 4, erschienen. Diese Publikation ist der Begleitband zur Ausstellung Der Weltverbesserer Kurt Hiller - Ausstellung zum 125. Geburtstag des Publizisten, Pazifisten, Juristen, die noch bis zum 31. Oktober 2010 in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg zu besichtigen ist.

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