Heranwachsen mit dem Social Web: Präsentation der Forschungsergebnisse

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Zur Rolle von Web 2.0 -Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen

Die Angebote des sog. Social Web, wie Netzwerkplattformen (z. B. SchülerVZ, StudiVZ), Videoplattformen (z. B. YouTube), Instant Messaging-Dienste (z. B. ICQ, MSN) sowie Weblogs und Wikis, haben für Jugendliche einen hohen Stellenwert in ihrem Medienrepertoire und ihrem Alltag. Die sich eröffnenden Möglichkeiten zur Selbstdarstellung, Partizipation, Vernetzung und Beziehungspflege nutzen sie dabei je nach Bedürfnis und Anliegen auf ganz unterschiedliche Art und Weise.

Manche Angebote bergen aber auch Risiken, etwa hinsichtlich des Daten- und Nutzerschutzes sowie der Transparenz. Insbesondere Fehleinschätzungen bezüglich der Reichweite, Nachhaltigkeit und Dynamik von Social Web-Angeboten können bei Jugendlichen eine riskante Nutzung begünstigen.

Die LfM-Studie, die am 29.4.2009 in Düsseldorf vorgestellt wurde, gibt Aufschluss darüber, was Jugendliche und junge Erwachsene über die neuen Kommunikationsmöglichkeiten denken, wie sie im Alltag mit diesen umgehen und welche Unterschiede sich dabei je nach Alter, Geschlecht und sozialem Kontext zeigen. Damit wird eine Grundlage geschaffen für eine sachliche Auseinandersetzung mit diesem wichtigen und heute bereits alltäglichen Bestandteil der Medienlandschaft.

Die Faszination der Angebote sowie die Art der Selbstdarstellung und -inszenierung sind für Außenstehende und Unbeteiligte oftmals nicht nachvollziehbar und werden eher skeptisch betrachtet, was sich nicht selten in einer grundsätzlichen Kritik der Angebote niederschlägt. Die Debatte über Risiken kreist vor allem um die Netzwerkplattformen, wobei die Berichterstattung dazu führt, dass es zu einer Gleichsetzung von „Social Networking Sites“ und „Social Web“ kommt und potenzielle Risiken dieser konkreten Angebote pauschal auf das Social Web übertragen werden, was der Vielfältigkeit des Angebotsspektrums keinesfalls gerecht wird. Unberücksichtigt bleibt in diesem Zusammenhang oftmals auch, dass die Risiken nicht allein von dem Angebot ausgehen, sondern erst im Wechselspiel von angebotsbezogenen Funktionalitäten und sozialen und medienbezogenen Kompetenzen entstehen. Insbesondere Fehleinschätzungen bezüglich der Reichweite, Nachhaltigkeit und Dynamik von Social Web-Angeboten können eine riskante Nutzung begünstigen. Viele Nutzer wähnen sich beispielsweise in geschlossenen und privaten Communities und machen sich nur wenig Gedanken über das Publikum oder über die langfristigen Folgen ihres Handelns, das im Netz dokumentiert bleibt.

Unterschätzt wird auch die Dynamik, mit der sich die Inhalte verbreiten, wenn z.B. ein privates, vermeintlich lustiges Foto in Umlauf gebracht wird und der Absender die Kontrolle über die Verbreitung verliert. In einigen Fällen machen sich die Nutzer einen Spaß, manchmal handelt es sich um bewusste Provokation, zumeist entstehen die genannten Probleme jedoch aufgrund von Unwissenheit (u.a. auch im Bezug auf rechtliche Fragen wie z.B. Urheberrecht) oder naiven Vorstellungen von Online-Öffentlichkeiten. Dies berührt auch den viel diskutierten Risikobereich der Datensammlung und -weitergabe durch Dritte.

Auch wenn einige Nutzer (u.a. durch Kampagnen oder Medienberichte) für diese Risiken sensibilisiert sind, sehen sie sich – insbesondere bei der Nutzung von Netzwerkplattformen – in einem Dilemma, da die erfolgreiche Teilnahme, die auf das Knüpfen von neuen Beziehungen bzw. den Ausbau des eigenen Netzwerkes zielt, ein gewisses Maß an Offenheit und auch Authentizität verlangt. Diesen Preis sind jedoch die meisten bereit zu zahlen.

Neben den datenbezogenen Problembereichen sollte aber auch der zeitliche Aspekt nicht unberücksichtigt bleiben. Der mit der Beteiligung an sozialen Netzwerken und der Pflege von sozialen Beziehungen verbundene Zeitaufwand kann mitunter dann zu einem Problem werden, wenn er nicht mehr im Verhältnis zu anderen Aktivitäten steht.

Die Feststellung, dass sowohl die angebotsbezogenen Funktionalitäten als auch die sozialen und medienbezogenen Kompetenzen der Nutzer für die Qualität der Nutzung entscheidend sind, verweist auf die relevanten Handlungsbereiche und Akteure, wenn es darum geht, die Risiken der Onlinenutzung so weit wie möglich zu minimieren. Unsicherheit auf Seiten der Nutzer resultiert zum einen aus fehlender Kenntnis und mangelnder Transparenz bezüglich der Geschäftsbedingungen und z.B. des Datenschutzes. Die Anbieter sind hier gefordert, ein größtmögliches Maß an Transparenz in Bezug auf die Nutzung und Weiterverwendung der Daten herzustellen. Zugleich sollte den Nutzern auch die Entscheidungsfreiheit eingeräumt werden, inwieweit sie ihre Daten für andere Zwecke zur Verfügung stellen.

Unsicherheit ergibt sich aber auch durch fehlende medienbezogene Kompetenzen. Für Eltern, Schulen und weitere pädagogische Akteure stellt sich insofern die Aufgabe, die Heranwachsenden einerseits für die Risiken zu sensibilisieren, sie andererseits aber auch dahingehend zu unterstützen und zu fördern, die Potenziale des Social Web für die eigenen Bedürfnisse besser nutzen zu können. Lohnend scheint ein Blick auf Überlegungen und Ansätze, die nicht nur die „klassischen“ Dimensionen von Medienkompetenz auf das Social Web übertragen, sondern noch stärker auf  die soziale Dimension Bezug nehmen und sich mit der Frage beschäftigen, wie ein respekt- und verantwortungsvoller Umgang im und mit dem Social Web gelingen bzw. gefördert werden kann.

 

 

Die Untersuchung, die von der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) in Auftrag gegeben wurde, stützt sich auf eine Analyse der wesentlichen Angebotsmerkmale des so genannten Social Web, Gruppendiskussionen und Einzelinterviews mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowie eine Repräsentativbefragung unter 12- bis 24-jährigen Online-Nutzern in Deutschland. Dem Begriff Social Web werden dabei vor allem Netzwerkplattformen (z. B. SchülerVZ, StudiVZ), Videoplattformen (z. B. YouTube), Instant Messaging-Dienste (z. B. ICQ, MSN) sowie Weblogs und Wikis zugerechnet.

Auftragnehmer waren das Hans-Bredow-Institut (Dr. Jan-Hinrik Schmidt, Prof. Dr. Uwe Hasebrink) sowie der Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg (Prof. Dr. Ingrid Paus-Hasebrink).

Die Studie ist im Herbst 2009 als Buch in der Schriftenreihe Medienforschung der LfM erscheinen:

Zur Rolle von Web 2.0-Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, herausgegeben von Jan-Hinrik Schmidt, Ingrid Paus-Hasebrink und Uwe Hasebrink. Berlin: Vistas (Schriftenreihe Medienforschung der LfM; 62), 364 S., Verlagsinformationen